Doku 'Our School': Diskriminierung von Roma-Kindern trotz EU-Fonds

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2011
Vier Jahre lang begleiteten die Regisseurinnen Mona Nicoară und Miruna Coca-Cozma drei Roma-Kinder in einem kleinen rumänischen Dorf mit der Kamera. Der Film, der ursprünglich ihre erfolgreiche Integration präsentieren sollte, zeigt schlussendlich die Realität: ethnische Trennung.

Wie in vielen osteuropäischen Ländern werden Roma-Kinder in Rumänien oft in spezielle Schulen geschickt oder müssen Klassen besuchen, deren Unterrichtsniveau nicht den Standards entspricht. 2006 erhielten 30 rumänische Städte EU-Subventionen, um die Segregation in Schulen aufzuheben. Der Dokumentarfilm Our School (USA-Rumänien-Schweiz, 2011) begleitet Alin, Beni und Dana aus der kleinen transsilvanischen StadtTârgu Lăpuş, die Gelder aus den EU-Integrationsfonds erhielt.

Die drei Schüler (und Protagonisten der Doku) hofften zunächst darauf, mit rumänischen Kindern zur Schule gehen zu können. Sie wurden jedoch einer Sonderschule für behinderte Kinder zugewiesen. Sämtliche EU-Subventionen wurden für die Renovierung einer ehemals Roma-Kindern vorbehaltenen Grundschule in einem Vorort verwendet.Wir trafen Mona Nicoară und Miruna Coca-Cozma in Budapest, wo der in den USApreisgekrönte DokumentarfilmOur School im November das Verzio International Human Rights Documentary Film Festival eröffnete.

Cafebabel.com: Mona und Mirona, wieso habt ihr euren Film in Târgu Lăpuş gedreht?

Mona: Wir suchten einen Ort, der sich um Integration bemühte. Daraufhin erhielten wir eine Liste aller rumänischen Städte, die Integrations-Gelder aus EU-Fonds vom Bildungsministerium erhalten haben. Wir konzentrierten uns auf kleinere Städte, da wir dokumentieren wollten, wie eine ganze Gemeinde Integration in die Realität umsetzt. Unser Team aus Transsilvanien ist klein. Wir wussten, dass wir dem Rhythmus und der Atmosphäre einer transsilvanischen Stadt gerecht werden konnten. Târgu Lăpuş war der Ort, an dem die größte Chance auf eine erfolgreiche Integration bestand. Dennoch drehten wir schließlich einen Film, der zeigt, wie Segregation in der Realität aussieht.

Cafebabel.com: Wie seid ihr mit den wechselhaften Bedingungen beim Dreh umgegangen?

Mona: Wenn man einen Dokumentarfilm dreht, geht es eher darum, die Entwicklungen im Leben anderer zu verstehen. Der Film wurde trauriger, als wir erwartet haben. Dennoch waren die Dreharbeiten sehr einnehmend.

Cafebabel.com: Der Film endet damit, dass Benis Vater fragt, wieso sein Kind in eine Sonderschule gesteckt wurde. Habt ihr diese Frage weiterverfolgt?

Mona:Alin und Beni gehen immer noch in die Sonderschule in der Nähe einer Roma-Siedlung. Alin bekommt gute Noten – aber das sagt nicht viel, da das Unterrichtsniveau nicht sehr hoch ist. Dennoch fühlen sie sich nicht zugehörig und haben nicht den Eindruck, woanders hingehen zu können. Keine andere Schule wird sie aufnehmen. Als Filmemacher war es unsere Aufgabe, die Geschichte der Kinder zu erzählen. Wir haben den Film nicht gedreht, um unsere eigenen Antworten zu geben. Wir zeigen dem Publikum, wie komplex die Situation ist, damit es eigene Antworten finden kann.

Cafebabel.com:Our School wurde schon in mehreren Ländern gezeigt. Welche Reaktionen habt ihr bisher erhalten?

Wir haben den Film diesen Sommer in Korea vorgeführt, wo es kaum Roma gibt.

