Ein Marathon der Masturbation

Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2008

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Die Klitoris als nichtreproduzierendes Sexualorgan eignet sich hervorragend zur Dekonstruktion der Mutterrolle und des damit verknüpften Frauenbildes. Über Jahrhunderte geächtet, befreit sich die Masturbation zunehmend von Komplexen.

"Klitorale Masturbation ist eine natürliche Handlung, denn sie ist angeboren. Der Fötus masturbiert ©Jean-Claude Gawsewitch Editeurbereits im Mutterleib", erklärt Rosemonde Pujol. Die französischen Medien tauften die 87-jährige seit der Veröffentlichung ihres Buchs Un petit bout de bonheur ("Ein kleines Stückchen Glück", d. Übers.) auf den Spitznamen "Fräulein Klito". Auch wenn Selbstbefriedigung heute den Ruf einer leichten Entspannungspraxis mit Potential zur Neubegründung des Frauenbildes genießt, blickt sie doch auf eine Geschichte von Verboten und Verteufelung zurück. Die Verdammung des beherzten Griffes in den Schritt scheint dabei mindestens befremdend. Immerhin tun es schon Ungeborene, Tiere, aber auch Diogenes tat es in den Straßen des antiken Athens. Doch eine Allianz von Religion, Wissenschaft und Unwissenheit machte das Streicheln der "süßen Früchte der Geschlechtsreife", wie es Baudelaire beschrieb, zu dem "schädlichen Brauch, entstanden aus Trägheit und Müßiggang" der Enzyklopädie von 1765.

Die Menschheit in Gefahr

"Fünf gegen Einen", "die Mandoline stimmen", "sich einen runterholen". Dieser begriffliche Einfallsreichtum beweist die gesellschaftliche Ächtung, der Masturbation jahrhundertelang ausgesetzt war - aber auch das Ausdrücke für weibliche Masturbation in der sprachlichen Abbildung oft noch ihrem männlichen Pendant hinterherhinken. Das Stigma entstand hauptsächlich aus einer ©Denis Diderot, Les Bijoux indiscrets (Die geschwätzigen Kleinode), Amsterdam : Marc-Michel Rey, 1772Interpretation des biblischen Mythos des Onan, der verurteilt wurde, nachdem er seinen Samen auf dem Boden verteilte, anstatt ihn in den Bauch seiner Frau zu geben und der Entdeckung der Samenzelle durch Leeuwenhoek im Jahre 1677. Von diesem Zeitpunkt an wurde Masturbation zu einem Angriff auf das Leben, eine Absage an die Zeugung. Sie bedroht die Familie, die Gemeinschaft und sogar die Zukunft des Menschengeschlechts.

Aber während weibliche Masturbation lange unter gesellschaftlicher Verdrängung litt, ist ihr männliches Pendant beinahe zur Banalität geworden. Sie erobert mit Leichtigkeit den abendländischen Kulturraum - man denke nur die Onaniegedichte von Bukowski (Aufzeichnungen eines Außenseiters), American Pie oder daran, wie Philip Roth ein "wunderbares Stück Fleisch, übergehend ins Violette roher Leber" (Portnoys Beschwerden) in Szene setzt.

Verleumdung des weiblichen Selbst

Selbstbefriedigung ist nicht selbstverständlich für Frauen, die aufgrund geschichtlicher Unterdrückung Keuschheit und Selbstverleumdung gewohnt sind. Vor allem deshalb ist Masturbation in den vergangenen Jahren ein Schlachtfeld für tatsächliche Gleichberechtigung geworden. Rosemonde Pujols Buch ist dabei nur ein Beispiel für eine neue Bewegung, die dem Schweigen durch aktives und reaktives Zurschaustellen ein definitives Ende setzen möchte.

Aktionen wie der '' streicheln die gleiche Kerbe. Dieser Masturbationsmarathon steht Frauen wie Männern offen und wurde nach London und San Francisco im vergangenen Mai in Kopenhagen abgehalten. Oder Internetseiten wie www.ifeelmyself und www.beautifulagony.com, die mehrheitlich Fotos von Frauen ins Netz stellen, die masturbieren. So versuchen sie einen weniger verhemmten Zugang zu weiblicher Lust zu ermöglichen.

©masturbate-a-thon.com

Die Klitoris, das Hedonistinnenorgan

Das weibliche Vergnügen und die Bedeutung der Klitoris scheinen die Trennung von Lust und Fortpflanzung zu versinnbildlichen. Dieses Phänomen wird politisch, wenn ‚man‘ und ‚frau‘ sich vergegenwärtigen, wie ausdauernd das Bild der Frau jahrhundertelang über die Reproduktion definiert wurde. Der Weg zur Gleichberechtigung führt also zwangsweise über das Recht auf den vollen Genuss am eigenen Körper. Die Klitoris ist dank ihrer Nutzlosigkeit für die Fortpflanzungsfunktion das perfekte, postmoderne Symbol für vollständige Gleichberechtigung. Entgegen der dominanten Dogmen von Nutzen, Leistung und Effizienz, ist sie ein essenziell hedonistisches Körperteil.

Aus diesem Grund erklärt Rosemonde Pujol den Kitzler "zum poetischen Organ, denn er ist eines der raren Körperteile die keine Funktion in der Fortpflanzung haben". Aus dem gleichen Schluss entstand übrigens Freuds Unverständnis gegenüber der ungeahnten Komplexität des menschlichen Körpers. Er schrieb in seinem Aufsatz Das Sexualleben: "Die Masturbation der Klitoris ist eine maskuline Aktivität und die Unterbindung der Klitorissexualität ist eine Bedingung der Entwicklung der Weiblichkeit." Seine Position ist offen phallozentrisch, wenn er die Klitorissexualität als "die Verachtung des Mannes" beschreibt.

Glücklicherweise legten die Arbeiten zur Sexualität von Masters und Johnson dar, dass es - mindestens - zwei verschiedene Typen von Orgasmen gibt, und zeigten so, dass die weibliche Masturbation dem männlichen Hin-und-Her bei weitem überlegen ist. Männer und Frauen aller Kontinente seien also zur Entdeckung aufgefordert. Die Damenwelt möge sich zurücklehnen und genießen.