Drehbuch-Autorin Julie Gray: Wenn Europa für Hollywood schreibt

Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2010

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Ein durchschnittlich langer Kinofilm passt auf 90 bis 100 A4-Seiten. Nur jedes hundertste der täglichen LKW-Ladung an Drehbüchern, die die Hollywood-Produktionsstudios erhalten, wird auch gelesen. Julie Gray, Drehbuch-Expertin aus L.A., ist in Oxford um über Tipps, Trends und Hollywood-Illusionen zu sprechen.

Hollywood gilt als das Mekka der Filmindustrie. Laut der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle wurden jedoch allein in Europa im vergangenen Jahr fast eine Milliarde Kinokarten verkauft. Diese Marke wurde zuletzt im Jahr 2004 erreicht. Die jüngsten Hollywood-Blockbuster Avatar und Prince of Persia wurden beide mit europäischer Beratung und finanzieller Unterstützung gedreht.

Julie Gray, Hollywood-Expertin für Drehbücher und Chefin von The Scriptwriting Department, einem Coaching-Service für Drehbuchautoren, macht auf diese wenig bekannten Fakten aufmerksam. Wir treffen uns im Restaurant auf dem Dach des Ashmoleum-Museums in Oxford, dem Ort, an dem sich die Künstlerszene und Elite Oxfords trifft, darunter auch der britische Schriftsteller Colin Dexter und der Biologe Richard Dawkins. „Der typische amerikanische Film ist temporeicher als der europäische”, sagt die charismatische Amerikanerin. „Die europäische Perspektive ist in den USA sehr begehrt. Trotzdem sollten europäische Autoren dem amerikanischen Format und den strukturellen Konventionen amerikanischer Filme nacheifern, wenn sie in den USA einen Treffer landen wollen.“

Die Expertin aus L.A. arbeitet bevorzugt mit Drehbuchautoren ohne Erfahrung in den großen Hollywoodstudios

Drehbuchschreiben in Hollywood

Julie Gray ist nach Oxford gekommen, um einen eintägigen Workshop für Drehbuchautoren zu halten. In Hollywood ist sie eine gefragte Ratgeberin. “Die Kunst des Drehbuchschreibens wird von der Filmindustrie in Hollywood unterschätzt”, erklärt sie. „Drehbuchautoren werden hier schon lange nicht mehr zu Multimillionären. Wir beobachten eine Entwicklung zurück zum alten Studiosystem. Da die Filmindustrie sparen muss, sind kleine Filmstudios mit geringen Budgets auf dem Vormarsch. Filme wie der Oscar-nominierte District 9 (30 Millionen US-Dollar) und Paranormal Activity (15.000 US-Dollar) beherrschen die Szene.“ Außerhalb Hollywoods haben viele aufstrebende Drehbuchautoren bereits Julie Grays Workshops besucht, zum Beispiel in Oxford und Bristol. Gray beteiligt sich auch aktiv am Afghan Women’s Writing Project in Kabul und hilft somit, die Literatur afghanischer Frauen zu veröffentlichen.

Julie Gray erklärt, wie sehr es sie überrasche, dass viele ambitionierte Autoren gegenüber den Realitäten des Filmbusiness blind sind und stattdessen den angeblichen Glamour von Hollywood für die Realität halten. „Fakt ist, dass es in Hollywood in erster Linie ums Geldverdienen geht“, erläutert sie. „Zurzeit verlieren zu viele Filme Geld. Jeder sucht nach einer neuen Erfolgsformel. In der ganzen Filmindustrie geht die Versagensangst um. Deshalb geht man lieber auf Nummer sicher und es werden immer mehr einfallslose Filme nach bekannten Mustern gedreht. Oder man macht Remakes von früheren Erfolgsfilmen wie Robin Hood oder Kampf der Titanen. Außerdem sind der Filmindustrie die wahren guten Ideen ausgegangen.“ Hollywood benutzt die Arbeiten europäischer Autoren als Inspiration für neue Filmplots. Den Produzenten ist es klar, dass ein wirklich einzigartiges Skript so selten ist wie ein Hole-in-one im Golf. Verstärkt wird nun nach neuen Umsetzungen alter Ideen gesucht. Dass wir ein Revival von Sandalenfilmen wie Gladiator, Troja und Centurion sehen, ist daher nicht sehr überraschend.

Was man als Drehbuchautor wissen muss

Die Drehbücher vieler aufstrebender Autoren werden abgelehnt, da sie die Anforderungen von United Artists, MGM, Warner, Sony oder anderen Industrieformaten nicht erfüllen. Laut Julie Gray sind weitere Probleme mit Grammatik, Rechtschreibung und Strukturlosigkeit sowie mit der Missachtung grundlegender Regeln der Dramaturgie und mangelnder Kreativität verbunden.

Trotz übertriebener Behauptungen, dass wir in einem zunehmend visuellen Zeitalter leben, spielt das geschriebene Wort aber immer noch eine große Rolle. Unser Lieblingsfilm, unser Lieblingstheaterstück, unsere Lieblings-TV- oder Radiosendung brauchen immer noch Drehbücher - und die vergessenen Helden des Filmbusiness, die diese für uns schreiben. Ohne die Hingabe und die harte Arbeit der Drehbuchautoren wären unsere geliebten Action-Helden und Action-Heldinnen wahrhaft sprachlos. „Aber Intelligenz und harte Arbeit allein reichen nicht“, warnt Gray, die 2008 ihren Coaching-Service gründete und deren Blog und Podcasts zunehmend von Entscheidungsträgern der Branche aufgesucht werden. „Um Erfolg zu haben, muss man gut ausgebildet und organisiert sein und man muss gut kommunizieren können. Viele ambitionierte Autoren gehen mit Selbstverständlichkeit davon aus, dass ein Drehbuch über ihre Scheidung, ihre persönliche Liebesgeschichte oder Militärerfahrung sofort angenommen wird.“ Autoren brauchen Einfallsreichtum, wie es die Liebeskomödien Ein (un)möglicher Härtefall (mit Catherine-Zeta Jones und George Clooney) und Pretty Woman oder der Oscar-Gewinner von 2010, Tödliches Kommando - The Hurt Locker, beweisen. Es scheint, dass Drehbuchautoren in Hollywood nicht ernst genommen werden. Es sei denn, sie haben bereits mindestens zehn Skripte verkauft.

Julie Grays neues Buch Just Effing Entertain Me, das auf ihrem gleichnamigen preisgekrönten Blog basiert, erscheint (in englischer Sprache) im Frühjahr 2011.

Fotos: Julie Gray ©adamlopezphotography.com