Ein "harter Brexit" könnte Großbritannien härter treffen als May glaubt

Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2016

Theresa May hat wiederholt, einen "harten Brexit" von der Europäischen Union anzustreben, trotz des Sturzflugs, den der britische Pound hinlegt und trotz der Warnungen des britischen Finanzamts, Großbritannienn könnte bis zu £66 Milliarden Verluste machen - jährlich. Aber was genau beduetet "harter Brexit" in der Praxis, und was sind seine potentiallen Konsequenzen? 

Handelsdefizit wird dem Land das Genick brechen - La Stampa, Italy

Das britische Pfund ist am Dienstag auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren gefallen. Am Mittwoch hat sich die Währung wieder etwas erholt. Die Leidtragende des harten Brexit ist die britische Wirtschaft, warnt La Stampa: „Die Befürworter des Brexit hören gern Geschichten von shoppenden Ausländern. Mit Recht: Die Ausgaben der Touristen, ihre Mahlzeiten und Übernachtungen, greifen der britischen Wirtschaft unter die Arme. Und es stimmt auch, dass die Exporte dank der schwachen Währung steigen. Doch das wird nicht genügen. Das Vereinigte Königreich hat ein beachtliches Handelsdefizit. ... Es importiert deutlich mehr als es exportiert. Eine schwache Währung ist unter diesen Bedingungen ungünstig, denn sie treibt die Preise der Importe in die Höhe, kurbelt die Inflation an und verringert die Kaufkraft der Verbraucher. Der Export kann dies nicht aufwiegen, denn er bestreitet nur ein Drittel des britischen Bruttoinlandsproduktes, den Rest besorgen Konsum, Investitionen und andere Aktivitäten, die von der schwachen Währung nicht profitieren.“ (13/10/2016)

Mehr Souveränität ist illusorischRzeczpospolita, Poland

Großbritannien dürfte kaum in der Lage sein, durch den Brexit mehr Souveränität zu erlangen, meint Guntram B. Wolff vom Think Tank Bruegel in einem Gastbeitrag für Rzeczpospolita: „Die Premierministerin hat angekündigt, dass ihre Regierung das gesamte EU-Recht automatisch ins britische Recht übernimmt. Zum Zeitpunkt des Austritts aus der Gemeinschaft wird das britische Recht folglich damit identisch sein. ... Dies würde aber bedeuten, dass sich Großbritannien ganz genau an die Richtlinien der EU halten muss, um die aufkommenden Unstimmigkeiten in Grenzen zu halten. ... Doch in einem solchen Szenario wäre die Wiedererlangung der Souveränität nur eine Illusion.“ (13/10/16)

May macht alles nur noch schlimmer - ABC, Spain

Statt die Wogen zu glätten, gießt May nur weiter Öl ins Feuer, ärgert sich ABC: „Die britische Premierministerin hat die zerstörerischen Folgen des Austritts-Referendums anscheinend noch nicht vollends verstanden. ... Ihr eigentlicher Auftrag hätte gelautet, die Auswirkungen dieses Übergangs zu lindern, von der EU-Mitgliedschaft in eine noch unbekannte Zukunft. Stattdessen hat sich Theresa May wohl vorgenommen, eben jene populistischen und nationalistischen Gefühle zu verstärken, die die Briten in diese Krise geführt hatten. Gerade als ob es ihr darum ginge, den von Ukip verursachten Ausgang des Resultats nachträglich zu rechtfertigen. Ihre halbherzig zurückgenommenen Forderungen der Zählung von Ausländern in Unternehmen und Schulen entspringen einem fremdenfeindlichen Geist, den wir in Europa längst überwunden wähnten." (13/10/16)

Über die Form des Brexit bestimmt die EU - The Guardian, UK

Die EU-Kritiker in London irren sich gewaltig, wenn sie glauben, dass die britische Regierung den 27 verbliebenen EU-Staaten wird diktieren können, wie die Beziehung zwischen beiden Seiten neu geregelt wird, meint The Guardian: „Für die vielen Freunde und Bewunderer, die Großbritannien in Europa noch hat, muss das eine schwierige Zeit sein. Einige von ihnen hätten vielleicht erwartet, dass Großbritannien zu diesem Zeitpunkt mitten in einer ernsthaften und weitreichenden Debatte mit dem so viel größeren Bruder auf der anderen Seite des Ärmelkanals steckt, um die Beziehung mit diesem wieder in Ordnung zu bringen. Stattdessen verliert sich das Land in wahnhafter Wichtigtuerei. Es spricht mit sich selbst über sich selbst. ... Die EU wird ihre nationalen und gemeinsamen Interessen mit genau so viel Nachdruck verteidigen wie Großbritannien. Und weil die EU mehr als sieben Mal so groß ist, wird sie es sein, die ihren Willen durchsetzt. … Wie der Brexit aussehen wird, bestimmt die EU.“ (12/10/16)

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