Doktor Google: Die medizinische Revolution.com

Artikel veröffentlicht am 22. November 2010
Artikel veröffentlicht am 22. November 2010
Von der Probandensuche für klinische Studien über das virtuelle Medizinstudium zu Online-Diagnosen und der Anwendung von 'cloud computing' zur Speicherung von Patientenakten: Das Web 2.0 bietet spannende und beängstigende Möglichkeiten.

Heute früh bin ich mit Nackenschmerzen aufgewacht. Ich könnte zu meinem Hausarzt gehen, oder ich könnte meine Beschwerden googlen. Es wird doch wohl keine Hirnhautentzündung sein? Ob ich unter Verwirrung oder Übelkeit leide, fragt die erste Webseite, die mir angezeigt wird. Mir war tatsächlich kurz schwindlig, als ich heute Morgen festgestellt habe, dass ich verschlafen habe und aus dem Bett gesprungen bin. Es könnte ein Hirnblutung oder -entzündung sein, sagt eine andere hilfreiche Seite. Vielleicht habe ich Halswirbelarthrose. Auch ein Gehirntumor kann nicht ausgeschlossen werden. In Wirklichkeit leide ich nur an „Cyberchondrie“. Mein Hausarzt oder mein eigener gesunder Menschenverstand hätten der Kombination aus reichlich Rotwein und Schlafmangel die Schuld an meinem benommenem Schädel und dem verspannten Nacken gegeben. Die schnelle und kostenlose Internetrecherche erweist sich dagegen als ein eher ungenaues Diagnosewerkzeug.

Cyberchondrie

Der unbegrenzte Zugang zu medizinischen Informationen zweifelhafter Qualität, stellt die Ärzteschaft seit gut einem Jahrzehnt vor Probleme. Scott Haig, Autor einer medizinischen Kolumne im Time Magazin, klagte, dass es eine Qual sei, die „Google-Mediziner“ - Patienten, die bereits mit einer Handvoll möglicher Diagnosen und Mutmaßungen in die Praxis kämen - zu behandeln. Haig schrieb: „Diese Patienten sind oft argwöhnisch und misstrauisch, ihre Sätze strotzen nur so von falsch verwendeten, falsch ausgesprochenen Fachbegriffen und unausgegorenen Ideen.“ Die Patientenvertreter gingen auf die Barrikaden. Haig sei ein altmodischer, bevormundender Möchtegern-„Gott in Weiß“. Er hätte Angst vor dem modernen, informierten Patienten, und sei zu schwerfällig um sich den Neuerungen zu stellen. In gewisser Weise hatten beide Seiten Recht: Die online verfügbaren Informationen sind nicht immer nützlich, sie sind aber auch nicht mehr wegzudenken.

Die Situation verbessert sich allerdings. Google zufolge sind 6% der medizinischen Informationen fehlerhaft. In den leicht auffindbaren Diskussionsgruppen tauschen tausende Benutzer ihre Erfahrungen aus. Weiterentwicklungen haben es Ärzten und Patienten ermöglicht, das Internet zu allseitigem Nutzen einzusetzen. Führende Köpfe nutzen das Potential des Internets, um positive Beiträge zur Medizin zu leisten. Die Universität Plymouth (UK) hat ein sexualmedizinisches Simulationspiel entwickelt, das die Spieler über „Safer Sex“ aufklären soll. Dort gibt es sogar virtuelle Kondome. Die Idee dahinter ist, dass mit Hilfe dieses Spiels Hochrisikogruppen besser erreicht werden können, wenn auch nicht in der realen Welt.

Doktor Google

Stay under your blanket - it might be the burnout syndrome...

Niemand hat so viel Einfluss auf die Zukunft des Internets wie Google, und Google interessiert sich gerade sehr für Gesundheitsthemen. Bei einem Vortrag in Orlando warf Eric Schmidt, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von Google, den Medizinern vor, dass sie die Revolution verschlafen hätten. „Das Gesundheitswesen hat viel zu lange gebraucht, um zu erkennen, dass es sich beim Internet um eine umwälzende Innovation handelt, die das Verhältnis zwischen Experten und Laien, in diesem Fall zwischen Arzt und Patient, revolutioniert hat. Während manche Ärzte ihren Expertenstatus bedroht sehen, stellt das Web Informationen zur Verfügung, die die Ärzte benötigen, um gute Arbeit zu leisten, sowie Informationen, die die Patienten gesünder und schlauer machen“, sagt Dr. Schmidt, und witzelt, dass aktuellen Umfragen zufolge, dem Internet größeres Vertrauen entgegengebracht würde als den Ärzten. Das Internet hätte besser gebildete Patienten hervorgebracht, die selbst nach Informationen suchen können.

Aber Google hat größeres vor. Schmidt will, dass Patientenakten weltweit zugänglich werden. „Beim Hurricane Katrina sind riesige Datenmengen verloren gegangen. Das wäre nicht passiert, wenn die Daten auf mehreren Servern, an verschiedenen Orten gespeichert worden wären.“ Genau diese Idee lag einst der Entwicklung des Internets zugrunde: Das US-Militär benötigte ein Computernetzwerk, auf dem sensible Daten gespeichert, und auf das von verschiedenen Zentren aus sicher zugegriffen werden konnte. Der Zugang zu individuellen Patientenakten soll, wenn es nach Google geht, passwortgeschützt über „Google Health“ erfolgen. Damit würde die Notwendigkeit bei Arztwechseln Unterlagen zu verschicken entfallen; Patientenakten könnten somit auch bei einem Krankenhausaufenthalt im Ausland gelesen werden. Jamie Court von der Consumer Watchdog Group, dem US-amerikanischen Verbraucherschutz, warnt allerdings, dass die Daten, falls sie in die falschen Hände, zum Beispiel in die Hände eines Arbeitskollegen, eines Bekannten oder eines Dienstleisters gelangen würden, gegen die Patienten verwendet werden könnten.

Risiken und Nebenwirkungen

Das Web als interaktives Medium kann sogar selbst einen Einfluss auf die Gesundheit haben. Die New York Times warnt, dass Bloggen und das ständige Twittern über Nichtigkeiten in Stress ausarten kann. Die populärwissenschaftliche Zeitschrift Scientific American brachte dagegen einen Artikel über die Vorteile des Bloggens: Forschern zufolge hilft Bloggen bei der Stressbewältigung, was seinerseits das Gedächtnis und das Immunsystem stärken soll. Aus allen Ecken und Enden kommen neue Berichte über die Auswirkungen des Internets auf die Gesundheit. Zurück in der Realität, in einem Land mit lückenhafter Breitbandabdeckung, mag der Web 2.0-Jux wie ferne Zukunftsmusik wirken. Dennoch wird unser Gesundheitssystem durch die Technologie dramatisch verändert, und die Ärzte haben alle Hände voll damit zu tun Schritt zu halten. Jetzt, wo medizinische Fakultäten und multinationale Unternehmen die Neuerungen begeistert annehmen, nimmt vielleicht die Furcht, dass Patienten ihren Hausarzt durch Dr. Google ersetzen könnten, ab.

Der Autor dieses Artikels, Gary Finnegan, ist einer der 27 Finalisten des EU Health Journalism Prize 2010.

Fotos: Karotten (cc)Rafael Mejia Is Alive/flickr; Unter der Decke (cc) B Rosen/flickr