'Durch den Bürgerjournalismus können wir unseren Beruf neu entdecken'

Artikel veröffentlicht am 10. April 2007
Artikel veröffentlicht am 10. April 2007

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Der Aufschwung des Bürgerjournalismus stellt den traditionellen Journalismus in Frage. Ein Gespräch mit Benoît Raphaël, Chef der Internetseite moncandidat.com.

Benoît Raphaël, 36, ist Journalist und bei der französischen Regionalzeitung Le Dauphiné Libéré für die Internetstrategie zuständig. Im Februar startete die Zeitung die Website „moncandidat.com“, die es den Internetnutzern ermöglicht, sich bei den französischen Präsidentschaftswahlen journalistisch zu engagieren. Sechs Wochen nach der Gründung hat die Website nach eigenen Angaben zwischen 40 000 und 50 000 Leser. Raphaël moderiert nebenbei ein dem Thema Bürgerjournalismus gewidmeten Blog. Er glaubt, dass die Medien diese von den Internetnutzern erzeugte Vielfalt qualitativ verwerten sollen.

Herr Raphaël, was sind Ihrer Meinung nach die Gründe, die zum Aufschwung des Bürgerjournalismus beigetragen haben?

Die Presse erlebt heute die gleiche Krise wie die Politik oder die Justiz. Die Journalisten sind von der Politik geadelt worden. Sie sind einfach zu nah an den Mächtigen, sie stecken mit ihnen unter einer Decke. Hinzu kommt, dass sich einige in einen Elfenbeinturm einschließen haben lassen und sich weder ihre Fehler eingestehen noch auf die Klugheit der Menschen setzen.

Deshalb setzt man jetzt auf die Beteiligung der Bürger. Die Politiker mit der „Bürgerdemokratie“, die Medien mit dem Bürgerjournalismus. Die Bürger haben aber keine Lust, einfach nur den Platz der Journalisten zu übernehmen: Sie wollen an der öffentlichen Diskussion teilnehmen, sich äußern und informieren. Durch den Bürgerjournalismus können wir unseren Beruf neu entdecken.

Welche sind die Probleme, auf die partizipative Internetseiten gestoßen sind?

Die Teilnahme. Sie muss von selbst kommen und spontan sein. Dann ist es besonders wichtig, den Besucher in seinem Vorgehen zu begleiten und ihn zu ermuntern, sich zu äußern. Die Regionalpresse hat das lange Zeit mit ihren lokalen Korrespondenten gemacht.

Auf unserer Site moncandidat.com überarbeiten wir die Texte und schreiben die Überschriften und die Vorspanne neu. Die bekannteste französische Site für Bürgerjournalismus, AgoraVox, gibt sich als Volksmedium, aber die Autoren sind Journalisten, Experten oder bekannte Persönlichkeiten. Die Medien sollten aber auf jeder Ebene partizipativ sein.

Sie sagen, man soll Journalismus und Bürgerjournalismus nicht gegeneinander auspielen. Aber wenn man sich die Beiträge von Bürgern in Blogs oder eben auf partizipativen Websites durchliest, sind das eher Meinungen und keine Informationen...

Das erste Bild des Tsunami, der 2004 Thailand heimsuchte, wurde von einem Bürger gemacht. Es war zuerst auf einem Blog zu sehen, bevor alle Redaktionen in der ganzen Welt die Information bekommen haben. Sobald etwas in der Welt passiert, findet man es dank Websites wie dailymotion, youtube und flickr sofort im Internet.

Dennoch bedienen sich die Websites zum Bürgerjournalismus dieser Informationsschmiede nicht: Ihnen fehlt eine gewisse Spontaneität. Die Internetnutzer werden keinen Knüller oder einen Exklusivbericht ins Netz stellen – das ist der Job des Journalisten. Doch sie werden eine andere Sicht auf die Dinge bieten oder Menschen zu Wort kommen lassen. Die Arbeit der Medien wird daraus bestehen, diese von den Nutzern generierten Inhalte abzurufen und deren Infos zu überprüfen, auszusortieren und einzuordnen. Die Journalisten sollten dabei keine Angst haben, dass ihr Beruf verschwindet. Sie sollten lieber die Gelegenheit nutzen, um diese von den Internetnutzern erzeugte Vielfalt qualitativ zu verwerten.

