Doku 'Après la gauche': Das Ende der (europäischen) Linken?

Artikel veröffentlicht am 31. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 31. Mai 2011
In Paris läuft mit Après la gauche am 1. Juni ein Dokumentarfilm an, der Antworten sucht auf eine Frage, die sich ganz Europa stellt. In Frankreich, Stammland der Linksintellektuellen, wird sie nun laut diskutiert.

„Man muss Konsequenzen aus seinen Ideen ziehen. Das hat die Linke nie verstanden.“ Susan George, Schriftstellerin und Attac-Mitbegründerin, bringt es auf den Punkt. Es ist die Sorge einer Generation Europäer, die in Spanien und Griechenland gegen die als Verrat am kleinen Mann angesehenen Maßnahmen sozialistischer Regierungen demonstriert. Die in Deutschland grün statt rot sieht, und sich angeekelt von der Selbstzerfleischung der Linken abwendet. Die nach dem DSK-Debakel in Frankreich verzweifelt stöhnt: „Wen sollen wir denn jetzt wählen?“

Drei ihrer Vertreter haben in einem genialen Dokumentarfilm die Vätergeneration ins Kreuzverhör genommen. Dreizehn aus der alten Garde der französischen Linksintellektuellen, darunter der ehemalige Premier und Präsidentschaftskandidat Lionel Jospin, der Verleger Eric Hazan, der ehemalige Le Monde-Chefredakteur und Gründer von MédiapartEdwy Plenel oder der Essayist und Wissenschaftler Albert Jacquart, haben ihnen Rede und Antwort gestanden. Der Vorwurf: Wie sollen wir denn an eure Ideen anknüpfen? Mit der Mauer ist der Kommunismus gefallen. Seitdem haben sozialistische Parteien regiert. Sie erwiesen sich als würdige Verwalter des neoliberalen Status quo. „Der Linken geht es nicht um Ideen. Die Linke will gewählt werden. Es ist grauenhaft“, in den Worten des französischen Philosophen und Publizisten Bernard Stiegler.

Das Identifikationsobjekt des heutigen Proletariats heißt Fernseher, nicht Fließband. Solidarität? Wir fühlen für Afrika und Lateinamerika. Tarifverhandlungen? Wir leben in Zeiten der Zeitarbeit und des Praktikanten-Prekariats. Parteigenossen? Wir haben sie durch Facebook-Gruppen ersetzt. Willst du mein Freund sein?

„Das Unmögliche ist möglich. Aber man muss sich wirklich engagieren“, erwidert der italienische Philosoph Antonio Negri. Dabei gestikuliert er mit beiden Händen und sein kleiner Holzstuhl mit den Lackspritzern schwankt. Hinter ihm der Ausblick auf den Innenraum einer stillgelegte Fabrik. An diesem trostlosen Ort in einem armen Vorstadtviertel nördlich von Paris haben die drei Regisseure ihre Interviewgäste versammelt.

Riesig, öde und kahl steht das Gebäude da. Wie die Linke. Doch die Ästhetik des Films verzaubert den abblätternden Putz und die Pfützen auf dem Boden. Die Charaktere der einzelnen Interviewgäste füllen die leeren Räume, mit Gesten, Blicken und Gedanken. Der mitreißende Enthusiasmus, mit dem hier Ideen entwickelt werden, verleiht dem desolaten Konstrukt Würde. Vereinzelt sogar Schönheit.

Doch kann diese Poesie die Antwort sein auf das Fehlen von Visionen, Glaubwürdigkeit und Charisma? Was wird aus der europäischen Linken? Die in Après la gauche versammelten Altehrwürdigen meinen: „Wir müssen die Zukunft neu erfinden“.

Illustrationen: Foto: (cc)garko88/flickr; Video (cc)ApresLaGauche/ YouTube