Ein Jahr Fehltherapie

Artikel veröffentlicht am 8. August 2005
Artikel veröffentlicht am 8. August 2005

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Die Ärzte Europas haben an das Heilmittel „Verfassung“ geglaubt. Aber schon die Diagnose war ein Irrtum. Jetzt ist der Moment der Alternativtherapie.

Die Ärzte verlieren die Nerven. Niemand diagnostizierte das alarmierende Problem. Chirac, Schröder, Berlusconi – sie alle waren überzeugt, dass die Krankheit Europas eine einfache Kreislaufschwäche wäre, die der Erweiterung um zehn neue Länder und der daraus folgenden Vervielfältigung der Blutbahnen geschuldet ist.

Die Illusion von 2004

Deshalb hatten sie anlässlich des Gipfels von Laeken 2001 beschlossen, den Konvent unter Vorsitz von Giscard d’Estaing zu bilden: „Europa ist zu groß geworden,“ dachten sie, „entschlacken wir die Regeln und machen die Regierung beweglicher. Alles wird besser werden.“ Das war die Diagnose, die das europäische Establishment noch 2004 stellte und damit letzten Endes die Illusion schuf, dass die zwei pompösen „Ereignisse“ des Jahres – die Erweiterung am 1.Mai und die Unterzeichnung der Verfassung am 29. Oktober in Rom – die Zeichen der so sehr erhofften Erholung wären.

2005, herzlich willkommen in der Realität

Aber, wie es so oft vorkommt, die Ärzte Europas haben sich als Scharlatane erwiesen. Nein, das Übel unseres Kontinents ist nicht auf die starren institutionellen Mechanismen zurückzuführen. Es handelt sich um ein tieferes Übel, das sich schon seit einer Weile in der Inkubationszeit befindet, im Herzen selbst des alten Europas. Das hat der Herzinfarkt des doppelten Neins der Franzosen und Holländer zur Verfassung im Frühling 2005 gezeigt. Ebenso wie es schon die höchste Enthaltungsrate in der Geschichte der europäischen Wahlen beim Urnengang im Juni 2004 gezeigt hat. Dieses versteckte, ignorierte Übel nennt sich Angst; Angst vor der Globalisierung seitens der „alten“ Staaten wie Italien, Frankreich, Deutschland, alt und daher unfähig, sich an die fortschreitende lokale Ferne, an die Dienstleistungsrichtlinie von Bolkestein oder an das aufsteigende China anzupassen; Angst vor dem Islam seitens der Länder, die es noch nicht geschafft haben, breite Schichten der immigrierten Bevölkerung ausreichend zu integrieren, und die Opfer heimtückischer Attentate geworden sind oder solche fürchten; Angst sogar vor sich selbst, vor Europa, vor einer anders, fern wahrgenommenen EU, als Bedrohung der eigenen Souveränität oder, schlimmer, als Schwächung der eigenen Identität.

Die Alternative ist ein Café

Aber die Therapie, die sich die Europäer heute brauchen, hat – momentan – nichts mit der Wahl zwischen einem tot gesagten Nationalstaat und einem multinationalen europäischen Bundesstaat, den die Verfassung nur zögerlich aufzeigte, zu tun. Wir sind noch nicht bereit. Die richtige Therapie muss jetzt darauf abzielen, die Angst zu besiegen, die Sorge vor dem „morgen“, an dem wir uns alle in der Falle wieder finden.

Zu diesem Zweck wird die Europazeitung café babel ab September die Café-Therapie anbieten, ein Zyklus monatlicher Dossiers über viele Themen, die – zu Unrecht oder zu Recht – die Angst der Europäer nähren; der Veröffentlichung werden physische Debatten folgen in den Cafés und an den Orten der Begegnung in allen europäischen Hauptstädten, wo unsere Korrespondenten präsent sind. Dies soll dazu dienen, Europa die einzige Therapie, die die Angst besiegen kann, vorzuschlagen: Die Therapie der transnationalen Debatte zwischen Europäern unterschiedlicher Länder und Kulturen, die in gemeinsame Probleme und Herausforderungen verwickelt sind.

Nach dem annus horribilis, das uns die mangelhaften Ärzte Europa beschert haben, wechseln wir die Therapie. Nur die Diskussion besiegt die Angst.