Ein Europa unter Gott?

Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2006

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In Europa agieren Interessengruppen für und gegen den Säkularismus. Der Vatikan hat darin einen Weg gefunden, seine Ziele voranzubringen.

Der fehlende Gottes-Bezug im Entwurf zur Europäischen Verfassung und die Türkei als potentieller Mitgliedsstaat lässt bei einigen die Befürchtung aufkommen, dass die EU sich zunehmend von ihren jüdisch-christlichen Wurzeln löst. Besonders die römisch-katholische Kirche unter Papst Benedikt XVI. hat sich vorgenommen diese „säkularistische und nihilistische Exzesse“ in Europa zu bekämpfen. Doch zum Kampf braucht man Gegner – und Verbündete. Aber was sind die EU und ihre Institutionen in den Augen des Vatikans? Sind sie Verbündete oder eine Bedrohung?

Familienwerte

Während der letzten Audienz des Papstes mit konservativen Mitgliedern des Europäischen Parlaments hat Benedikt XVI. die Rolle der EU als Verbündeter unterstrichen. Obwohl der Verfassungsentwurf keine Gottes-Referenz aufweist, sagte der Papst, dass er dazu beitrage, „eine strukturierte und fortlaufende Beziehung mit religiösen Gemeinschaften“ auf EU- Ebene zu führen. Tatsächlich ist die christdemokratische Fraktion der EPP-ED-Gruppe im Europaparlament nicht zurückhaltend in ihrem Kooperationswillen dem Vatikan gegenüber. „Als ein Anwalt der jüdisch-christlichen Werte, ist sich die EPP-ED Gruppe der spirituellen und moralischen Dimension des europäischen Projektes bewusst“, sagte ihr führender Vertreter, Hans-Gert Pöttering.

Für den Vatikan scheint die derzeitige Situation ideal zu sein. Durch die letzte Erweiterung traten einige große, vorwiegend katholische Nationen bei, allen voran Polen. Was die EU-Politik anbelangt, könnte das den Europäischen Rat empfänglicher für Botschaften des Vatikans machen. Die Tatsache, dass die EPP-ED Gruppe die stärkste politische Gruppe im Parlament darstellt und auch die Polnische Familienpartei im EU-Parlament vertreten ist, zeigt, dass der Vatikan starke Verbündete in dieser Institution hat. Dennoch war es das Europaparlament, die den italienischen Kandidaten für die Europäische Kommission, Rocco Buttiglione, zwang, seine Bewerbung zurückzuziehen – wegen seinen konservativen Ansichten über die Rolle der Frau und der Homosexualität. Ansichten, die, wie er sagte, auf seinem katholischen Glauben basierten.

Unvollkommene Zukunft?

Die letzte Erweiterung mag dem Vatikan gut gepasst haben, die nächste jedoch scheint eher eine Bedrohung zu sein. Rat, Kommission und Parlament haben gemeinsam zugestimmt, der Türkei die Chance auf eine mögliche EU-Mitgliedschaft zu gewähren. Im Jahre 2004 meinte der damalige Kardinal Ratzinger, dass die Türkei mit ihrer muslimischen Bevölkerungsmehrheit, „in ständigem Kontrast zu Europa“ stünde. Ratzinger ist inzwischen Pabst. Doch seine Meinung in diesem Punkt dürfte sich nicht geändert haben.

Auch kritisierten EU-Justizexperten kürzlich die Praxis des Vatikans, bilaterale Verträge mit EU-Mitgliedsstaaten abzuschließen, auch Konkordate genannt. Das letzte Konkordat mit der Slowakei konzentriert sich auf das Recht von Ärzten aus Gewissensgründen Behandlungen zu verweigern. Das wichtigste Beispiel: Abtreibungen. In ihrem Bericht an die Europäische Kommission haben die Justizexperten der EU die Vereinbarkeit solcher Konkordate mit dem EU-Recht infrage gestellt.

Der Feind meines Feindes...

Die Beziehung zwischen dem Vatikan und der EU ist nicht immer einfach. Dennoch scheint es, als versuche der derzeitige Papst, die EU zu seinem Partner zu machen wo es eben geht –und zu seinem Gegner, wenn es nötig ist. In Brüssel beeinflussen sowohl der Botschafter des Vatikans, der päpstliche Nuntius, als auch die Kommission der Bischofskonferenz der EU-Staaten (COMECE) die EU-Politik. Wie andere Lobby-Gruppen sucht der Vatikan seine Verbündete und Gegner an verschiedenen Orten. Auch wenn die EU nicht immer mit dem Vatikan übereinstimmt, versucht der Papst soviel wie möglich zusammenzuarbeiten. Papst Benedikt XVI. scheint sich die Worte Jesu’ aus Lukas 9, 50 zu Herzen genommen zu haben: „ Aber Jesus sagte zu ihm: ‚Schließe ihn nicht aus, denn da er nicht gegen Dich ist, ist er für Dich’“.