DJ Boris Viande: Der Bretone mit dem Gypsypunk im Gepäck

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2010
"Boris Viande" aka Romain, 26 Jahre alt: Das ist mein zweites Ich in Trash-Version. Der junge Franzose, der ebenso wie der bekannte Schriftsteller Boris Vian Trompeter ist, mixt seit vier Jahren. Er war eher im Punk zu verorten, bevor er sich für Rhythmen aus Osteuropa zu interessieren begann.

"Gestern hat man mir wieder einmal empfohlen den Namen zu wechseln! Aber dieser Name schützt einfach davor, zu blasiert zu werden" ('viande' heißt 'Fleisch'; Boris Viande nimmt Bezug auf den frz. Nachkriegsschriftsteller Boris Vian; A.d.R.). Romain, der einen grünen Polizeiaufnäher auf dem Rücken trägt, bestellt einen Kaffee und berichtet von seinen ersten Schritten als DJ. Alles fing mit einem Abstecher nach Berlin an. Während eines Praktikums in der deutschen Hauptstadt wurde er zum Fan der Russendisko-Bewegung und kam, die Taschen voller neuer Platten, nach Frankreich zurück. Nur « zum Spaß» legt er einige dieser Platten abends bei Freunden auf. Romains Abende machen schnell die Runde, sein Publikum rät ihm dazu, seine Chance als DJ zu ergreifen. Er legt zunächst im Westen Frankreichs und später in Paris auf - dorthin hat es den DJ für sein Studium verschlagen.

In puncto Musik bezeichnet sich Romain als "Autist". Der ehemalige Student des Bauingenieurwesens und der Politikwissenschaften hängt die meiste Zeit in seinem Studio, außer wenn er sich draußen auf die Suche nach ein paar O-Tönen macht. Und dennoch, nachdem er 2008 seinen Beruf an den Nagel gehängt hat, um sich ganz der Musik zu widmen, macht er sich per Zug und Boot in Richtung Italien, Griechenland und die Türkei auf. Dort sucht er nach neuen musikalischen Begegnungen und Inspirationen. "Ich habe auf MySpace nach Kontakten gesucht. Das war diese Art von Aktion, bei der du auf 100 Mails gerade mal drei Antworten bekommst. Aber die waren es dann auch wert." So traf er zum Beispiel die sizilianische Band Matrimonia oder Nesheli Milis in der Türkei. "Touristenreisen, nur um etwas zu besichtigen, nerven mich ziemlich schnell. Diese Begegnungen haben mir einen echten musikalischen Austausch ermöglicht." Ein Bier, ein Stück Rindfleisch, Tipps, um Songs zu mixen... Musiker verstehen sich im Handumdrehen. In Istanbul, dieser "sehr europäisch" türkischen Stadt, traf Romain Dub-Anhänger, die sich mit französischen Festivals manchmal besser auskannten als er.

Goldmine auf dem Balkan

Unterwegs, auf den Märkten und an den Häfen, nimmt der Trompeter Stimmungen oder Bands, die er auf der Straße trifft, während seiner Spaziergänge mit seinem Diktiergerät auf. "Nicht unbedingt, um sie so wiederzuverwenden, da die Töne nicht immer die notwendige Qualität hatten. Ich analysiere erst ihren Aufbau und verwende sie dann in meinen Kompositionen." In diesen drei Monaten konnte Romain viel neue Musik entdecken, die im Hexagon zum Teil noch vollkommen unbekannt war. Vor allem die Türkei war dabei eine wahrhaftige Fundgrube. "Es ist ein Land, das nicht viel Musik exportiert und wo sich die Selbstproduktion nur sehr langsam entwickelt." Außer den gesammelten Sounds, fährt er mit ein paar Konzerten in Aussicht, unter anderem ein Festival in Holland, wieder in die Heimat.

Boris Viande

Im letzten Sommer legte er einen Zwischenstopp beim legendären Guca-Festival in Serbien ein. Das Balkanfestival ist die Referenz schlechthin für osteuropäische Rhythmen. "Das Guca gibt es schon seit 50 Jahren. Eine wahre Goldmine, jeder Musiker kommt mit seinen ganz eigenen Goldstücken." Das kreative Durcheinander und den Anreiz für die östlichen Klänge erklärt Boris Viande ohne viel nachzudenken mit der EU-Osterweiterung und dem Beitritt zehn neuer Staaten 2004. "Es erleichtert einem den Zutritt zu diesen Ländern, da man kein Visum mehr braucht. Mittlerweile habe ich serbische, rumänische oder estländische Freunde"

Berliner Müßiggang

Auf dem Weg gen Osten hält Romain regelmäßig in Berlin. "Diese Stadt hat eine russenfreundliche Kultur, die in Frankreich nicht existiert." Dorthin zurückkehren? Undenkbar für den jungen DJ. "Berlin hat diese Gammelkultur, in die ich mich leicht hineinziehen lassen würde. Ich mag an Paris, dass man sich durschlagen muss. Das zwingt einen, etwas zu schaffen." Zu seinen bevorzugten Locations in Paris gehören das Kunst- und Kulturzentrum La Bellevilloise oder L‘Alimentation Générale in der Nähe von République. Aber der Abend, der ihm speziell am Herzen liegt, ist der Dienstagabend in der Dame de Canton, einem Holzboot am Seine-Ufer. "Im Gegensatz zu anderen Sälen ist das Publikum nicht schon vorab erobert. Und da ich unter der Woche mixe, bleiben die Leute nicht so lange. Ein Lied, das ihnen nicht gefällt, reicht und sie gehen. Das ist eine echte Herausforderung!" Wenn der Laden um Mitternacht brummt, ist Romain zufrieden.

Neben seiner Leidenschaft für Elektro-Punk aus dem Osten hat der Bretone sein eigenes Musiklabel, Vladprod, gegründet: "Das ist ziemlich viel Papierkram, aber es gefällt mir." Auch weiterhin spielt er mit Vladivostock, seiner ersten Band, die er mit Freunden aus Nantes gegründet hat. Gemeinsam touren sie durch die Ukraine, Deutschland und vielleicht auch schon bald die Niederlande. Von Freundschaft zu Freundschaft. Schlussendlich, "mit drei oder vier Aufträgen die Woche" kommt Romain gut über die Runden. Die nächste Reiseetappe ist der Zug Paris-Toulouse, wo er im Bordrestaurant mixt, damit der Sound aus dem Osten zukünftig auch mehr im Westen vibriert.