Dublin: Zwischen Scheren und Saiten

Artikel veröffentlicht am 26. November 2013
Artikel veröffentlicht am 26. November 2013

Dublin ist eine Stadt voller Leben, an jeder Ecke steht ein Musiker, in jeder Bar fängt gerade ein Konzert an oder irgendjemand packt seine Geige aus, während man auf den Bus wartet. Der ist hier zweistöckig: blau und gelb.

Das ist also die lie­bens­wür­di­ge Seite Dub­lins, die kos­mo­po­li­ti­sche Seite. Am liebs­ten würde man in Dub­lins Klän­gen spa­zie­ren gehen und nur zu­hö­ren. Dub­lin und der Ge­ruch von Gras, Pub, Meer; Dub­lin und sein Rock’n’Roll, Blues, Folk; Dub­lin und die Möwen, der Ge­schmack von Whis­key und dunk­lem Bier. Die Stadt kann sich aber auch als läs­tig her­aus­stel­len, ag­gres­siv dem Be­su­cher ge­gen­über. Die Mau­ern im Stadt­zen­trum sind mit un­an­ge­neh­men An­ti-Ab­trei­bungs­pla­ka­ten be­schla­gen, man be­greift hier sehr schnell, wo Gute und Böse ist. 

Spricht man mit einem Ein­woh­ner in der Lord Ed­ward Street (Zen­trum des his­to­ri­schen Wi­kin­ger-Dub­lins) über das neu ge­wähl­te Ab­trei­bungs­ge­setz, redet der nicht lange über den hei­ßen Brei herum: Er ist gegen Ab­trei­bung. Ein paar Mi­nu­ten spä­ter kom­men Nach­barn dazu und mi­schen sich ins Ge­spräch ein – mit einer ganz an­de­ren Mei­nung. Die Szene würde ein gutes Foto vom ak­tu­el­len po­li­ti­schen Puls der Stadt ab­ge­ben, weil die Iren gerne reden, ihre Mei­nung offen sagen.

Bye Bil­dungs­bud­get

Die Wahr­heit ist aber, dass in einem Teil der iri­schen Ge­sell­schaft ge­ra­de ziem­li­ches Un­be­ha­gen herrscht, be­son­ders unter den Pro­gres­sis­ten. Die Re­gie­rung hat ent­schie­den, ziem­lich hef­tig in die Haus­halts­po­li­tik ein­zu­schnei­den. Und dafür fiel ihr nichts Bes­se­res ein, als eben­die­se Ein­schnit­te ab 2014 mit der gro­ßen Sche­re in der Bil­dungs­po­li­tik vor­zu­neh­men. Eine ziem­lich ge­nia­le Idee für die Zu­kunft des Lan­des und die Ent­wick­lung der Ju­gend. Die Aus­wir­kun­gen kann sich jeder selbst zu­sam­men­rei­men – ge­stri­chen wer­den unter an­de­rem Sub­ven­tio­nen für die In­stand­hal­tung der Schu­len und Hilfs­kräf­te für För­der­un­ter­richt. Auf eine immer grö­ßer wer­den­de An­zahl Schü­ler kom­men immer we­ni­ger Leh­rer. Im Gan­zen seien es  20 so­zia­le Er­run­gen­schaf­ten, die die iri­sche Re­gie­rung der­zeit nie­der­sä­be­le, so John Ho­lo­an, Ver­ant­wort­li­cher für Kom­mu­ni­ka­ti­on der NGO für Bil­dung, Edu­ca­te To­ge­ther.

Die Zah­len spre­chen für sich, und im All­ge­mei­nen sind sie ob­jek­tiv. Sie las­sen sich nicht wie Men­schen von den Wor­ten eines Po­li­ti­kers ein­fan­gen oder einem po­li­tisch en­ga­gier­ten Zei­tungs­ar­ti­kel. Wo führt das hin, wenn eine Ge­sell­schaft sich nicht auf ihre Bil­dungs­po­li­tik und Kul­tur stüt­zen kann? Im in­sti­tu­tio­nel­len Sek­tor Ir­lands sind mitt­ler­wei­le viele pes­si­mis­tisch, ein ziem­li­cher Kon­trast zu den le­bens­lus­ti­gen Stra­ßen­sze­nen in Dub­lin. Schnell holt einen je­doch die Rea­li­tät ein, wenn man über schlecht ver­leg­ten Tep­pich­bo­den läuft und dem ein oder an­de­ren Kra­wat­ten­trä­ger heuch­le­risch die Hand schüt­teln muss. 

