Ein Autor, tausend Augen

Artikel veröffentlicht am 10. April 2007
Artikel veröffentlicht am 10. April 2007

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In der ganzen Welt entstehen Internetseiten, auf denen sich Bürger als Journalisten betätigen dürfen.

Es ist ein „neuer Journalismus“, den die amerikanische Website NewAssignment.net angestoßen haben will. Erfahrene Journalisten stellen ihre Themen und Ideen ins Netz, ganz normale Bürger setzen sie um. So schwingt sich die Unterwelt des Bürgerjournalismus zu ungeahnten Höhenflügen in Sachen Glaubwürdigkeit auf. Jay Rosen, Journalistik-Professor an der New York University und als Fürsprecher des Bürgerjournalismus bekannt, hat nicht nur die Internetseite NewAssignment.net vor einem Monat gegründet, sondern auch den Markennamen dazu in die Welt gesetzt: pro-am journalism, professioneller Amateuer-Journalismus.

„Demokratie“ und „Open Source“ sind die Schlüsselbegriffe dieses neuen Versuchobjektes. Das erste Projekt, Assignment Zero, hat sich das Wikipedia-Prinzip zu eigen gemacht. Crowdsourcing nennt sich die Idee der freien Online-Enzyklopädie: Eine Liste mit Themen wird ins Netz gestellt, und jedem steht frei, daran eigenverantwortlich mitzuarbeiten. Die Profis treten dann in den Dialog mit ihren „Informanten“, geben Feedback und koordinieren die Artikel oder Interviews.

Bisher hat das Projekt in Amerika bereits mehr als 700 Amateur-Reporter für Geschichten gewonnen, die „gewöhnliche Medien nicht machen, nicht machen können, nicht machen würden oder schon kaputt geschrieben haben“, wie Rosen erklärt. Und das ohne die üblichen Geburtsfehler und Grenzen eines reinen Amateur-Projektes.

Alte Idee, neue Möglichkeiten

Auch Europa ist auf den Geschmack dieser neuen Bewegung jenseits des traditionellen Reportertums gekommen, nachdem „gewöhnliche“ Amerikaner anfingen, in ihren investigativen Geschichten den anderen auf die Finger zu schauen. So hat sich der britische Sender BBC mit anderen großen Medienmachern wie dem US-Sender CNN und der Nachrichtenagentur Associatied Press (AP) zusammengetan, um Inhalte von Laien in sein Angebot aufzunehmen. Diese globalen Drehscheiben der Nachrichtenwelt greifen schon länger auf Material von Bürgern zurück: Am Tag nach den Londoner Bombenanschlägen im Juli 2005 beispielsweise zeigten alle britischen Medien dasselbe Handy-Foto. Darauf bringt ein Unbekannter eine Frau in Sicherheit, deren verbranntes Gesicht von einer gespenstischen weißen Maske bedeckt wird.

NewAssignment.net ist nur ein Beispiel von vielen. Den Anfang machte der südkoreanische Journalist Oh Yeon Ho, der im Februar 2000 die Online-Zeitung Ohmynews, der wir den Spruch „jeder Bürger ist ein Reporter“ zu verdanken haben. Dutzende Journalisten arbeiten fest mit einem Korrespondentennetz an Bürgern zusammen, die aus aller Welt berichten.

Europa ist dabei mit eigenen Websites gefolgt. 2003 gründeten drei dänische Journalisten Flix.dk1, die erste dänische Seite für Bürgerjournalismus. Das französische Modell Agoravox kam zwei Jahre später ins Netz und deckt mit einem regelrechten Kapillarsystem alle Genres von Berichten bis zu Kommentaren ab. Außerdem gibt es Blogs und persönliche Homepages von mehr als 3000 Freiwilligen. Im Januar vergangenen Jahres folgte Großbritannien mit The Latest. Marc Wadsworth, einer der Gründer, kritisierte die „weiße, männliche Mittelschicht-Agenda der Tagespresse, die Themen und Ansichten von Minderheiten ignoriert“. Wadsworth sieht Wiki-Journalismus-Projekte wie NewAssignment.net als Chance, die Festung der allgemeinen Informationshoheit zu stürmen, weil dieser Journalismus auf umgekehrtem Wege funktioniert und Professionnelle in die Welt der Amateure bringt.

Goliath hilft David

Doch die Vision vom Bürgerjournalismus braucht Geld, um nicht nur eine Fata Morgana zu bleiben. NewAssignment.net hat mehrere finanzielle Standbeine im Visier: „Online Spenden, traditionellen Spendenaktionen, Verbreitungsrechte, Sponsoren, Anzeigen, und jede andere Methode, die die Unabhängigkeit oder den Ruf der Seite nicht einschränkt“.

Ausgerechnet Craig Newmark hat dem Projekt bereits 10 000 US-Dollar vermacht. Der 54jährige gründete die weit verbreitete Craigslist, ein Online-Netzwerk mit verschiedensten Kleinanzeigen – das heute in den USA oft als Totengräber der traditionellen Medien angesehen wird. Die kostenlosen Anzeigen im Internet ersetzen die Kleinanzeigen in der Zeitung und damit deren Finanzierungsgrundlage. Und nun will der „Killer“ auch noch den Bürgerjournalismus zum Leben erwecken.

Unterdessen beeilt sich Europa, seine Unterschrift unter das Projekt zu setzen. Die britisch- deutsche Nachrichtenagentur Reuters hat 100 000 Dollar investiert. Goliath hilft David, und das nicht ohne Grund: Reuters versucht zurzeit mit allen Mitteln das Wohlwollen der Web-Szene zurückzugewinnen. Im Sommer 2006 ertappten Blogger Reuters mit digital veränderten Bilder von Bürgern bei den israelischen Bombenangriffen auf Beirut.

Es ist zu früh, um zu sagen, ob das Projekt von Jay Rosen funktionieren wird, oder ob sich noch mehr intelligente Ableger des Bürgerjournalismus jenseits des Antlantiks entwickeln werden. Insbesondere in den USA ist es nur selten gelungen, Bürger und die „Hohepriester“ des Journalismus zusammenzubringen, wie die schreibende Elite unter Bloggern höhnisch genannt wird.