Ein mörderischer Sommer

Artikel veröffentlicht am 12. August 2013
Artikel veröffentlicht am 12. August 2013

Das Wetter ist schön, die Ferien haben begonnen - was noch fehlt ist gute Reiselektüre. Gut geschrieben und spannend soll sie sein, aber bitte nicht zu schwer. Wer das richtige Buch für seinen Urlaub noch nicht gefunden hat, dem helfen wir mit unserer kleinen Liste der europäischen Krimis. Erfrischt euch mit uns an nordischem Schnaps oder hört im Süden die Zikaden singen.

Es ist wieder einmal soweit. Wie jedes Jahr steht ihr unentschlossen vor dem Bücherregal der Tankstelle/des Bahnhofs/des kleinen Ladens an der Ecke in dem kleinen Dorf, wo ihr euren Urlaub verbringt. Das sommerliche Ambiente mit Stränden, Zügen, Swimming Pools, Autos, Flugzeugen und Siestas im Schatten einer Pinie macht euch Lust darauf, etwas zu lesen. Natürlich hättet ihr euch ein oder zwei Bücher von zu Hause mitnehmen können. Aber zwischen dem Spinoza, der auf eurem Schlafzimmertisch seit 8 Monaten Staub fängt und dem neusten deprimierenden Roman von Yasmina Khadra, ein Weihnachtsgeschenk, habt ihr euch für die einfachste Lösung entschieden: „Pah, ich kauf mir dort eins!“

Nun seid ihr dort, aber jetzt, was nehmen? Der Krimi als literarisches Sub-Genre wurde lange Zeit als kommerziell Literatur zur Zerstreung bezeichnet (die schlimmstmöglichen Beleidigungen in literarischen Kreisen). Seit einigen Jahren werden Detektivromane aber wieder mehr geschätzt, von den Lesern und den Kritikern. Die Begeisterung für solche Gaunergeschichten, angefangen mit dem Roman Noir der 60er und 70er Jahre, hat seinen Höhepunkt in Phänomenen wie der hochgelobten Bücher von Stieg Larsson erreicht. Tödliche Intrigen,  zwielichtige Stimmung und Helden, denen man lieber nicht persönlich begegnen möchte – der Stil hat sich komplett neu erfunden und bleibt dabei doch in Tradition der Abenteuer von Sherlock Holmes oder Kommissar Maigret.

Fabelhaft, genau so etwas würde euch gefallen! Ein Buch mit Spannung, gut geschrieben und nicht zu schwer, packend und gehaltvoll, deftig aber nicht einschläfernd. Aber vor den Bücherregalen bringen euch diese Wünsche erst einmal nicht weiter. Kriminalromane gibt es in Tonnen und die Titel ermöglichen kaum ein Urteil, über die Qualität der Geschichte. Von Agatha Christie habt ihr beispielsweise sicherlich schon 250 gelesen und am Ende des Monats immer wieder vergessen, wer der Mörder ist.

Um euch in diesem Dschungel zurechtzufinden, wollen wir euch ein paar heiße Tipps mit auf den Weg geben. Romane, die euch auf die Reise schicken und mit denen ihr andere europäische Länder und fremde Kulturen entdecken könnt. Was könnte besser geeignet sein als ein Krimi, der Sozial-Roman schlechthin, um intensiv in die Kultur und das Alltagsleben, die Psyche, die Landschaft und die Städte und Dörfer eures Urlaubslandes einzutauchen? Folgt uns (unauffällig) auf unserer europäischen Krimi-Tour.

ÖSTERREICH: WOLF HAAS – DIE « BRENNER-REIHE » (1996 – 2009)

Von Salzburg nach Graz, Innsbruck oder Wien, entdeckt ihr hier Österreich, wie ihr es noch nie gesehen habt – und wahrscheinlich auch nie wirklich sehen wollt. Mit sarkastischem Stil, oft schon ans Sardonische grenzend, hat Wolf Haas seine Brenner-Reihe geschaffen. Im Zentrum steht der Detektiv Simon Brenner, der sich in einer zwielichtigen Umgebung bewegt und alle Vorgänge in sehr persönlichem und morbidem Tonfall kommentiert. Ohne großes Mitleid mit dem geplagten Detektiv erzählt ein beobachtender Erzähler die Geschichte, immerzu mit einer Prise schwarzem, sehr österreichischem Humor. Buchvorschläge? Definitiv der erste Band der Reihe Auferstehung der Toten und das in Wien spielende Komm, süßer Tod für einen Besuch der Hauptstadt. 

