Ein Brite im Baltikum: Kant, Karl Marx und Kaliningrad

Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2009

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„Wo kommst du her?“ fragt Irina, eine wohlhabende Moskauerin, „und warum bist du in Kaliningrad?“ Sie hat Recht mit ihrer Frage - ohne ein McDonalds oder eine Junggesellenabschiedsparty in Sicht ist Kaliningrad ein unübliches Ziel für einen Briten in der Ostseeregion.

Die eingeklemmt zwischen Polen und Litauen gelegene Stadt, die eine halbe Million Einwohner zählt, wurde 1945 der Sowjetunion zugesprochen. Erbaut auf den Ruinen des damals deutschen Königsberg, der Bastion der Nazis im Osten, hat sie seit der Perestroika viele negative Kommentare als düsterer Überrest sowjetischer Zeiten erhalten. Kaliningrad, das inzwischen zu einer Sonderwirtschaftszone innerhalb der Russischen Föderation erklärt wurde, erhielt während der Amtszeit Putins spezielle Begünstigungen, da seine Frau aus dieser Stadt stammt. Mit staatlichen Geldern und den Einkommen aus dem Ölgeschäft erlebte die Stadt einen Bauboom und bietet nun den vertrauten Mix aus Auffälligem und Kitschigem, dem Moskau seinen Ruf verdankt. Nahe gelegene Strände versüßen das Geschäft, mit alten deutschen Hotelanlagen, die gerade erst neu gestaltet wurden.

Magermodels und Metrosexuelle

©http://www.flickr.com/photos/bushkov/Im angesagten First Coffee auf dem Siegerplatz treffen Zero-Size-Glamourmodels auf russische Metrosexuelle. Das Café ist der beste Ort der Stadt, um Leute zu beobachten, ein Cappuccino kostet hier läppische 80 Rubel (1,84 Euro oder 1,66 Pfund), einen Bruchteil der Moskauer Preise. An einem Tisch spricht eine Geschäftsfrau hektisch über Flüge nach St. Petersburg, an einem anderen hat sich gerade eine sexy Mama zu einem schnellen Mittagessen niedergelassen. Im verrauchten Herzen des Cafés sind mehrere Geschäftsleute in ein Gespräch vertieft. Auf der Außenterrasse trifft ein türkischer Student einen italienischen Freund.

Kaliningrad - politisch heiße Kartoffel mit eisfreiem Hafen.

Kaliningrad ist eine Stadt mit großen Ambitionen. Einheimische vergleichen sie mit Amerika, Australien oder Singapur. Sie ist ein Schmelztiegel verschiedenster Nationalitäten und Hintergründe, eine politisch heiße Kartoffel mit einem eisfreien Hafen. „Wann immer du jemanden fragst, wo sie oder er herkommt“, erzählt Marina, eine Lehrerin aus Kirgisistan, „ist das äußerst amüsant. Sie sagen immer, ‚von hier’, aber dann fragst du, und woher noch?“ Nachdem die letzten deutschen Ansässigen 1946 deportiert worden waren, kamen die Leute aus der ganzen Sowjetunion hierher - oft aus Zentralasien. Es ist bemerkenswert, wie viele sich immer noch entscheiden zu kommen.

Attraktionen und Widersprüche

Kaliningrad fehlt es nicht an Attraktionen, einen Teil ihres Charmes gewinnt die Stadt sogar aus ihren eklatanten Widersprüchen. Ein verfallenes deutsches Haus wird von sowjetischen Blocks überragt, nur ein paar hundert Meter vom Projekt ‚Fischerdorf’ entfernt, einer keineswegs originalgetreuen Nachgestaltung des alten Königsberg. Am Ende des Siegesplatzes beherbergt das ehemalige Gestapo-Hauptquartier nun den berüchtigten Inlandsgeheimdienst FSB. „Man könnte es nur für eines nutzen“, grinst der Stadtführer Sergej, „für irgendwas in Richtung Design“. Ein paar Häuser weiter thront das heruntergekommene Haus der Sowjets über einem verlassenen Parkplatz, während genau daneben die Fundamente des verschwundenen Königsberger Schlosses ausgegraben werden. Kaliningrad ist ein verwirrender Mix aus Altem, Neuem, Wiedererbautem und Imaginärem: Karl-Marx-Statuen, Brunnen, anspruchsvolle Rentner und Hummer mit getönten Fensterscheiben.

©http://www.flickr.com/photos/womeos/Die Geschichte wird für Kaliningrad zum Geschäft. Die Stadt hat es sowohl auf lokale Interessen als auch auf die nostalgischen deutschen Touristen abgesehen, die jedes Jahr zu Hunderten in die Stadt pilgern. Das Museum am Friedländer Tor bietet eine virtuelle Tour durch das alte Königsberg an, während man in einem Bunker nahe der Universität den Raum sehen kann, in dem die Nazis 1945 die Kapitulation unterzeichneten. In der restaurierten Kathedrale ist dem dort begrabenen Immanuel Kant ein kleines Museum gewidmet. Im Westen des Stadtzentrums ist das vorgenehme, bürgerliche Gefühl der alten Stadt in den gepflasterten, begrünten Straßen mit ihren verfallenden Wohnungen und Villen aus den Zeiten der Jahrhundertwende greifbar.

Die Kurische Nehrung ist das wahre Kleinod der Region. Der fast 100 Kilometer lange Landstreifen zwischen Litauen und Russland ist eine zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Sandbank in der Ostsee, nur eine halbe Autostunde vom Stadtzentrum Kaliningrads entfernt, die eher an die Sahara erinnert als an das frostige Nordosteuropa. Auf der einen Seite der Halbinsel erstrecken sich riesige kilometerlange einsame Dünen, während auf der anderen Seite lange Strände Tagesausflügler aus der Stadt anziehen. Die zur Stabilisierung mit Bäumen dicht bepflanzte Nehrung beheimatet ebenfalls den „Tanzenden Wald“, ein unheimliches Waldgebiet, wo die Bäume mit Knicken wachsen, manche davon sogar mit Schleifen. Kein Wissenschaftler kann dieses Phänomen erklären.

Zurück in der Stadt wirft die frühherbstliche Sonne ein warmes Licht auf die rostigen Bahngleise. Die Schatten spendenden Parks scheinen sich in einem Jahrhundert kaum verändert haben. Aber Kaliningrad wandelt sich schnell. Da ihre Transformation an Geschwindigkeit zunimmt, ist nur ein kleiner Teil der internationalen Geschäftswelt Zeuge des erfrischenden Dynamismus‘ der Stadt.

©http://www.flickr.com/photos/rrrtem/

Reisetipps:

Besonders abenteuerlich sind die Kleinbusse, die über die Pflasterstraßen rasen, dass es einem die Knochen durchschüttelt.

Es gibt billige Flüge nach Gdansk (z.B. www.skyeurope.com), von wo aus täglich Busse nach Kaliningrad fahren.

Visa und Touren können unter http://www.baltexotic.ru/ organisiert werden.

Zimmer in den Hotels der Stadt sind für 45 Euro pro Person und Nacht zu haben (http://www.hotel.kaliningrad.ru).