Djihad: Belgien bringt foreign fighters auf die Bühne

Artikel veröffentlicht am 24. März 2016
Artikel veröffentlicht am 24. März 2016

Seit zwei Jahren tourt die Tragikomödie Djihad des belgischen Regisseurs marokkanischer Abstammung, Ismaël Saidi, durch das Land, das am Dienstag von Attentaten heimgesucht wurde. Im Interview erklärt Ismaël Saidi, warum es wichtig ist, die Dinge beim Namen zu nennen.

Nach den Attentaten in Brüssel am 22. März kehrt der Begriff Dschihad auf die internationalen Titelseiten, ins Fernsehen und in unser aller Unterhaltungen zurück. In Belgien gibt es noch einen anderen Ort, wo der Begriff zwischen den Lachern des Publikums buchstäblich die Bühne erobert hat: im Theater. Djihad heißt eine Komödie des belgischen Regisseurs Ismaël Saidi aus dem Jahr 2014, die derzeit in ganz Belgien auf Tournee ist und tragischen Erfolg feiert.

Ismaël Saidi, der aktuell keine Interviews mehr gibt, bewegt zudem die Netzgemeinde mit einem Facebook-Post am Tag nach den Attentaten. Der Regisseur erörtert dort kurz und prägnant eine immer wieder gestellte und eigentlich bereits mit den Pariser Anschlägen überanalysierte Frage: warum gehen die Muslime nicht auf die Straße, um die Attentate zu verdammen? Fangfrage? Eigentlich gar nicht, völlig nüchtern antwortet der Regisseur auf den Vorwurf, Muslime hätten sich mehr als andere für Terror zu rechtfertigen: „Weil wir die Taxen fahren, die die Menschen seit gestern gratis nach Hause fahren. Weil wir die Verletzten in den Krankenhäusern pflegen. Weil auch wir trauern.

Im Theater über den Dschihad lachen

„Es war im Sommer 2014 und ich arbeitete an einem anderen Projekt. Da habe ich im Fernsehen Marine Le Pen sagen hören, dass sie sich nicht für diese Jugendlichen interessiert, die nach Syrien aufbrechen“, erzählt Ismaël Saidi den ausschlaggebenden Moment für sein Theaterprojekt. „Das fand ich furchtbar. Meine einzige Möglichkeit, Antworten auf meine Fragen zu finden, war, ein Theaterstück zu schreiben.“  Djihad ist bereits das dritte Stück von Ismaël Saidi, der bei dieser Gelegenheit auch in eine der Hauptrollen der Komödie schlüpft. Der Autor hat marokkanische Wurzeln, er ist in Belgien geboren und im Brüsseler Viertel Schaerbeek aufgewachsen, wo man kurz nach den Attentaten vom Dienstag auch ein Testament eines der Brüsseler Kamikazen gefunden hat. Ismaël Saidi hat sich entschieden, die Geschichte drei junger Muslime zu erzählen, die nach Syrien aufbrechen, um zu kämpfen.

Das Thema ist brisant: die drei Protagonisten sind so genannte foreign fighters. Geschichten von jungen Europäern, die in den Heiligen Krieg ziehen wollen, sind mittlerweile durchaus bekannt, aber der Regisseur findet einen neuen Weg, das Thema anzugehen: Er erzählt von der Odyssee, die sie von Belgien nach Syrien bringt. Dabei bricht er gängige Klischees und öffnet mit einer gehörigen Portion Humor auch einen Spalt für Selbstkritik. Das macht er mit Ironie, einer westlichen Waffe, die sich die Terroristen noch nicht zu eigen machen konnten.

