Ein Facebook nur für Roma in England

Artikel veröffentlicht am 2. September 2008
Artikel veröffentlicht am 2. September 2008
Savvy Chavvy ist der Name eines virtuellen sozialen Netzwerks, das von und für junge Roma in England betrieben wird. Ein Projekt des Social Networking und des Web 2.0, über das bereits über 1.000 Personen miteinander kommunizieren, Videos und Informationen austauschen… und sich über das Internet kennenlernen.

Zunächst galt es, Computer, Steckdosen und junge “Zigeuner“ in Südengland zu finden, die bereit waren, vor einem Mikrofon über ihre Erfahrungen als junge Roma zu sprechen. Das Ziel des Projekts Savvy Chavvy ist der Austausch über die gemeinsamen Roma-Wurzeln und die Sammlung von Elementen einer zersplitterten Kultur. Und schließlich hat diese Internetseite, die der Gemeinschaft der Roma in England vorbehalten ist, es als Erstes ermöglicht, die klassischen “Facebooks“ zu vermeiden, bei denen es gegenüber allzu farbigen ethnischen Profilen virtuelle Beleidigungen hagelt. “In den klassischen sozialen Netzwerken des Web erleben die jungen Roma verbale Belästigungen sowie rassistische Kommentare“, berichtet Nathalie McDermott, die das Projekt Savvy Chavvy von A bis Z mit den Roma begleitet hat. Dies bedeutet zugleich das Aus für das inflationär gebrauchte “dirty pikey“, was sich ungefähr mit “dreckige Vagabunden“ übersetzen lässt.

©OnRoadMediaDurch Savvy Chavvy sind nicht weniger als 1.250 Personen der nomadischen und der Roma-Bevölkerung miteinander auf einer Website verbunden, die sie selbst gestaltet haben. “Das Projekt ging im letzten Januar mit 50 jungen Roma los,“ erzählt Nathalie, “und dieser Zuwachs der Anmeldungen ist unglaublich, weil es eigentlich nur wenige Roma in England gibt.“ Ihr Unternehmen, On Road Media, ist vom englischen Verein Media for Development beauftragt worden, fünf Gruppen von Jugendlichen in den Bereichen Medien, Video und Ton auszubilden, um Podcasts und Filme herstellen und eine Seite für den Austausch von Inhalten, Diskussionen und Informationen zu schaffen. “Natürlich versuchen wir, journalistische Inhalte über Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Arbeit bereitzustellen, aber unter den angemeldeten Roma gibt es natürlich auch viele Jugendliche, die einfach miteinander flirten…“, fährt die junge Journalistin und Ausbilderin fort.

Eine Idee schlägt in ganz Europa ein

Das Projekt blieb nicht unbemerkt, seit On Road Media aus den Händen Gordon Browns den Premier’s Catalyst Award entgegengenommen hat, mit dem soziale und technologische Initiativen zugunsten von Gemeinschaften im Vereinigten Königreich ausgezeichnet werden. Gleichgültig, ob Flirtplattform oder Journalismus, dieses virtuelle soziale Netzwerk für Mitglieder von Randgruppen innerhalb der englischen Gesellschaft erlaubt es, sich eine “Zugehörigkeit“ zu einer Interessensgruppe und insbesondere zu einer Kultur zu schaffen, um dann Kontakt zu anderen aufzunehmen: “Ich habe wirklich das Gefühl, dass dieses Netzwerk es zukünftig schaffen wird, Brücken zwischen den Menschen und zwischen den unterschiedlichen Gruppen zu bauen. Die Roma entscheiden selbst, welche Inhalte sie auf einem Teil der Seite veröffentlichen wollen, und diese werden bald für alle Internetnutzer sichtbar sein. Sie wollen vor allen Dingen vermeiden, dass man mit dem Finger auf sie zeigt nach der Art “seht nur, wie die Zigeuner leben“.“

Zugleich machen sie sich ein Wort der Sprache Romani wieder zu Eigen, die von den Romane Chave (Kinder der Roma, A.d.R.) gesprochen wird. ‘Chavvy‘ ist eine liebevolle Bezeichnung für ‘Kind‘. Doch das Wort hat sich im modernen englischen Sprachgebrauch zu ‘geschmacklos‘ weiterentwickelt. ‘Savvy‘ bedeutet ‘intelligent‘.

Die Anhänger von sozialen Medienvereinigungen, die in dieses Pilotprojekt involviert waren, haben natürlich bereits an die Ausweitung des Projekts Savvy Chavvy außerhalb Englands gedacht. “Wenn man die Aggressionen gegen die Roma in ganz Europa sieht, erscheint es vordringlich, Verbindungen zu schaffen“, folgert Nathalie McDermott. “Aber die englischen Roma unterscheiden sich von den anderen europäischen Roma. Wir haben hier schon viel zu tun! Aber natürlich bietet sich das Projekt zum Nachahmen an, um sich mal hier, mal da auf dem Kontinent zu entwickeln… Sich auszubreiten.“