Mona: Wir haben den Film überwiegend auf Festivals einem Nischenpublikum gezeigt, daher waren die Reaktionen großartig. Festivalbesucher mögen Herausforderungen und möchten Neues entdecken. In Rumänien, wo wir uns um die Reaktionen der Zuschauer große Sorgen gemacht hatten, war das Echo überwältigend. Es gab stürmischen Beifall für diese Kinder und das war von großer Bedeutung für uns! Wir haben diesen Film bisher noch keinem breiteren Publikum zugängig gemacht, das wird die größere Bewährungsprobe werden. Bisher konnten wir feststellen, dass Zuschauer, die zur Vorführung kommen und einen belehrenden, von Aktivisten gedrehten, einfach gestrickten Film erwarten, das Kino sehr überrascht und bewegt verlassen. Wir haben den Film diesen Sommer in Korea vorgeführt, wo es kaum Roma gibt. Dort haben sie von „Gypsy-Punk“ und Emir Kusturica-Filmen gehört, aber sie sind nicht so vorbelastet wie wir Europäer es beim Thema der Roma sind. Dennoch kamen Zuschauer zur Vorführung und haben sich die Thematik angeeignet. Das bedeutet, dass er auf jeden wirkt und dass er das Potenzial hat, Menschen zu berühren, die diesen Kindern und ihren Geschichten ihr Herz öffnen.

Cafebabel.com: Die Roma-Frage wird oft in Europa diskutiert, die Debatte bleibt aber eher theoretisch. Die Roma selbst sehen kaum Ergebnisse. Wie kann ein Dokumentarfilm Einfluss nehmen?

Mona: Es war nur unsere Absicht, den Zuschauern die Geschichte der Protagonisten zu erzählen. Sie sind Roma, aber sie sind genauso Menschen mit individuellen Charaktereigenschaften. Sie sind nicht abstrakt und auch keine Stereotypen. Roma sind Menschen wie du und ich - diese Erkenntnis ist entscheidend, um zu verstehen, was sie brauchen.

Miruna: Ja, es geht nicht um Roma – es geht um Alin, Benjamin und Dana.

Mona Nicoară und Miruna Coca-Cozma

Cafebabel.com: Ihr lebt und arbeitet im Ausland. Welche Unterschiede seht ihr in der Filmproduktion zwischen Ost und West, was die Methoden und die Bedingungen angeht?

Mona: Es gibt keine großen Unterschiede zwischen Rumänien und den USA. Independant-Filme sind genauso unterfinanziert und interessant wie fast überall. In Ungarn müssen Filmemacher mit einer ziemlich unkooperativen Regierung umgehen, während sie in Rumänien mit der mangelhaften Finanzierung zurechtkommen müssen. Eine kleine Gruppe unabhängiger Filmemacher, die sich gegenseitig wertschätzen und sehr gut zusammenarbeiten, ist auf der ganzen Welt verstreut. Daher ist es sehr einfach, von einem Ort zum anderen zu kommen.

Cafebabel.com: Wie wählt ihr eure Themen?

Miruna: Ich hatte bereits einen Dokumentarfilm über Roma in Rumänien gedreht.

Mona: Es mag vielleicht abgedroschen klingen, aber es ist das Thema, das dich aussucht. Du entscheidest nicht aus freiem Willen, dein Leben für fünf oder sechs Jahre für etwas auf Eis zu legen, das du tun oder nicht tun willst. Du fühlst, dass es etwas ist, das du tun musst.

Cafebabel.com: Was ist euer nächstes Projekt?

Mona: Wir denken noch nicht an andere Themen, da noch viel Arbeit für Our School vor uns liegt. Er soll ein noch größeres Publikum erreichen, Bildungs-und Lobbyarbeit leisten und Menschen aktivieren. Wir müssen das Projekt zu Ende bringen. Wenn wir es nicht tun, dann tut es niemand an unserer Stelle.

Miruna: Es ist erst der Anfang des Abenteuers.

Lest mehr auf dem offiziellen cafebabel.com Blog in Budapest.

Illustrationen: Mit freundlicher Genehmigung von ©Mona Nicoară und ©Bálint Sztankó