Der im letzten Februar von der französischen Regierung abgegebene Teissier Bericht über die Herausforderung der Presse durch die Digitaltechnik empfiehlt, für „Bürgerjournalisten“ den gleichen gesetzlichen Rahmen zu schaffen wie für Lokalkorrespondenten. Sind Sie der Meinung, dass man die Internetnutzer für ihre Beiträge bezahlen müsste?

Die Frage ist absolut berechtigt und wir haben darauf noch keine abschließende Antwort gefunden. Ich bin nicht der Meinung, dass man die Internetnutzer bezahlen soll. Natürlich muss man jemanden, der mit einer Zeitung zusammenarbeitet, eine Info anbietet oder eine Kolumne schreibt, bezahlen. Die Bürgerjournalisten sind aber nicht da, um professionelle Journalisten zu ersetzen: sie wollen nur zur Diskussion beitragen, an den Information teilhaben, und auch überprüfen, was die Journalisten erzählen.

Ich finde es gut, dass die Journalisten zum Dialog mit den Bürgern gezwungen werden. Wenn wir Geld dafür geben würden, würden wir verschiedene Kasten von Bürgerjournalisten schaffen, oder sie im schlimmsten Fall zum Teil des Systems werden lassen. Da würden wir eine schöne Revolution einfach verpassen.

Freie Journalisten: Zu viel Arbeit, zu wenig Lohn

Bedingt durch den Wandel der Medienlandschaft wird das Leben für freie Mitarbeiter zunehmend schwieriger.

Dies war eine der Schlußfolgerungen eines internationalen Journalistenseminars, das vom 29. bis 30. März im belgischen Lüttich stattfand. „Freiberufler, kein Freiwild“ war der Titel der Veranstaltung. Sie bildete den Höhepunkt einer Kampagne des Belgischen Journalistenverbandes AJP zur Verbesserung der Lage von freien Journalisten in Europa.

Einkommen

Einer Studie des Europäischen Journalistenverbandes EFJ zufolge, werden Journalisten in machen Ländern wie Belgien und Kroatien nach Anschlägen, Worten oder Seiten bezahlt und nicht nach Stunden oder Tagessätzen, wie es beispielsweise in Dänemark oder Finnland gängige Praxis ist.

Wenn manche Medienunternehmen die Autoren eher nach Menge entlohnen als nach Zeitaufwand, so ist dies letztlich eine Entscheidung darüber, ob man die Quantität oder die Qualität der Arbeit bewertet. Dies kann dazu führen, dass Journalisten sich immer öfter damit begnügen, Presseerklärungen zu kopieren und nur noch ein, zwei Zitate hinzuzufügen, um sich so die Zeit für Eigenrecherchen zu sparen.

Multitasking

Aufgrund immer größerer Arbeitsvolumen nehmen sich sowohl hauptberufliche als auch freie Medienmitarbeiter immer weniger Zeit für investigativen Journalismus, der aber zu den Grundaufgaben in einer demokratischen Gesellschaft gehört. Der Forderung der Gewerkschaften nach einer angemessenen Entlohnung für besondere Qualifikationen in Medienberufen halten Kritiker entgegen, dass das Erlernen neuer Fähigkeiten wie Video- und Tonschnitt, grafische Anwendungen und die Arbeit mit dem Intranet die Chancen der Journalisten auf dem Arbeitsmarkt erhöhen.

Mangel an Solidarität

Saafi Allag-Morris vom französischen Journalistenverband wirft den hauptberuflichen Journalisten vor, zu wenig solidarisch mit ihren freiberuflichen Kollegen zu sein. Aus ihrer Sicht profitieren die Unternehmen davon, wenn sie möglichst viele schlecht bezahlte freie Journalisten haben. Es liegt im Interesse der hauptberuflichen Kollegen, sich für die Verbesserung der Situation von Freiberuflern einzusetzen – sie könnten demnächst selbst dazu gehören.

Ausbeutung von Volontären

Frankreich ist voll von unbezahlten oder zu schlechten Konditionen arbeitenden Volontären, die ihr Studium abgeschlossen haben, ohne jemals auf die prekäre Situation am Arbeitsmarkt aufmerksam gemacht worden zu sein. Junge Leute landen oft direkt von der Universität in unbezahlten Volontariaten bei Redaktionen. Renate Schröder, Präsidentin des EFJ, bestätigt, dass dies für die Gewerkschaften ein großes Problem sei und zu den wichtigsten Aufgaben gehöre, die der EFJ derzeit zu lösen versuche.

Text: Julian Hale – Übersetzung: Annamaria Szanto