Ecosia: Per Suchmaschine Bäume pflanzen

Artikel veröffentlicht am 16. Juni 2017
Artikel veröffentlicht am 16. Juni 2017

Ecosia ist eine Suchmaschine. Eigentlich funktioniert das Berliner Projekt wie alle anderen Suchmaschinen auch -  denn sie wird durch Werbung finanziert. Das Besondere an Ecosia ist aber, dass sie jeden Monat mindestens 80% ihrer Gewinne investiert, um neue Bäume zu pflanzen. 9,5 Millionen Bäume wurden bereits gepflanzt. Die Idee dahinter? Mit Alltäglichem den Klimawandel bekämpfen. 

cafébabel: Wie verwandeln Sie die Gewinne aus Anzeigen in nachhaltige Projekte?

Fátima T. Gonzáles: Wir haben festgelegt, dass wir von unseren monatlichen Gewinnen aus Anzeigen mindestens 80% spenden, um Bäume zu pflanzen. Wir arbeiten mit verschiedenen Bepflanzungsprojekten in unterschiedlichen Teilen der Welt zusammen (z.B. in Madagascar, Südamerika, Asien, etc.). Jedes Projekt hat seinen eigenen Bedarf. Zum Beispiel ist in Burkina Faso gerade Regenzeit, aber in Indonesien fängt sie erst später im Jahr an. Deswegen reden wir mit den Leitern der Projekte, um zu verstehen, wann genau sie unsere Spenden brauchen, anstatt das Geld einfach nur in die Projekte stecken, weil wir es müssen.

cafébabel: Wie wählen Sie die Projekte aus?

Fátima T. Gonzáles: Zu Anfang hat Christian Kroll, der Gründer und aktuelle Geschäftsführer, die Projekte ausgewählt. Und natürlich hat er nicht selber gepflanzt, er hatte damit keine Erfahrung. Deswegen hat er bei großen Namen angefragt. Über die Jahre haben wir unseren Schwerpunkt auch besser strukturiert: Wir haben jetzt einen "Bewaldungsexperten", der sich mit der Bepflanzung von Bäumen und Landschaftsrestauration auskennt. Ecosia pflanzt nicht einfach nur, um Bäume zu pflanzen. Unser Ziel ist es, den Klimawandel zu bekämpfen. Wir versuchen auch lokale Communities zu beeinflussen. Indem wir Bäume pflanzen, schaffen wir für sie ein alternatives Wirtschaftsmodell. Beide Seiten müssen ein Gleichgewicht darstellen: Die Umwelt, und der Mensch, der in dieser lebt.   

cafébabelEcosia wurde 2009 gegründet. Woran messen Sie den Erfolg? 

Fátima T. Gonzáles: Ecosia hat zwei Seiten: Einerseits sind wir eine Tech-Firma mit einer Suchmaschine, andererseits pflanzen wir Bäume. Wir messen unseren Erfolg über eben diese beiden Parameter. Erstens durch die Anzahl von Bäumen, die wir gepflanzt haben. Unser Ziel ist es nicht, einen bestimmten Umsatz zu erzielen, sondern eine bestimme Anzahl Bäume zu pflanzen. Wir haben bisher knapp 10 Millionen Bäume gepflanzt und sind dabei, bis Ende dieses Jahres 30 Millionen zu erreichen. Natürlich müssen wir als Suchmaschine auch die Anzahl an Nutzern berechnen. Aktuell haben wir 34 Millionen wöchentliche Suchanfragen und 5 Millionen monatliche User. Das ist für eine alternative Suchmaschine ganz ordentlich und bedeutet für uns 600 000 Euro monatliche Einnahmen.

cafébabel: Ecosia will gegen den Klimawandel kämpfen, greift aber auf Technologien (Internet, Datenzentren) zurück, die der Umwelt nicht unbedingt gut tun. Widerspricht sich das nicht?

Fátima T. Gonzáles: Viele große Datenzentren, auch die von Microsoft und Google, laufen mit erneuerbaren Energien. Das ist ein wichtiger Schritt und richtungsweisend. Wir müssen Alternativen finden, um energieverzehrende Monster umweltfreundlicher zu machen. So sehen wir das auch bei Ecosia. Die Welt ist, was sie ist. Und die Menschen werden weiter nach Informationen im Netz suchen. Ist es dann nicht besser, wenn gleichzeitig Bäume gepflanzt werden?

cafébabel: Hält Ecosia nicht eine wenig nachhaltige Konsumgesellschaft aufrecht, indem sein Geschäftsmodell auf klassischen Anzeigengewinnen beruht? 

Fátima T. Gonzáles: Das Problem ist nicht so einfach. Die große Frage ist: Wird das System sich ändern? Bis hierher haben wir uns so entwickelt. Nun können wir nur versuchen, die Entwicklung zukünftig umweltfreundlicher zu gestalten. Ecosia versucht, die Logik von 'es muss gewirtschaftet werden, um Gewinne zu erzielen, auch auf Kosten der Umwelt' zu ändern. Der Anspruch der Wirtschaft sollte sein, zum Gesellschaftsmodell beizutragen. Wir sprechen von einem sozialen Wirtschaftsmodell, aber dann sollte die Wirtschaft diese soziale Komponente auch berücksichtigen.

cafébabel: Was halten Sie vom EU-Paket für saubere Energie? 

Fátima T. Gonzáles: Es wurde viel zu spät vorgestellt, aber lasst uns die Flinte nicht ins Korn werfen. Die Ziele des Pakets sind gut, auch wenn sie ehrgeiziger sein könnten. Um dieses Problem zu beheben, müssen wir viel schneller handeln, mehr in Schwung bringen und die Digitalisierung fördern. Mehr Geld fließt in erneuerbare Energien, das ist doch schonmal was. Aber das Paket allein ist nicht genug: es muss Hand in Hand mit anderen Innovationen daherkommen, zum Beispiel einem Überdenken des kapitalistischen Modells. Wir müssen über den Tellerrand schauen und aufhören, uns auf einem immer größer werdendem Konsum auszuruhen oder auf der Idee, dass Jobs nur über ständiges Wachstum geschaffen werden können. Außerdem muss der Konsument selbst Änderungen erzwingen. Ecosia existiert dank seiner Nutzer. Sie haben selbst gewählt, Ecosia als ihre Suchmaschine einzurichten. Der Konsument ist die Schlüsselfigur, um Dinge zu ändern. Wenn wir nicht selber anpacken, ändert sich nichts.