Doku 'Escuchando al Juez Garzón': Spaniens bekanntester Richter vor Gericht

Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2012
Escuchando al Juez Garzón [Hört auf den Richter Garzón] ist ein 87-minütiger Dokumentarfilm, der Ende des Jahres 2010 in Form eines Exklusiv-Interviews mit dem bekannten spanischen Richter für Menschenrechte in Madrid gedreht wurde. Mehr als ein Jahr danach ist dieser dreifach wegen Machtmissbrauchs vor dem obersten Gerichtshof seines Landes angeklagt.
Internationale Menschenrechtsaktivisten nennen diese ‘Judge Dredd‘-Geschichte einen spanischen Science Fiction-Thriller.

Der 13. Februar 2012 wäre für den gescheiterten sozialistischen Politiker aus dem südspanischen Jaen eigentlich der einunddreißigste Jahrestag seiner außergewöhnlichen Karriere gewesen. Aber für jedes Jahrzehnt seiner Karriere steht nun eine Anklage des ehemaligen Helden der MenschenrechteBaltasar GarzónReal, gegen den am 24. Januar 2012 am obersten Gerichtshof in Madrid wegen ‘Verdrehung der Wahrheit‘ und Überschreitung seiner richterlichen Kompetenzen der Prozess eröffnet wird. Der Richter habe unrechtmäßig in mehr als 100.000 Fällen, die während der Herrschaft des Diktators Francisco Franco verschwanden, auf eigene Faust ermittelt. Außerdem steht er für die so genannte ‘Gürtel’-Affäre vor Gericht, in deren Rahmen er das heimliche Mitschneiden von Gesprächen zwischen Anwälten und ihren Mandanten durch die Polizei genehmigt haben soll. Aller guten Dinge sind drei: Die dritte Anklage soll Garzons Verhalten in einem die Bank Santander betreffenden Fall untersuchen, während er sich in New York aufhielt.

Verehrt und verhasst

Garzons Version der Geschichte haben wir gehört – zumindest im DokumentarfilmEscuchando al Juez Garzón der katalanischen Regisseurin Isabel Coixet, der im Februar 2011 auf der Berlinale in der Sektion Special gezeigt wurde. In Spanien kam die Doku Ende April in die Kinos, bevor sie auf Festivals von Rio de Janeiro bis Biarritz und Manchester gezeigt wurde. Der Film ist der heißeste Anwärter auf den Preis als bester Dokumentarfilm bei der Verleihung der spanischen ‘Oscars‘, der Goyas, am 19. Februar 2012 – vielleicht auch weil die spanische Filmakademie aus Künstlern besteht, die Garzon öffentlich verteidigen. In der Jury sitzen unter anderem der Regisseur Pedro Almodovar und Pilar Bardem, die Mutter des Schauspielers Javier.

Bisher hat der Film nur einen portugiesischen Verleih gefunden; Spaniens iberische Nachbarn können sich auf einen neunzigminütigen Quasi-Monolog einstellen. Auf diese Länge wurde das sechsstündige Gespräch zwischen dem Autor Manuel Rivas und Garzon am 18. Dezember 2010 geschnitten. Wie sollte ein Richter denken? Was sollte er an einem Tatort tun? In Escuchando al Juez Garzón erfahren wir Garzons allgemeine Ansichten zur globalen Bekämpfung des Terrorismus. Er erzählt sogar eine amüsante Anekdote darüber, wie es wirklich war, 1998 in London einen internationalen Haftbefehl gegen den ehemaligen chilenischen Diktator Augusto Pinochet auszustellen.

Die berühmte Anklageschrift für die ungeklärten Morde an spanischen Bürgern war ein Meilenstein für das Wiederaufrollen von Amnestiefällen weltweit. Der Film ist für Zuschauer in ganz Europa großartig – Garzon zollt den vor einiger Zeit in Italien ermordeten Richtern Anerkennung und spricht über seine Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich. Der Film bietet außerdem Einblick in die spanische Gesellschaft und Kultur, indem er ein Rechtssystem zeigt, das manchmal eine Ordnung fördert, in der man seine Hand in die Kasse stecken kann, solange man sich nicht erwischen lässt, und den Einfluss der extremen Rechten auf die Politiker des Landes zeigt.

'Schmerzliche' juristische Angriffe

In Coixets Dokumentarfilm kann man einen Menschen sehen, der über die ‚schmerzlichen‘ juristischen Angriffe spricht, denen er aufgrund seiner Untersuchung des Franco-Regimes unter dem Motto Aufarbeitung 2008 ausgesetzt ist. Hier ist ein Mann, der sogar versuchte, Silvio Berlusconi über die europäischen Gerichtshöfe beizukommen, auch wenn darüber im Film nicht gesprochen wird. Das ist angesichts der Tatsache, dass der ehemalige italienische Premier in den meisten Verfahren gegen ihn einen Freispruch erzielt hat, bedauerlich.

Am 13. Januar veröffentlichte die internationale Organisation Human Rights Watch eine Stellungnahme, in der sie die bevorstehenden Prozesse gegen den Richter verurteilt. „63 Jahre nach Francos Tod stellt Spanien endlich jemanden im Zusammenhang mit den Verbrechern seiner Diktatur vor Gericht – den Richter, der in Sachen dieser Verbrechen ermitteln wollte“, sagt der juristische Berater der Nichtregierungsorganisation Reed Brody.

Aus filmischer Perspektive ist von Coixet nicht viel zu erwarten. Die aus Barcelona stammende Regisseurin, die 2009 in der Jury der Berlinale saß, hält Abstand und dreht sich hauptsächlich um einen natürlich beleuchteten Tisch, an dem Garzon spricht. Einige halten dies für eine kluge Entscheidung, denn eine kontroverse Figur wie Garzon darzustellen, deren Karriere so prominent ein Ende fand, könnte auch über ihre eigene Karriere entscheiden. Dessen ist sich Isabel Coixet vermutlich bewusst. Die Fragen, die Garzon gestellt werden, sind wenig kontrovers und recht gefühlsbetont, etwa wenn es um seine Familie geht. Dieser Film beeindruckt durch seine menschliche Darstellung einer institutionellen Person, einer der bekanntesten in Europa in den vergangenen Jahrzehnten, unabhängig vom Ausgang der Verfahren.

Journalisten können sich den Film Escuchando al juez Garzón hier ansehen.

Illustrationen: Homepage (cc)facebook.com/SolidariosconGarzon