 „Die Spar­po­li­tik tut der iri­schen Ge­sell­schaft nicht gut. Die da oben am Macht­he­bel sit­zen sehen das Land als blo­ßen Wirt­schafts­raum und erst da­nach als eine Ge­sell­schaft. Was die Bil­dung an­be­langt, ist das Geld wohl wich­ti­ger als die Zu­kunft der Ju­gend“, be­dau­ert Fin­tan O’Maho­ny, Eng­lisch-, Ge­schichts- und Po­li­tik­wis­sen­schafts­leh­rer.

Stim­mung im Kel­ler

Fin­tan ruft mir die Neu­ig­keit über die Leh­rer­ge­häl­ter zu­rück in Er­in­ne­rung, die um 14 bis 20 Pro­zent ge­sun­ken sind. Die Stim­mung ist im Kel­ler. Der ein­zi­ge Aus­weg, den junge Iren sähen, sei die Flucht aus dem Land und ein Job, wo auch immer. Die Glo­ba­li­sie­rung habe es aber bis jetzt noch nicht ge­schafft, uns davon zu über­zeu­gen, dass es an­ders­wo leich­ter ist, sein Brot zu ver­die­nen. Die sol­len uns doch bitte Be­sche­di sagen, wenn es so­weit ist, schmun­zelt er. 

„Ich glau­be, dass die jun­gen Iren immer noch sehr op­ti­mis­tisch den­ken, den­noch be­deu­tet es eine Menge Ar­beit, um ihnen einen sta­bi­len Job bie­ten zu kön­nen – und genau das wird be­nö­tigt, damit sie sich ihre Selbst­si­cher­heit und Zu­kunfts­per­spek­ti­ven be­wah­ren kön­nen“, stellt John klar. Was blie­be ihnen denn sonst noch? Hier scheint es, dass alle schon in an­de­re Län­der ver­schwun­den sind, bis auf die we­ni­gen, die mit Gi­tar­re oder Uku­le­le noch auf der Stra­ße ste­hen.

Ins kalte Was­ser sprin­gen

In einem der vie­len Cafés um die Daw­son Street herum kann man sich ein Bild vom jun­gen Dub­lin ma­chen. Zwi­schen Stu­den­ten, Tou­ris­ten und Mu­si­kern mit Klin­gel­beu­tel und den Neu­gie­ri­gen, die noch den Ge­schmack vom letz­ten Fish and Chips im Mund haben, sitzt Alon­so. Er stu­diert an der Hoch­schu­le für Zei­chen­trick­film und er­zählt von sei­nen Pro­ble­men, in der iri­schen Haupt­stadt über­le­ben zu kön­nen. „Stu­di­en­ge­büh­ren sind für die Iren bil­li­ger als für uns Aus­län­der. Die Trick­film­welt wurde zwar noch nicht von der Krise ein­ge­holt, aber über­haupt erst ein­mal in die­ser In­dus­trie Fuß zu fas­sen, ist schier un­mög­lich“, be­dau­ert der lus­ti­ge Spa­ni­er aus Ma­la­ga. Er sagt, er würde kämp­fen, um sei­nen Traum zu ver­wirk­li­chen, egal wel­che Gren­zen er dafür über­win­den müsse.

