Dortmund: BVB und echte Liebe

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2013

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

In guten wie in schlechten Zeiten: Eindrücke aus Deutschlands fußballverücktester Stadt vom Abend des Champions League-Finales.

Was der BVB ihm bedeutet? Marcel zuckt mit den Schultern. „Man isst, man geht zur Arbeit, man ist Dortmund-Fan. So ist das hier eben.“ Bayern München mag die meisten Titel gewinnen. Das deutsche Fußballherz schlägt hier im Ruhrgebiet, wo ein riesiges Meer aus schwarz-gelb in die Dortmunder Innenstadt strömt. Eine Stadt im Ausnahmezustand. Petra, gebürtige Dortmunderin, bringt es auf den Punkt: „Der BVB ist unsere Religion. Schau nach links, schau nach rechts: alles schwarz-gelb.“ Schon jetzt, am Nachmittag, versinkt die Stadt in den Vereinsfarben. Überall herrscht Volksfeststimmung, sogar ein Riesenrad wurde aufgebaut. Die Menschen drängen sich vor Großleinwänden. Schalverkäufer säumen die Einkaufsstraßen, BVB-Produkte gibt es allerorten. 

„Woanders is‘ auch scheiße“

Warum der Fußball hier diese Bedeutung hat? Wer den Wahnsinn BVB verstehen will, muss seine Heimat kennen. München hat eine pittoreske Altstadt, das Oktoberfest und zwei Eliteuniversitäten. Dortmund hat den Fußball. Das Ruhrgebiet ist der „Kohlepott“ Deutschlands, den der langsame Tod des Bergbaus in eine Dauerkrise gestürzt hat. Bald macht mit dem Opel-Werk in Bochum ein weiterer Großbetrieb dicht, auch Touristen machen um Städte wie Gelsenkirchen oder Dortmund einen Bogen. Wer doch kommt, findet in jeder Innenstadt ähnliche Betonwüsten, in denen es zu allem Überdruss ständig zu regnen scheint. Dortmunds Nachbarstadt Bochum hat sich dieses Image ironisch zu Eigen gemacht: „Woanders is‘ auch scheiße“, wirbt sie seit einigen Jahren.

Auch Borussia Dortmund hat so einen Slogan: „Echte Liebe!“ Für die Fans im Ruhrgebiet bedeutet das, ihren Verein auch in schlechten Zeiten zu unterstützen. Wenn er ständig gegen den Abstieg kämpft wie der VfL Bochum. Wenn er mal wieder die Meisterschaft verpasst wie Schalke 04. Wenn er kurz vor der Pleite steht wie der BVB vor wenigen Jahren. „Man muss einfach Respekt für das haben, was hier seit 2008 passiert ist. Das grenzt an ein Wunder!“, findet Toby, ebenfalls in schwarz-gelber Uniform unterwegs. Die heutige Führungsriege übernahm den BVB, als die Zukunft des Traditionsclubs auf der Kippe stand. Sportlich krebste man im Mittelfeld herum, wirtschaftlich kilometertief in den roten Zahlen. Bei den Zuschauerzahlen aber war Dortmund auch in dieser Krise Spitzenreiter. 

Deutschlands Fußballhauptstadt

Der Lohn: Die jungen, oft aus dem eigenen Nachwuchs stammenden Spieler, auf die der Club notgedrungen setzte, erwiesen sich ebenso als Glücksgriff wie der neue Trainer Jürgen Klopp. Sensationell gewann der BVB 2011 die Deutsche Meisterschaft, ein Jahr später das „Double“ aus Meisterschaft und DFB-Pokal. Plötzlich war das graue, gebeutelte Dortmund die deutsche Fußballhauptstadt. Hier wird das neue Museum des Deutschen Fußballbundes gebaut. Welche Bedeutung das gerade in schwierigen Zeiten haben kann, war auch bei der vergangenen Europameisterschaft zu beobachten, als Spaniens Triumph ein ganzes, krisengeschütteltes Land durchatmen ließ.

2013 ging die Meisterschale wieder nach Bayern. Dortmund gegen München, das fühlt sich auch nach „arm gegen reich“ an – besonders seit bekannt wurde, dass Borussias vielleicht größtes Talent für 37 Millionen Euro zum FC Bayern wechselt. „Götze, du Verräter!“, ruft der Anheizer auf dem Friedensplatz. Maria hat Mario Götzes Namen auf ihrem Trikot mit Klebeband durchgestrichen. „Wir sind ohne ihn noch stärker“, sagt sie.

Zum Finale der Champions League sitzt Mario Götze ohnehin verletzt auf der Tribüne in London. Einer, der da auch zuschaut, ist Uli Hoeneß. Vor ein paar Wochen kam heraus, dass sich der Bayern-Manager wegen Steuerhinterziehung selbst angezeigt hat. Für viele Dortmund-Fans passt das ins Bild: Die aufgeblasenen, abgehobenen Bayern hier, die bodenständigen, rechtschaffenen Dortmunder dort; CSU versus SPD. Wann immer Hoeneß an diesem Finalabend im Wembley-Stadion zu sehen ist, die Schmährufe in Dortmund lassen nicht ab.

„Unser ganzer Stolz“

„Unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz“, prangt auf einer Kaufhausfassade. Eine traurige Wahrheit: Fußball ist im Ruhrgebiet eine der letzten Identifikationsmöglichkeiten. Auch Jahrzehnte nach dem Zechensterben ist der Strukturwandel nicht vollendet, sucht eine ganze Region ihre Identität irgendwo zwischen den Kumpels vergangener Tage und dem Wunsch, die Metropole der Zukunft zu sein. „Bei 13 Prozent Arbeitslosigkeit ist der BVB für Dortmund ein Lichtblick“, sagt Michael, der zum Finale in seine Heimat zurückgekehrt ist. Deutschlandweit liegt die Arbeitslosigkeit bei 7 Prozent. Nur im Fußball ist der Ruhrpott vorne dabei. 

Anpfiff in Wembley. Dortmund bebt vor Spannung: Jetzt könnte man es den Bayern so richtig zeigen. Am Anfang sieht es gut aus, in der ersten Halbzeit dominiert Schwarz-Gelb. Doch dann kommen die Bayern aus der Reserve: 60. Minute, 1:0, Dortmund ächzt. Acht Minuten später der Ausgleich, Elfmetertor, für einen kurzen Moment scheint alles möglich. Dortmund jubelt, hofft, betet. Es hilft nicht. In der 89. Minute zerstört Arjen Robbens 2:1 alle Dortmunder Träume. Die schwarz-gelbe Masse macht sich müde und durchnässt auf den Heimweg. „Echte Liebe“ – das ist nicht nur Euphorie, sondern auch Enttäuschung. Aus einem einzelnen Lautsprecher dringt immer noch trotzig „Heja, BVB!“. Es regnet. Wie so oft in Dortmund.

Illustrationen: ©Christiane Reinert