Ismaël Saidi hat nicht die Hoffnung, dass sein Theaterstück Djihad jemanden davon abhalten kann, sich zu radikalisieren. Er verfolgt aber das gleiche Ziel, das Theater schon jeher hat: einen Dialog zu öffnen, über Probleme zu sprechen und sie von innen heraus zu analysieren. „Das Hauptziel war es zu erzählen, warum diese jungen Menschen sich radikalisieren und ihr Land verlassen. Genau aus diesem Grund führen wir nach der Aufführung auch eine Debatte: um den Prozess zu verstehen.“

„Wenn du über etwas reden willst, musst du es auch benennen“

Einem Thema wie Terrorismus mit Ironie zu begegnen, ist sicher nicht einfach. Es ist ein Tabu, dem man lieber mit Samthandschuhen begegnet. Aber die Komik des Stückes ist nicht leichtfertig und alles andere als oberflächlich. Das Theater nutzt das Lachen, um über komplexe Themen zu sprechen, um zum Nachdenken anzuregen. „Alles kann eine Tragikomödie sein. Ich glaube, dass das Theater und die Menschen die Komödie schon immer benutzt haben, um zu reden,“ erklärt Ismaël. „Ich glaube, dass alles mit einer Komödie erklärt werden kann.“ Klartext vom Regisseur, der sich für einen Titel mit Schlagkraft entschieden hat: „Der Gebrauch der Komödie hat mir sehr geholfen: wenn man ein Stück dieses Genres schreibt, muss man das Politisch Korrekte hinter sich lassen. Ich wollte das Wort 'Dschihad' im Titel benutzen. Meiner Meinung nach müssen alle Wörter benutzt werden, es gibt keine Geheimnisse. Wenn du über etwas reden willst, musst du es auch benennen.“

Selbstkritik der muslimischen Gemeinschaft

Auf die Bühne treten Ben, Reda und Ismaël, drei muslimische junge Männer aus Brüssel. Ihre Leben zeigen, wie schwer es ist, sich zu integrieren und wie leicht, sich zu radikalisieren. Reda liebt seine Freundin, aber er darf sie nicht heiraten, weil sie keine Muslimin ist. Ben ist ein großer Fan von Elvis, während Ismaël Maler ist. Innerhalb ihrer Gemeinschaft kollidieren die drei mit den Fragen, die sie beängstigen. Ist es richtig, jemanden zu lieben, der nicht die gleiche Religion hat? Ist die Malerei ein akzeptabler Weg, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen?

„Ich wollte im Stück eine Kritik von innen heraus. Man kann nur eine Lösung für das Problem finden, wenn man jemanden hat, der tief eintaucht und die vielen falschen Dinge anspricht, die sich verändern müssen.“ Die vielen positiven Reaktionen insbesondere der muslimischen Gemeinschaft auf sein Stück sind eine erste Bestätigung für den Regisseur, das er nicht ganz daneben lag.

Danach konzentriert sich die Geschichte darauf, wie einfach man heutzutage im Netz von Rekrutierern angesprochen werden kann: „Die Medien haben sich verändert, weil es früher den Imam gab und heute Internet und Handys, aber die Botschaft ist dieselbe: 'Du verlierst in Europa deine Zeit, woanders stirbt dein Bruder, du musst aufbrechen'“. Eine Debatte schließt die Vorstellung ab. Schüler stellen ähnliche Fragen wie die drei Protagonisten: haben wir das Recht zu zeichnen? Und die Antwort gegen die Radikalisierung ist immer die gleiche: Unwissenheit bekämpfen.

Aktuelles Zeitgeschehen im Theater

Seit den Anschlägen vom 13. November in Paris hat Ismaël von den Jugendlichen deutlich mehr Fragen über Gewalt gehört: „Die Jugendlichen fragen uns oft, was der Grund für so viel Hass ist, warum die Terroristen töten wollen.“ Trotzdem habe sich weder seine Einstellung geändert, noch habe er Angst, das Thema ironisch anzugehen: „Ich habe keine Angst, mein Stück aufzuführen. Man kann auch Angst haben, einen Kaffee in einer Bar in Paris zu trinken. Aber wenn wir sie fürchten, haben die Terroristen gewonnen. Und deshalb dürfen wir keine Angst haben.“

Das Konzept scheint aufzugehen. Denn bis heute haben bereits 45 000 Zuschauer die Aufführungen besucht. Das Bildungsministerium von Belgien hat das große Potenzial des Stückes erkannt und die ersten Phasen des Projekts unterstützt. Zunächst waren Schulen die ersten Adressaten. Heute ist Djihad ein in ganz Belgien bekanntes Stück und bereitet sich darauf vor, das Land zu verlassen: übersetzte Versionen sollen bald schon nach Amsterdam und in die USA reisen.