E-Learning: Sprachtalente aus dem Netz

Artikel veröffentlicht am 25. September 2008
Artikel veröffentlicht am 25. September 2008
Schüler und Studenten verwenden zunehmend neue Technologien, um ihre Sprachkenntnisse auf Vordermann zu bringen. Das E-Learning Geschäft boomt und stellt die Frage nach der Notwendigkeit des menschlichen Gegenübers.

Technologie ist heute Bestandteil aller modernen Lernmethoden.

Als ich mich nach meinem Studium für einen Lehrer-Onlinekurs für Italienisch als Fremdsprache eintrug, entwickelte sich dieser zu einem Albtraum: Die Plattform hatte technische Mängel, die Teilnehmer brachten zu unterschiedliche Voraussetzungen mit und die Kursaktivitäten hätte ich nicht einmal meinem 15-jährigen Bruder zugemutet. Nach zwei Wochen hängte ich den E-Learning-Kurs an den Nagel. In den Worten der EU-Kommission handelt es sich bei meinem gescheiterten Versuch um „die Anwendung multimedialer Technologien und des Internets zur Verbesserung der Lernaktivität, indem man den Zugang zu Hilfsmitteln und Dienstleistungen sowie den Austausch und die Zusammenarbeit auf Distanz ermöglicht.“ „Der Begriff wird inflationär benutzt“, meint Joe Hegary, Direktor für Geschäftsverkehr am Intel Innovation Center. „Technologie ist heute Bestandteil aller modernen Lernmethoden.“

Die Idee ist so alt wie der PC

Seit den 1980ern Jahren hat es immer wieder Initiativen für den Einsatz von E-Learning im ©.Fabio/flickrSprachunterricht gegeben. Heimcomputer hielten zunehmend Einzug in den Alltag. Webbasiertes Training (WBT) wurde durch interaktive Methoden wie Chatrooms, Sofortnachrichten und Diskussionsforen möglich. Im Laufe der Jahre hat sich die Aufmerksamkeit von den technologischen Voraussetzungen für diese Art des Schüler-Lehrer-Austauschs auf den Lernenden selbst verlagert. Stand früher die Entwicklung von Plattformen und Standards für Lernmanagementsysteme im Mittelpunkt, konzentriert man sich heute auf Methodik und Didaktik. Die Lernumgebung hat großen Einfluss auf den Lernprozess. Die Lerner sitzen nicht ständig wie in einem Glaskasten unter Beobachtung des Lehrers, sondern müssen sich selbstverantwortlich anpassen und die nötigen Kompetenzen erwerben.

Sozialen Netzwerken und den boomenden Web 2.0-Anwendungen gehört dank ihrer impulsgebenden Elemente die Zukunft. Die aktuelle Forschung versucht, das ‚kollektive Potential‘ des E-Learnings zu maximieren, ohne dass digitale Grenzen die soziale Kreativität und den inspirierenden Austausch einschränken, die nur durch Gruppenarbeit erreicht werden können.

Anna Kirah ist zwischen Taiwan, Japan, China und den Vereinigten Staaten aufgewachsen und weiß, was es heißt zu versuchen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. „Individuell zugeschnittene Lernumgebungen können für das Erlernen von bestimmten Fähigkeiten sehr effektiv sein, aber nur, wenn Sie mit der Arbeit in der Gruppe vereinbar sind. Ich fürchte, dass wir Kreativität abtöten, wenn wir die Möglichkeit des gemeinsamen Arbeitens einschränken.“

