Dolce Wahl: Zwei Verwalter im TV-Duell

Artikel veröffentlicht am 3. September 2013
Artikel veröffentlicht am 3. September 2013

Merkel, Steinbrück und vier Journalisten – die beiden deutschen Spitzenkandidaten wurden am Sonntag ins Kreuzverhör genommen. Aber wie haben die Europäer das Duell um die deutsche Kanzlerschaft gesehen? Bericht eines Italieners in Berlin.

Merkel hält durch, Steinbrück holt auf. Das Duell zwischen beiden dauerte exakt 90 Minuten. Um die beiden Kanzlerkandidaten ins Kreuzverhör zu nehmen, hat das deutsche Fernsehen ganze 4 Moderatoren aufgeboten, unter ihnen auch Entertainer Stefan Raab, ein Novum im deutschen Fernsehen.

Nun aber zum Inhalt. Es wurden sehr unterschiedliche Themen besprochen: Vom Mindestlohn, Lieblingsthema der SPD (und zuvor auch schon von der Linken), über ein mögliches weiteres Rettungspaket für Griechenland bis zur Gesundheitsreform und den Pensionen und Renten. Die Positionen der Kandidaten zu diesen Themen sind recht ähnlich, es gibt nur milde Unterschiede. Ein gutes Beispiel ist die Arbeitsmarktreform: Beide Kandidaten sind der Meinung, dass die Ungleichgewichte, die durch die Agenda 2010  entstanden sind, ausgeglichen werden sollten. Aber die Einführung eines Mindestlohns, Lieblingsprojekt der SPD, könnte durchaus auch mit der CDU Wirklichkeit werden. Kanzlerin Merkel gab sich in einigen Interviews zu diesem Thema offen (auch wenn der Mindestlohn bisher nicht Teil des CDU-Parteiprogrammes ist, wie Herausforderer Steinbrück im TV-Duell betonte). 

Was sind also die Unterschiede? 

Auch wenn beide die Notwendigkeit von Strukturreformen in den südeuropäischen Ländern befürworten, hat die SPD im Gegensatz zu Merkel doch einen etwas anderen Ansatz. Die Partei lehnt das einseitige Spardiktat ab und Steinbrück wirbt sogar für Konjunkturimpulse für Europa, eine Art Marshall-Plan 2.

Die Konfrontation ging praktisch nie ins Persönliche. Beide Kandidaten wirkten eher wie alte Freunde, die sich ein bisschen zanken. Gleichwohl gab es in einigen Bereichen doch einen harten Schlagabtausch. Steinbrück hat mehrere Male die Krisenpolitik Merkels als „gescheitert“ bezeichnet und darauf hingewiesen, dass die Krise ihre wahren Ursprünge nicht in den Schulden der Staaten hatte, sondern im kollabierenden Bankensektor.

Mit einem Schlag hat er die Merkel’sche Rhetorik von der Faulheit und Verschwendungssucht der Mittelmeerländer hinweggefegt. Allerdings hat auch die Kanzlerin auf die Anschuldigungen würdevoll und raffiniert reagiert: Sie erinnerte daran, dass diese Krise die schlimmste war, die das gemeinsame Europa je durchlebt habe und betonte damit auch indirekt, wie gut sie selbst diese gemeistert habe. Dann schleuderte sie Anschuldigungen mit einem trockenen „Auch du mein Sohn Brutus“ zurück: Jeden wichtigen Schritt der Krisenbekämpfung, betonte Merkel, habe die SPD mitgetragen, die Partei habe diese Politik somit gewissermaßen mit ermöglicht.  

Anstatt um Ideen oder gar Visionen ging es praktisch nur um eines: ums Geld. Die Repräsentanten der beiden größten deutschen Parteien wirkten dadurch teilweise eher wie die Verwalter eines Miethauses (möglicherweise zur Freude von Italiens Komiker-Politiker Grillo und Journalist Travaglio, die die Politik schon länger beschuldigen, nichts weiter zu tun, als zu verwalten). 

Wer hat gewonnen?

Die Ergebnisse der Umfrageinstitute sind nicht eindeutig. Einige meinen, Merkel habe gewonnen, andere geben Steinbrück den Sieg. Indes sind die wirklich wichtigen Daten andere: Steinbrück war zuvor schon klar auf der Verliererstraße, im TV-Duell hat er die Deutschen aber beeindruckt. In der direkten ARD-Seherbefragung nach der Sendung zeigten sich über 50% der Zuschauer positiv überrascht vom sozialdemokratischen Spitzenkandidaten. Vor dem Duell meinten nur 28% der Befragten, dass sie sich prinzipiell vorstellen könnten, Steinbrück zu wählen - nach der Konfrontation waren es 45%!

Was sind die Auswirkungen auf die Wahl? Vorteilhaft war das Duell eher für Steinbrück als für Merkel, zumindest was das Bild des Herausforderers in der Öffentlichkeit betrifft, dieses hat sich nämlich erheblich verbessert. Allerdings ist es zu früh um zu sagen, ob diese Veränderung den Sozialdemokraten auch tatsächlich mehr Stimmen bringen wird. Steinbrück hat im Duell jedenfalls noch einmal seine Ablehnung einer breiten linken Koalition mit den Grünen und der Linken klargemacht. Zudem hat er ein weiteres Mal bestätigt, dass er für eine eventuelle große Koalition (CDU/CSU und SPD) unter einer Kanzlerin Merkel nicht als Minister zur Verfügung stehen wird. So scheint es also, dass Steinbrück trotz seiner guten Performance im Duell in der nächsten deutschen Regierung nicht dabei sein wird.

Das ist der erste Artikel unserer Reihe "Dolce Wahl" zu den Deutschen Bundestagswahlen, verfasst von einem Italiener in Berlin.