DJ Miguel Picasso: "Seit 8 Jahren ist Europa führend in der House-Musik"

Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2008
DJ Miguel Picasso aus der spanischen Küstenstadt Málaga schaffte es dank seiner erfolgreichen Version des Songs "The rythm of the night" weit nach oben in den internationalen Rankings für House-Musik.

Es ist abends, halb sechs, ich warte am Eingang des Holiday Inn im Nordosten von Paris - seit geschlagenen eineinhalb Stunden. Als er eintrifft, gebe ich ihm ein Zeichen mit der Hand. Er erkennt mich zwischen den japanischen Touristengruppen und kommt näher, einen kleinen Koffer in der einen, einen Laptop in der anderen Hand. "Sorry für die Verspätung", entschuldigt sich Miguel Picasso. Er ist grade aus Málaga nach Paris geflogen. Sein Flugzeug habe fast zwei Stunden Verspätung gehabt.

Er ist schlanker als das letzte Mal, sieht jünger aus. Es läuft gut bei ihm. Nach seiner Hautfarbe zu schließen, konnte er - obwohl es erst Anfang Mai ist - schon Sonne in seiner Heimat, an den Stränden der Costa del Sol in Málaga tanken. Dort lernten wir uns vor Jahren über Freunde in einem der zahlreichen Elektro-Clubs, Passion, Dreamers oder Emporio, kennen, in denen Picasso wöchentlich auflegt. Ohne die Koffer im Hotelzimmer abzustellen, steuern wir direkt auf die Hotelbar zu: eine Cola für Miguel und einen Kaffee für mich.

Nächtlicher Rhythmus für Europa

©Pedro PiconEs ist nicht das erste Mal, dass Picasso in Paris zu Besuch ist. Als DJ für elektronische Musik hat er in den wichtigsten Diskotheken der französischen Hauptstadt gearbeitet, doch dieses Mal ist er privat unterwegs: Sein Partner lebt in Paris. Picasso hat auch in Dubai, London, Brüssel und Amsterdam aufgelegt. Die nächsten Stationen sind bereits geplant: Nischni Nowgorod, die viertgrößte Stadt Russlands, Bukarest und Valencia. Der Terminkalender für den Sommer ist dank seines Covers des Klassikers "The rythm of the night", mit dem er bei House-Fans international den Durchbrucnh schaffte, vollgepackt. Der Erfolg ist kein Zufall: "Nach über 30 Produktionen auf dem Markt und über 11 Jahren Berufserfahrung habe ich aufgehört darüber nachzudenken, wie ich einen Hit landen könnte. Ich hatte die Vision, einen alten Song neu zu entdecken und die Treffsicherheit, den ersten Remix davon zu machen."

Picasso beschwert sich über erfolgreiche DJs, die nicht selbst mixen können, sondern sich Assistenten für diesen Job suchen. Dabei schielt er auf sein Notebook, von dem er sich niemals trennt. Er nutze jede freie Minute, um mit dem PC an einem aktuellen Stück weiter zu arbeiten - egal wo er gerade ist. Neben der Arbeit als DJ, Musiker und Komponist arbeitet er als Lehrer in einer Musikschule in Fuengirola, einer Stadt in der Provinz Málaga. Wenn es um House-Musik geht, hebt sich Miguel Picasso als europäischer DJ auch auf Weltniveau ab. "Seit 8 Jahren ist Europa führend in der House-Musik, noch vor den USA - vor allem mit englischen, schwedischen, französischen und spanischen DJs", erklärt er.

Für die Inspiration schöpft der DJ aus den unterschiedlichsten musikalischen Quellen: "Ich beschränke mich nicht nur auf Dancemusic", protestiert Picasso. Elektro-Pop, Künstler wie Goldfrapp, Moby, Trip Hop, Bristol, Massive Attack, Portishead oder Roger Sánchez, mit dem er im Juli gemeinsam in Marbella auflegt, inspirieren ihn.

House grenzenlos

©miguelpicasso.comMiguel Picasso ist sich der Unterschiede zwischen europäischen Fans durchaus bewusst: "Durch die EU gibt es zwar weniger Unterschiede zwischen den Ländern. Die Gebräuche werden flexibilisiert und die wirtschaftlichen Unterschiede geringer." Trotzdem weist er auf immer noch bestehende Eigenarten jedes Landes hin: "In Spanien, zum Beispiel, lebt man diese Art von Musik viel intensiver. Die Musik ist dort das wichtigste." An vielen internationalen Produktionen zeigt sich deutlich, dass House ein Geschäft ist, das Grenzen überwindet. Besonders hervorzuheben sind Houselabels wie Stealth des in Amsterdam lebenden US-Amerikaners Roger Sánchez, Phonetic in London oder Blanco y Negro mit Sitz in Barcelona.

Neuen Technologien demokratisieren House-Musik

Als wir darüber sprechen, welche Rolle die spanischen DJs auf dem internationalen Markt spielen, antwortet er ohne zu zögern: "Spanien hat gerade eine gute Phase, was das internationale Ranking angeht. Das liegt an der Demokratisierung der Medien, der Entwicklung des Internets und den neuen Technologien - ein großer Vorteil für die Musiker aus den Ländern, in denen die Infrastruktur nicht so ausgeprägt ist. Sie können das Publikum heute direkt erreichen, ohne die traditionellen Netze der Medien durchlaufen zu müssen."

Heute Nacht lädt Miguel mich und meine Freunde ein, in den Club The Mix - Pariser Mecca für House-Fans - zu gehen. Er liegt in der Nähe von Montparnasse. Picasso ist mit dem Besitzer befreundet, der uns auf die Gästeliste setzt. Er selbst kann jedoch nicht mitkommen - Privatleben verpflichtet! Bevor er jedoch in sein Wochenende flüchtet, besteht er darauf, die Rechnung zu begleichen, um sich für die Verspätung zu entschuldigen. Ich lasse ihn nicht. Beim nächsten Treffen in Málaga, wenn ich eine Wochenend-Flucht aus dem heißen Paris schaffe, kann er sich mit einigen seiner House-Rhythmen revanchieren