Ein Buch mit vielen Wurzeln

Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2014

Ein Mes­ser, das über Be­wusst­sein ver­fügt, und ein totgeglaubter Freund, der vielleicht gar nicht tot ist: Der Roman Ten­drils er­zählt mit Liebe zum sku­ril­len De­tail von den gro­ßen The­men des Le­bens. Traum und Realität liegen bei Licy Duggans Debutroman eng beisammen.

Als Lucy Dug­gan und ich uns 2011 in Straß­burg ken­nen­lern­ten, dach­te ich zu­erst, sie sei Fran­zö­sin. Nach zehn Mi­nu­ten, in denen Lucy von ihrem Hos­telbett aus ver­wirrt auf mich her­un­ter­blick­te und ich ein­fach immer wei­ter Fran­zö­sisch vor mich hin brab­bel­te, klär­te sich das Miss­ver­ständ­nis auf – Lucy war Bri­tin und noch dazu eine, die sehr gut Deutsch sprach. Kein Wun­der, denn Spra­che ist Lucys Lei­den­schaft. In einem In­ter­view, das ich für Die Euros mit ihr führ­te, sagte sie: „Ich mag die Idee, Spra­chen ein wenig mit­ein­an­der zu mixen.“ Nun hat Lucy ihren ers­ten Roman Ten­drils (Peer Press) ver­öf­fent­licht und was als ers­tes auf­fällt, ist – na­tür­lich – die Spra­che. Le­ben­dig, poe­tisch. Wun­der­schön und be­rüh­rend.

Die Stadt als Schick­sal

„Ten­drils“ be­deu­tet so viel wie „Ran­ken“ oder „Rin­gel­lo­cken“. Das passt, denn tat­säch­lich sind die ver­schie­de­nen Er­zähl­strän­ge so kunst­voll mit­ein­an­der ver­wo­ben, dass sie sich erst nach und nach ent­wir­ren las­sen und der Kern der Er­zäh­lung zum Vor­schein kommt. Aber was ist er denn, die­ser Kern? Da wäre zu­nächst ein­mal die Ge­schich­te der Künst­ler Ochre und Tomáš. Einst waren sie beste Freun­de, wohn­ten und ar­bei­te­ten zu­sam­men im vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Prag – Tomáš stets der Han­deln­de von Bei­den, po­li­tisch aktiv und wa­ge­mu­tig, be­wun­dert von dem etwas pas­si­ven Ochre. Doch diese Zei­ten sind lange vor­bei, Tomáš hat sich von einer Brü­cke ge­stürzt. Ochre, nun in sei­nen Vier­zi­gern, lebt wei­ter in Prag, lässt sich trei­ben in die­sem Leben, wel­ches immer noch das eines ty­pi­schen Bo­he­mi­ens ist: „He would live there in the swirl and fli­cker of end­less pup­pet shows, and in the ro­mance of an­ci­ent sto­ries. The city was his fate, it was part of him and it was so­meo­ne he was al­ways se­ar­ching for.” Doch eines Tages be­ginnt sich Och­res Wahr­neh­mung zu ver­schie­ben, selt­sa­me Dinge ge­sche­hen – und Ochre ist plötz­lich si­cher, dass Tomàš gar nicht tot ist. Stück für Stück setzt er die wahre Ge­schich­te hin­ter dem Ver­schwin­den sei­nes Freun­des zu­sam­men.

Der zwei­te Hand­lungs­strang er­zählt von den bei­den Freun­din­nen Zu­za­na (Zuzi) und Alena, die auf dem Land im Mäh­ren (Mo­ra­wi­en) auf­wach­sen. Jung und hoff­nungs­voll den­ken sie, nichts könn­te sie tren­nen. Und doch trennt sie bald so viel, wie sie es sich nie hät­ten vor­stel­len kön­nen. Wäh­rend es die künst­le­risch be­gab­te Zuzi in die Welt – ge­nau­er: nach Mün­chen – hin­aus­zieht, träumt Alena vom Leben in einem klei­nen Häus­chen zu­sam­men mit ihrem Freund. Oder tut sie das über­haupt? Und warum kreist ihr Den­ken stän­dig um Zuzi?

