Ein Abstecher ins islamophobische Krakau

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2016

Immer mehr Polen befüchten eine „Islamisierung“ ihres Landes. Nur ein Viertel der polnischen Bevölkerung steht Muslimen offen gegenüber. Im katholisch geprägten Krakau leben 761.000 Menschen. Unter ihnen einige hundert Gläubige, die Allah anbeten. Einige lehnen den Zustrom von Migranten ab, andere wehren sich gegen den wachsenden Nationalismus. Wir haben Stimmen beider Lager eingefangen. 

Einige hundert Meter vom Rynek Główny, dem belebten Marktplatz im Herzen der Altstadt, entfernt, schaut eine Gruppe indischer Muslime verlegen auf ein gelbes Gebäude. Sie sind geschäftlich in Krakau unterwegs. Es ist Freitag und sie würden gerne beten. Im Internet haben sie die Adresse einer Moschee herausgefunden. Bei der Hausnummer angekommen werden sie stutzig. Das Tor ist verschlossen. Das Gebäude wirkt anonym. 

Sie warten und warten. Ein Junge mit orientalischem Aussehen kommt auf sie zu und öffnet das Tor der Moschee. Die indischen Geschäftsleute folgen. Sie passieren enge Flure und steigen in einen feuchten und dunklen Kellerraum ab, in dem 12 Menschen gerade beten.

So in etwa muss man sich die islamischen Gotteshäuser in Krakau vorstellen. Die hier beschriebene Moschee hat übrigens ihre Hinweisschilder am Eingang entfernt, da es in der Vergangenheit zu gewaltvollen Übergriffen kam. Islamophobische und beleidigende Sprüche wurden auf die Wände des Gebäudes geschrieben, in dem die Moschee untergebracht ist. Die Schmierereien rufen zu einem neuen Krieg gegen die Ungläubigen auf. Inhaltlich beziehen sie sich auf den Österreichischen Türkenkrieg. In Wien wurden die Osmanen vom polnischen Heer 1683 geschlagen.

Jede Geschichte hat zwei Seiten

Das Klima verschlechtert sich in Polen. Angst macht sich breit und die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe steigt. „Man gibt dir eindeutig zu verstehen, dass du hier nicht willkommen bist“, erklärt mir Ibrahim aus Ägypten. Kurz nach dem Ausbruch des Arabischen Frühlings und den Aufständen in Kairo kam er 2011 nach Polen und verdient mittlerweile sein Geld als Touristen-Reiseführer in Krakau. Er hofft, dass sich die Lage in Ägypten stabilisieren wird, damit er endlich nach Hause zurückkehren kann. „Ich will nicht, dass meine Söhne in diesem Misstrauensklima aufwachsen.“

Nach den Attentaten in Paris organisierte Łukasz Wantuch, Mitglied im Krakauer Stadtrat, mit anderen Aktivisten einen Sitzprotest. Die Aktion soll als Gegenreaktion auf die Anti-Flüchtlings-Treffen verstanden werden, die vom rechten Flügel diverser Parteien veranstaltet wurden. „Ich dachte, dass es das einzig Richtige sei, wenn ich meine Mitbürger dazu aufrufe, sich gegen die wachsende Islamophobie zu wehren und Flüchtlinge nicht mit Terroristen gleichzusetzen", beschreibt Łukasz seine Motivation. 

„Ich habe einen Email-Aufruf gestartet und meine Kontakte gefragt, ob sie Interesse an einer gemeinsamen Demonstration hätten. Die allermeisten haben kalte Füße bekommen. Sie hatten Angst, von den Rechten niedergeschlagen zu werden. Am Ende waren wir weniger als 25. Zur Gegenveranstaltung, gegen Immigranten, kamen weitaus mehr Leute.”  

„Wir hatten richtig Angst. Die Polizei musste uns Geleitschutz geben. Sogar meine Ex-Frau bat mich, nicht an der Demonstration teilzunehmen. Sie hat sich große Sorgen um mich gemacht.“. Łukasz lächelt kurz und setzt dann wieder sein ernstes Gesicht auf. „Unser ursprünglicher Plan war, in Schulen zu gehen und darüber zu sprechen, wie man Flüchtlinge willkommen heißt. Sehr schnell wurde uns jedoch bewusst, dass so ein Vorhaben zum jetzigen Zeitpunkt verrückt und unmöglich wäre. Wir müssen bessere Zeiten abwarten.“