Un­ter­des­sen wird man das Ge­fühl nicht los, dass alle Sor­gen, Aben­teu­er und Vor­schlä­ge der jun­gen Dub­li­ner, ob nun Iren oder nicht, ziem­lich dif­fus und vor allem nicht an die Re­gie­rung ge­rich­tet sind. Die Schlie­ßun­gen von Hoch­schu­len, De­mons­tra­tio­nen und die Un­si­cher­heit der Zu­kunft – all das hängt in der Luft, wenn man durch die Gänge von egal wel­cher schu­li­schen Ein­rich­tung streunt. Nur in we­ni­gen Ecken ver­brei­tet sich noch ein Par­füm des Op­ti­mis­mus – von denen aus­ge­hend, die noch daran glau­ben, dass auf der grü­nen Insel alles mög­lich ist.

Ich spre­che mit David, der Mu­sik­ma­nage­ment stu­diert hat – an einer der Schu­len, die nächs­tes Jahr wegen fi­nan­zi­el­len Grün­den ge­schlos­sen wer­den sol­len. Sei­nen Mas­ter hat er in Mün­chen ge­macht. Er ist trau­rig über die Lage, nur in Deutsch­land hätte er viel­leicht eine Chan­ce, sich über Was­ser zu hal­ten. Sich selbst be­zeich­net er als einen Träu­mer, gleich­zei­tig sagt er: „Schei­ße, viel­leicht ist diese Krise aber auch eine Mög­lich­keit, Gro­ßes zu schaf­fen.“ David ist für Bil­dung, vor allem aber auf krea­ti­ven Ni­veau – genau die, von der die iri­sche Re­gie­rung nichts mehr wis­sen will.

In Dub­lin stößt man aber auch auf Leute, die es immer noch nicht fas­sen kön­nen, was hier ge­ra­de pas­siert, wie die Sän­ge­rin Wal­lys Bird. Sie lebt ir­gend­wo zwi­schen Lon­don, Mün­chen und Dub­lin und fängt an zu hal­lu­zi­nie­ren, wenn sie daran denkt, wie viele Schu­len bald ge­schlos­sen wer­den. Sie denkt vor allem an die vie­len Ta­len­te, die dabei auf der Stre­cke blei­ben. „Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen still­zu­le­gen ist eine der dümms­ten Ent­schei­dun­gen, die ich je er­lebt habe, man müss­te die Uni ganz ein­fach neu er­fin­den!“, ruft sie aus. Sie hat fest­ge­stellt, dass der beste Weg immer noch der nicht-of­fi­zi­el­le ist. An­statt sich mit dem amt­li­chen Weg ge­schla­gen zu geben, plä­diert sie für Ei­gen­in­itia­ti­ve: „Um deine Kunst zu per­fek­tio­nie­ren, musst du auf dei­ner Stre­cke ler­nen, deine ei­ge­ne Fa­mi­lie zu sein, sowie deine Kunst und dei­nen Stil zu ken­nen.“ Diese Le­bens­phi­lo­so­phie fin­det man dann auch im iri­schen Kul­tur­gut und bei Bands wie Vil­la­gersLisa Han­ni­gan oder Litt­le Green Cars wie­der.

In­mit­ten des Bohème- und Tou­ris­ten­am­bi­en­te in der Temp­le Bar tref­fe ich Eric und Dave, zwei Mu­si­ker, die mich an The Band er­in­nern. Wir dis­ku­tie­ren über ihre Musik, die sie immer mitt­wochs und frei­tags auf einem Platz zwi­schen Bier und Ban­jos spie­len. Ihre Mei­nung, wie sie mit ihrer Musik leben, ist ge­spal­ten. „Auch wenn man uns ir­gend­wann den Geld­hahn zu­dreht, un­se­re Kul­tur nimmt uns kei­ner weg!“

Viel­leicht war das schon immer die Lö­sung.

Die­ser Ar­ti­kel ist Teil der Re­por­ta­ge­rei­he EU­to­pia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zu­kunft Eu­ro­pas auf­wer­fen soll. Die­ses caféba­bel-Pro­jekt wird von der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on im Rah­men einer Zu­sam­men­ar­beit mit dem fran­zö­si­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­um, der Fon­da­ti­on Hip­po­crène sowie der Charles Léopold May­er-Stif­tung un­ter­stützt.