Ein Argonaut auf unseren Straßen

Artikel veröffentlicht am 5. August 2004
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Artikel veröffentlicht am 5. August 2004

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Diesen Sommer müssen wir Europäer mal wieder verreisen. Doch es ist die ewige Wiederkehr, die das programmierte moderne Leben uns als falsche Unterbrechung der Routine aufzwingt.

Eine Reise verdeckt immer einen Wunsch, eine flüchtige Hoffnung. Die räumliche Distanzierung dieser Träume (ich denke, Träume waren schon immer durch eine räumliche Distanzierung geprägt, sonst wären sie bloße Repliken unseres Lebens, Sehnsüchte ohne Nahrung) hat zur Folge, dass unsere Straße, unsere Stadt oder unser Land unserem Geiste nicht erbaulich scheinen. Doch diese Wünsche werden mediatisiert, sie entstehen systematisch: in der Filiale des Reisebüros um die Ecke oder auf einer ansprechenden Homepage. Inkonformismus spiegelt sich wider in großen Datenbanken, von Freizeitsoziologen gemessen und ökonomisch gewichtet, anschließend dann von Reisedesignern in wohlkonsumerable Pakete gegossen. Weit entfernt von epischen Welten der Unsterblichkeit reisen wir für zwei Wochen nach Ithaka, in vollkommen europäischen, rationalen und kultivierten Reisegruppen.

Ich werde hier nicht davon sprechen, ob das Reisen ein Synonym des Lebens sei um hinterher zu behaupten, dass Europa und das Reisen Synonyme seien seit den so fernen Zeiten der Argonauten und von Odysseus. Erst recht nicht davon, dass wir außerhalb des Mythos Welten entdeckt haben: mit dem „Heldentum“ des Kolumbus, Elcano, oder die englischen Romantiker, die sich ein Andalusien und einen Teil Griechenlands erfunden haben – machen Sie sich des Paradoxons bewusst, denn was ich vermeiden wollte zu sagen habe ich gesagt.

Mein Ziel in diesem Artikel ist ein Plädoyer für das Zuhausebleiben in der Stadt, in der man nunmal lebt, voller Resignation oder – was es auch gibt – Freude. Sei es wie es sei. Jede europäische Stadt hat ihren Wert, denn sie sind Museen der Gegenwart, Realitäten, die immer mehr als zur Präsentation ausgestopft erscheinen, wir müssen sie wiederbeleben. Sie leben.

Ich lebe in Madrid, wo die sommerliche Hitze erstickend erscheint, die Straßen werden durch die Stadtverwaltung voller Boshaftigkeit in einer unfassbaren Orgie pneumatischer Ameisen und Hämmer aufgerissen und erneuert. Darüber hinaus entleert sich die Stadt, abgesehen von vier Touristen und fünf oder sechs Verirrten, in einer buchstäblich schreckhaften Suche nach Strand und Wasser. So ist das also. Aber ich gehe davon aus, das sich in Berlin, Paris oder London ein ähnliches Panorama bietet,

Warum also zuhause bleiben? Vor einer Weile sah ich einen französischen Film: Das grüne Leuchten, von Eric Rohmer. Die Hauptdarstellerin, eine Jugendliche, hatte keine Pläne für den Sommer (keine Strandpläne, versteht sich), so dass sie die Ferien in Paris verbringen musste. Anfangs schien ihr das eine fürchterliche Aussicht zu sein. Doch unterwegs auf den Straßen von Paris trägt sie der Zufall zu diesen und jenen Menschen, diesen und jenen Geschichten, die angekettet wie die Stimmen der Sirenen unseres Oddyseus erschienen. Die Europäer haben das Unvorhersehbare und Zufällige verbannt, wir haben uns ein vorhersehbares Schema des programmierten Lebens zu Eigen gemacht, das millimetergenaue Management unseres Freizeitvergnügens und die multinationale Professionalisierung des Abenteuers. Der Sommer, dieses unbestellte Feld, wo die Ziellosigkeit eine magische Verschwörung mit den Träumen einging, befindet sich jetzt auf unseren Straßen, in den Kulissen des betrügerischen Theaters, dass die Hitze und die Baustellen sind: in den verlorenen und verirrten Menschen, in der Cafeteria, die mysteriöserweise nie schließt, ein Mysterium, das uns zweifellos interessieren sollte. In den Fahrstühlen, wo die mit ihren Koffern, unerschließbaren Kästen gleich, kommenden und gehenden Personen prüfende Blicke austauschen, die die Saat des Winters in sich bergen.

Wir haben das Abenteuer gekauft, und es wird auf dem Serviertablett geliefert. Deswegen weigere ich mich, meine Wünsche wie ein Stück Reisegepäck an Iberia oder Air France aufzugeben. Ich werde in Madrid bleiben und mich treiben lassen: ich werde kleine städtische Erorberungen vollziehen und romantische Ecken der Stadt neu erfinden, und ich werde den Zufall wiedergewinnen (und somit mein eigenes Schicksal) den mir der Winter und die Arbeit, der Café und die Monotonie vorenthalten. Und ich hoffe, dass der Zufall mich irgendwo oder zu irgendwem führen wird. Zu einem Blick, einem Streicheln, oder einem Kuss. Denn wie es in einem Lied von Mecano heißt, „que si el invierno viene frío, quiero estar junto a ti" (wenn es im Winter kalt wird, möchte ich mit dir zusammen sein).