Einer der Hauptorganisatoren der Anti-Flüchtlingsbewegung in Krakau gehört zu der lokalen Gruppe Mlodziez Wszechpolska („Polens ganze Jugend“, Anm. d. Red.), die wiederum der Vereinigung  Ruch Narodowy ("Nationale Bewegung", Anm. d. Red.) untersteht. Ihren Anführer habe ich in einer Bar in der Stadt getroffen. Szymon Kasinski ist junger Software-Ingenieur. „Dort wo es keine ethnische Homogenität gibt, herrscht Terrorimus.“ Mantraartig wiederholt er immer wieder diesen Ausspruch in unserem Interview. „Schau dir an, was die Willkommenskultur in Frankreich und Belgien angerichtet hat. Wir lassen nicht zu, dass so etwas in Polen passiert.“

Seine Partei organisiert paramilitärische Trainingscamps und träumt von einer geopolitischen Allianz mit Ungarn, Rumänien und der Slowakei. Ihr Sozialmodell ähnelt in groben Zügen dem ungarischen Nationalismus à la Victor Orbán. Als ich ihn auf das Phänomen anspreche, dass jedes Jahr mehrere tausend junge Menschen Polen verlassen, um, wie die Daily Mail berichtet, nach Großbritannien abzuwandern, entgegnet Szymon: „Wir wollen Geld verdienen und danach zurückkommen. Wir machen Polen stärker. Wir wollen kein Kalifat errichten.“

„Hier läuft grundsätzlich etwas schief“

Die Haltung der Mlodziez Wszechpolska-Bewegung wird nicht nur von einer gesellschaftlichen Nischen-Gruppe geteilt. Eine im Jahr 2015 durchgeführte Studie belegt, dass mehr als zwei Fünftel der polnischen Bevölkerung (44%) eine negative Einstellung zum Islam in Polen hat. Nur ein Viertel (23%) der Befragten gibt an, dem Islam gegenüber positiv gestimmt zu sein. Ein absurdes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass in einer Stadt wie Krakau mit 761.000 Einwohnern nur einige hundert Menschen an Allah glauben.

Nicht erstaunlich, dass nur ein Achtel der Erwachsenen (12%) einen Muslim persönlich kennen. Die Studie hat außerdem gezeigt, dass die Mehrheit der Befragten Islam mit Gewalt gleichsetzen. 57% sind der Meinung, dass die Religion zu Gewalttaten anstiftet. 

„Hier läuft grundsätzlich etwas schief.“, meint ein lokal agierender Aktivist von Amnesty International, der lieber anonym bleiben möchte. „Das beängstigende an der Sache ist, dass der Holocaust nur 60 Kilometer von hier weg stattfand.“

„Die Gemeinschaft in Krakau wurde in zwei Teile zerbrochen,“ sagt Adam Bulandra. Er gehört zu den Organisatoren des Interkulturalni-Festivals, einem lokalen Event, das sich fremdländischer Kunst und Kultur widmet. „Die Leute sind teilnahmslos. Tausende sind politisch und sozial inaktiv.“ 

Konrad Pedziwiatr ist Assistenz-Professor an der Krakauer Universität. Seine Themenschwerpunkte sind soziale Bewegungen, Migrationssoziologie und Lebensweisen von Muslimen in Europa. Er ist der Auffassung, dass Anti-Islam-Kampagnen paradox seien, weil Muslime in Polen hervorragend integriert seien. Als Beispiel nennt er die Tataren, die sich als sunnitische Minderheit seit 1300 in Polen etabliert haben.

Konrad wirft auch ein Auge auf die Medien: „Die Gräueltaten, die vom IS begangen werden, zwingen die Medien über den Nahen Osten zu berichten. Viele Journalisten sind jedoch nicht gut vorbereitet und haben nicht das angemessene Hintergrundwissen. Dies schlägt sich in der Berichterstattung nieder und beeinflusst die Meinung derer, die diese Medien konsumieren. Kurz gesagt: Muslime sind die neuen Juden in Polen.“

Viele Muslime haben Angst, ihr Haus alleine zu verlassen. Doch ihr Glaube erfüllt sie mit Stolz. Die 20-jährige Kamila Dudkiewicz konvertierte zum Islam. Auslöser war ihre ehrenamtliche Tätigkeit in einem Flüchtlingshilfsprojekt in Jordanien. „Nach meinem Übertritt zum Islam habe ich 400 Freunde auf Facebook verloren.“, stellt sie fest. „Aber das ist mir egal. Meine Freunde fragen mich oft, ob ich, so wie afghanische Frauen, bei lebendigem Leib verbrannt werden möchte. Die Leute wissen so wenig über den Islam; aber ich bin mutig und möchte, dass die Bürger in Krakau die Wahrheit über meine Religion erfahren.“

Auf meine Frage, ob sie sich vorstellen könnte, in  Zukunft in Krakau wohnen zu bleiben, antwortet sie überraschend: „Nein, auf keinen Fall. Ich möchte reisen und in einem Land leben, in dem Muslime nicht als Terroristen vorverurteilt werden.“

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.