Kampf um Selbst­be­stim­mung

Die bei­den Ge­schich­ten schei­nen par­al­lel zu ver­lau­fen, keine Be­rüh­rungs­punk­te zu haben. Doch Schicht für Schicht ent­steht ein Ge­samt­ge­bil­de, eine Er­zäh­lung, bei der sich Rea­li­tät und Fik­ti­on stel­len­wei­se nicht un­ter­schei­den las­sen, in­ein­an­der über­ge­hen, ver­schmel­zen. Manch­mal scheint es, als würde von einer fan­tas­ti­schen Welt be­rich­tet, die zwar so aus­sieht und sich so an­fühlt wie un­se­re – aber klei­ne De­tails las­sen doch daran zwei­feln. Eine Ge­schich­te, die auf auf bis dahin un­be­schrie­be­nen Sei­ten er­scheint. Eine ge­heim­nis­vol­le Frau. Ein Mes­ser, wel­ches über Be­wusst­sein ver­fügt.

Die The­men, die Lucy in Ten­drils be­han­delt, sind die gro­ßen The­men des Le­bens: Freund­schaft, Liebe, die Suche nach dem ei­ge­nen Ich. Das könn­te schnell banal wer­den, wenn Lucy nicht die wun­der­ba­re Ei­gen­schaft hätte, aus ver­meint­lich ba­na­len Din­gen Au­gen­bli­cke voll poe­ti­scher Zärt­lich­keit zu ma­chen. Wenn Alena Zuzi das lo­cki­ge Haar kämmt, klingt das so: „Zuzi’s hair is a fo­rest, an­ci­ent, where the trees have grown the way they like, where birds nest like tiny stars in the tree­tops, where a pole­cat his­ses, and wol­ves…“. Ganz be­hut­sam, fast un­be­merkt zu­nächst, kreist Ten­drils auch um das Thema Eman­zi­pa­ti­on. Ins­be­son­de­re Zuzi führt einen Kampf um Selbst­be­stim­mung, darum, nicht mehr die Pro­jek­ti­on der Sehn­süch­te An­de­rer zu sein. Sel­ber zu malen, statt ge­malt zu wer­den. Alena sagt zu ihr: „The­re’s so­me­thing about you which can’t be sof­te­ned. (…) So­me­thing which can’t be smoo­thed out with brush strokes.” Er­zählt wird gleich­zei­tig die Ge­schich­te der Eman­zi­pa­ti­on eines Lan­des: Tsche­chi­en. Ochre und Tomàš haben die „Sam­te­ne Re­vo­lu­ti­on“ 1989 er­lebt, waren Teil davon. Zuzi und Alena hin­ge­gen wuch­sen im post-so­wje­ti­schen Tsche­chi­en auf – un­be­rührt von der Ver­gan­gen­heit sind sie je­doch nicht.

Tau­send Ver­sio­nen des Ichs

Ihren Freund fragt Alena: „Haven’t you ever wan­ted to feel a con­nec­tion, the thought that your story has hap­pe­n­ed so­mew­he­re else, with va­ria­ti­ons… The thought that there could be a thousand ver­si­ons of you, li­ving in par­al­lel, sto­ries so­me­ti­mes cros­sing…”. Ten­drils lässt daran glau­ben, dass es sol­che Par­al­lel­rea­li­tä­ten gibt. Dass Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und Zu­kunft eins sind. Und dass es sich lohnt, so lange wei­ter­zu­ma­chen, bis auch die letz­ten Ran­ken und Lo­cken ent­wirrt, vor­sich­tig von­ein­an­der ge­trennt sind – und den Blick frei­ge­ben auf das, was vor­her im Di­ckicht ver­bor­gen lag.

Lucy Dug­gan: Ten­drils, Peer Press, 559 Sei­ten, ca. 16 Euro, mit Ori­gi­nal-Il­lus­tra­tio­nen von Jitka Pal­mer.

Lucy schreibt re­gel­mä­ßig sehr kurze Kurz­ge­schich­ten: http://​www.​ti­nys­to­ri.​es/​