Drei Schweigeminuten

Artikel veröffentlicht am 18. März 2004
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Artikel veröffentlicht am 18. März 2004

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Schmerz, Angst, Entschlossenheit: drei Gefühle, die, für die Dauer von drei Minuten alle Europäer geteilt haben. Werden wir nun zu einem Volk?

Drei Schweigeminuten für die Opfer von Madrid. Von den Sirenen von Paris bis zu den Glocken von Leipzig, von Radio Vatikan bis zum Kanonendonner von Zagreb. Vom europäischen Parlament in Strassburg bis zur Kommission in Brüssel. Europa hat geschwiegen - wie ein einziges Volk, das im Schmerz geboren wurde.

Nachdem sie sich über Jahrhunderte hinweg gegenseitig großes Leid zugefügt haben, haben die Nationen Europas beschlossen, eine "immer stärker zusammenwachsende Union der Völker" aufzubauen. Mit der Berliner Mauer sind zugleich die letzten Überreste der Kriege im Inneren gefallen. Die Erweiterung der EU sollte es erlauben, die politischen Stigmata der vererbten europäischen Teilung endlich zu überwinden.

Aber wenn auch die bewaffneten Konflikte in Vergessenheit geraten und die ehemaligen Grenzen mehr und mehr verschwimmen, so ist die europäische Einheit doch noch ein gutes Stück entfernt: Jeder europäische Gipfel ist seit Nizza das Objekt verschiedenster Interessenskonflikte. Hier wirft, sei es aus Bequemlichkeit oder um seine eigenen Probleme zu kaschieren, ein jeder dem anderen dessen Gier vor, um so seinen eigenen engstirnigen Nationalismus vergessen zu machen.

Währenddessen macht sich ein leichtes Aufbäumen bemerkbar. Aber dieses konnte auf der anderen Seite der traditionellen europäischen Konstruktion in den Köpfen der abgeschotteten europhilen Eliten oder der aufgeklärten Funktionalisten noch keine Wurzeln schlagen. Ein kollektives europäisches Bewusstsein tritt zu Tage und bahnt sich in der Selbstwahrnehmung der Einwohner des alten Kontinents zwischen einem platten Nationalismus und einem rücksichtslosen Regionalismus seinen Weg. Vielleicht ist es sogar in den philosophischen Entwürfen eines Habermas oder Derrida bereits entworfen worden.

Dieses Bewusstein hat zweifellos in den Demonstrationen im Februar 2003 bereits Gestalt angenommen. Damals gingen die Europäer auf die Strasse, geeint in ihrer Ablehnung eines Irakkrieges, der von den Amerikanern im Namen gemeinsamer Werte, aber mit Mitteln geführt wurde, in denen sich die Europäer nicht wiederfanden. Auch hat es sich auch in Umfragen niedergeschlagen: gemäss dem Eurobarometer vom Februar 2004 waren 77% der Europäer eher für die Annahme der Verfassung durch die Europäische Union.

Gemeinsame Gefühle

In der gemeinsamen Trauer um die Opfer von Madrid und in den Solidaritätskundgebungen, die diesem Drama gefolgt sind, ist dieses Bewusstsein nun abermals zu Tage getreten. Natürlich gab es offizielle Reaktionen: Empörte Erklärungen, Fahnen auf Halbmast, die Schweigeminuten im europäischen Parlament und die große Demonstration diesen Freitag in Madrid, wo viele nationale und europäische Spitzenpolitiker zugegen waren - Prodi, Berlusconi, Raffarin, Fischer und andere. Vielleicht aus Opportunismus, sicherlich jedoch aus Mitgefühl. Weil die Terroristen, ohne jeden Zweifel, auch bei ihnen hätten zuschlagen können.

Genauso gab es eine individuelle und eine kollektive Solidarität: Man tauschte sich mit Freunden aus, man versammelte sich vor den Botschaften der anderen Länder, gemeinsam war man ungläubig und teilte seinen Schmerz mit den anderen. Und drei Minuten haben an diesem 15. März alle geschwiegen. Die Schüler in Nordirland genauso die Flugzeugturbinen im Flughafen von Heathrow.

Jetzt heißt es: "Wir sind alle Spanier" und "Das war Europas 11. September." Die Völker Europas kennen gemeinsame Gefühle. Und man muss sich weiß Gott nicht darüber freuen: Es sind der Schmerz angesichts des Todes und die Angst vor Barbarei. Die Europäer haben ein gemeinsames Bewusstsein. Sie sind empfindlich, wenn dem menschlichen Leben oder der Demokratie kein Respekt gezollt wird.

Und sie teilen auch ihre Entschlossenheit gemeinsam gegen den gewalttätigen Terrorismus, der wieder und wieder zuschlagen kann, vorzugehen. Das europäische Volk ist sich in einem sicher einig: Es sind nicht die Grenzen, die sie vor den Bomben der Attentäter schützen werden. Ihre Führer werden sich dies vielleicht bewusst machen, so wie es der überraschende Wahlsieger Zapatero getan hat, indem er erklärte: "Ich will dafür antreten, Europa zu einigen und es mit einer allgemeingültigen Verfassung auszustatten." Das europäische Volk wurde im Schmerz geboren. Von Paris bis Dresden... Drei Schweigeminuten für die Opfer von Madrid. Nun muss das Kind gedeihen.