Hochtechnologie im tiefsten Ruhrgebiet

Auch in Deutschland ist eLearning auf dem Vormarsch. In Bochum gibt es zum Beispiel eine eigene E-Learning-Plattform, die für alle Kurse der Ruhr-Universität genutzt werden kann. Die 'Blackboard Academic Suite' soll die Möglichkeiten des Internets für das Lehren und Lernen nutzbar machen. Auf der virtuellen Lernplattform können alle Dozenten Kurse einrichten, Übungsaufgaben und Lernmaterialien in verschiedenen Dateiformaten einstellen - inklusive Audio- und Videodateien. Studenten können hier außerdem ihre Referate und Seminararbeiten veröffentlichen und mit Kommilitonen diskutieren. Ein Beispiel: Zu Beginn ihres Sprachkurses bekommen Niederländischlerner die Aufgabe, auf Blackboard eine einfache Homepage zu erstellen, auf der sie sich den anderen Kursteilnehmern vorstellen. Auf Niederländisch, versteht sich. Die Seiten werden dann mit zunehmend komplexeren Aufgaben ergänzt. Auch Fehler werden online korrigiert. Lerner können ihre Fertigkeiten verbessern, indem sie auf Fehler hingewiesen werden und Kommilitonen korrigieren. „Der unschlagbare Vorteil von E-Learning ist, dass die zeitliche Flexibilität beim Lernen und beim Austausch mit Dozenten und Kommilitonen und die mediale Vielfalt auf einer Plattform das Sprachenlernen sehr bereichern“, sagt Nicola Jordan, die am Zentrum für Fremdsprachenausbildung (ZFA) der Ruhr-Universität Schwedisch unterrichtet.

Auch das beste E-Learning-Angebot kann die komplexen Abläufe von Face-to-face-Kommunikation nicht abbilden.

„Auch das beste E-Learning-Angebot kann die komplexen Abläufe von Face-to-face-Kommunikation, die in unserem Alltag immer noch die Hauptrolle spielt, nicht abbilden“, fügt Jordan hinzu. „Deshalb ist und bleibt Präsenzunterricht ein wichtiger Bestandteil des Sprachenlernens.“ Und ihr Kollege Hendrik Neukäter, Niederländisch-Dozent am ZFA ergänzt: „Mediale Kommunikation kann durch die eingeschränkte Übermittlung von Emotionen den realen Kontakt nicht ersetzen - und Emotionen sind sehr wichtig für das Sprachenlernen.“ E-Learning ist deshalb so attraktiv, weil es Flexibilität mit sich bringt. „Eine E-Learning-Komponente ist aus meiner Sicht gut, wenn sie abwechslungsreich ist, den Teilnehmern Flexibilität ermöglicht. Beispielsweise die eigene Stimme zu hören und dann erst zu entscheiden, ob die anderen Kursteilnehmer meine sprachliche Äußerung auch hören sollen“, erläutert Neukäter.

Prof. Dr. Michael Kerres, Inhaber des Lehrstuhls für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen, prophezeit dem Onlinelernen in Zukunft eine wachsende Verbreitung: „Die Nutzung von E-Learning schreitet weltweit voran. Zwar langsamer als von Vielen vorhergesagt, aber mit stetigem Wachstum.“ In seinem eigenen Alltag nimmt E-Learning einen großen Stellenwert ein. „Ich nutze das Internet fast täglich, um mich über aktuelle Entwicklungen in meinem Fach zu informieren, mit Kollegen auszutauschen und selbst etwas auf unsere Webseiten - etwa auch auf meinem Weblog - zu schreiben. E-Learning, das heißt heute, die Nutzung aller digitalen Medien für Information, Kommunikation, Lernen und Bildung.“

Ein neues duales Bildungssystem

Motivation ist für den Lernerfolg im Spracherwerb zentral. Wenn man einen energiegeladenen, ausgeflippten Lehrer aus Fleisch und Blut vor sich hat, der chinesische Disziplin vorlebt und wie wild tausende von Zeichen auf eine große Tafel kritzelt, dann motiviert das. Aber auch die Möglichkeit, in aller Ruhe eine Thailänderin schwierige Laute so oft wiederholen zu lassen wie man will, ist ein großer Vorteil. E-Learning im Sprachunterricht macht Spaß und ist eine noch lange nicht voll ausgeschöpfte Quelle. Wir brauchen lediglich Zeit, uns im Netz zu Recht zu finden und die besten Angebote herauszupicken.