SCHWEDEN: SJÖWALL UND WALLÖÖ – ROMAN ÜBER EIN VERBRECHEN (1965 – 1975)

Roman über ein Verbrechen ist die erste Romanreihe aus dem hohen Norden, die Europa im Sturm eroberte. Im Mittelpunkt steht der schwedische Kommissar Martin Beck, der für das Stockholmer Mords-Dezernat schwierige Fälle löst. Mit einem Stil scharf wie ein Skalpell erzählen die Autoren im ersten Roman Die Tote vom Götakanal die Geschichte von Roseanna. Eine kühle und harte schwedische Erzählung inmitten des Wohlfahrtstaates, der nicht so idyllisch ist, wie man vielleicht glauben mag…

England: David Peace – Damned United (2008) 

Als Gegenstück zu den vielen düsteren und schweren Kriminalromanen bietet sich Damned United von David Peace an, der Roman ähnelt eher einem Thriller als einem klassischen Krimi. Die Geschichte spielt im Nordosten Englands, einer Region, die noch immer die Wunden des Bergbaus trägt und im Spannungsfeld zwischen Leeds, Derby und Sunderland vom Fußball besessen ist. In Damned United geht es um starke Emotionen, Schmutzwäsche und um Intrigen in und um den Sport, mit denen Brian Clough, ehrlicher Alkoholiker und seit den 60ern fanatischer Fußballfan, ringt.

Italien: Andrea Camilleri – Commissario Salvo Montalbano (1978 – 2013) 

Wenn ihr euch einen Urlaub in Italien heuer nicht leisten könnt, ihr aber trotzdem Sehnsucht nach dem belpaese habt, ist dieses Buch genau das Richtige für euch! Vom guten Essen bis zum Temperament könnt ihr mit Commissario Salvo Montalbano durch und durch in den Alltag und die Intrigen des kleinen (fiktiven) sizilianischen Dorfes Vigàta eintauchen. Sängerisch beschwingt und nach sizilianischer Küche duftend, ist die ganze Reihe heute bereits Kult in Italien. Vorzugsweise mit einem Gläschen kühlem Tasca d‘Almerita zu genießen. 

Spanien: Manuel VÁzquez Montalbán (1972 – 2004)

Sympathisch und ein großer Feinschmecker – der katalanische Privatdetektiv Pepe Carvalho ist aus der modernen Kriminalliteratur nicht wegzudenken. Montálban, der viele andere große Autoren inspiriert hat, lässt euch Spanien und seine Küche im Rhythmus von Ermittlungen und Mahlzeiten seines Helden entdecken, zwischen friedlichen Bergen von gegrilltem Gemüse und mordlüsternen Landschaften vom Metzger nebenan. 

Frankreich/Belgien: Simenon – Die Ermittlungen des Kommissars Maigret (1931 – 1972)

Jenes Paris, das man noch nie kennengelernt hat und liebend gerne einmal so kennenlernen würde, entfaltet sich wie eine Theaterbühne aus der wunderbaren Feder von Simenon, rund um die Fälle von Kommissar Maigret. Bärbeißig aber durch und durch menschlich, hat jener Kommissar mit einer Leidenschaft für kühles Bier und Schinkensandwiches den Charme der alten Detektivromane, die noch von der dunklen Ästhetik der Verbrechen träumten. 

Und für jene treuen Leser, die sich bis zum Ende dieser Seite durchgekämpft haben, noch ein Geheimtipp als Belohnung:  Der Franzose Jean-Patrick Manchette hat den französischen Krimi neu erfunden, mit einem harten, umstürzerlischen und absolut großartigen Stil.

Vielen Dank an Benjamin, Hildegard, Pascal, Matthieu und Valeria (in Reihenfolge der Erscheinung) für ihre hilfreichen Tipps.