Dispute over Europe: Welche Zukunft hat Europa?

Artikel veröffentlicht am 8. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 8. Mai 2014

Was pas­siert, wenn In­tel­lek­tu­el­le über die Zu­kunft Eu­ro­pas strei­ten? Man kann eine Menge ler­nen – über Ge­schich­te, kul­tu­rel­le Prä­mis­sen und po­li­ti­sche Ver­wick­lun­gen. Nur nicht über die Zu­kunft Eu­ro­pas. „A Dis­pu­te over Eu­ro­pe“ lehr­t uns vor allem eins: Dis­ku­tie­ren ist wich­tig, aber si­cher nicht der Kö­nigs­weg in die eu­ro­päi­sche Zu­kunft.

„Eu­ro­pa ist das beste An­ge­bot. Wenn ich arm, aber bei Ver­stand wäre, würde ich am liebs­ten in Eu­ro­pa leben.“ Der Schrif­st­stel­ler Peter Schnei­der bringt auf den Punkt, was wohl die meis­ten Eu­ro­pä­er den­ken: Gibt es einen bes­se­ren Le­bens­mit­tel­punkt als diese „ge­bir­gi­ge Nase am eu­ra­si­schen Kon­ti­nent“ (Paul Valéry), in der die so­zia­le Markt­wirt­schaft und eine ge­mein­sa­me Wert­ord­nung herr­schen, in der so­zia­le Netze grei­fen und Di­ver­si­tät ze­le­briert wird? Um vom con­trat so­ci­al, den ex­ak­ten Wis­sen­schaf­ten, von Ra­tio­na­lis­mus, Aris­to­te­les, Pla­ton, Vol­taire, Nietz­sche, Locke, Hume, Rous­seau, Hegel und Mon­tai­gne gar nicht erst zu spre­chen! Spult man ins 21. Jh., vor, ist der eu­ro­päi­sche Lack al­ler­dings etwas ab. Was folgt auf den „my­thi­schen Tri­umph der Wen­de­jah­re“ und den kurz­le­bi­gen „Rausch der Ost­erwei­te­rung“?

Der pe­ri­pa­te­ti­sche Keim des in­tel­lek­tu­el­len Eu­ro­pa

Die An­satz­punk­te jeder in­tel­lek­tu­ell auf­ge­la­de­nen De­bat­te über Eu­ro­pa sind all­ge­mein be­kannt: Die Kunst, die Kul­tur! Die Uni­ver­sa­li­tät der Werte! Die him­mel­hoch jauch­zend zu Tode be­trübt ma­chen­de Ge­schich­te! Bei so viel his­to­ri­schem, kul­tu­rel­lem und so­zia­lem Wis­sen könne Eu­ro­pa doch gar nicht an­ders, als den Kar­ren auch im 21. Jh. mal wie­der aus dem Dreck zu zie­hen. Nur wie genau das ge­sche­hen soll? Be­gin­nen wir doch bei So­kra­tes und Pla­ton, bei der pe­ri­pa­te­ti­schen Dia­log­kul­tur und somit dem Keim des in­tel­lek­tu­el­len Eu­ro­pas... So oder ähn­lich mögen die Ver­an­stal­ter der Pa­nel­dis­kus­si­on A Dis­pu­te over Eu­ro­pe ge­dacht haben, als sie be­schlos­sen, am 2. Mai 2014 in Ber­lin einen gan­zen Nach­mit­tag über Eu­ro­pa zu dis­ku­tie­ren.

Das ist über weite Stre­cken hoch­in­ter­es­sant und vor allem er­hel­lend was his­to­risch-kul­tu­rel­le Zu­sam­men­hän­ge an­geht. Wenn sich ein deut­scher Groß­in­tel­lek­tu­el­ler wie der Ge­schichts­pro­fes­sor und Es­say­ist Karl Schlö­gel ver­schämt als „eu­ro­päi­schen Ro­man­ti­ker“ zu er­ken­nen gibt, dann könn­te man fast ein wenig sen­ti­men­tal wer­den. Sein Ge­sprächs­part­ner, der bul­ga­ri­sche Phi­lo­soph Ivan Kras­t­ev, kon­tert mit wit­zi­gem Un­der­state­ment und schwer zu ver­dau­en­den Wahr­hei­ten: „In Eu­ro­pa sind wir sehr stolz dar­auf, au­ßer­ge­wöhn­lich zu sein. Das ist nett, aber auch nur einen Schritt vom Mu­se­um ent­fernt.“ Das „tas­ten­de Vor­wärts­ge­hen und Wei­ter­bau­en“ am Haus Eu­ro­pa, das Karl Schlö­gel in guter Aka­de­mi­ker­ma­nier vor­schlägt, ist Kras­t­ev nicht genug: „Es reicht nicht, ein guter Ma­na­ger zu sein. Man muss auch be­reit sein, für sei­nen Staat zu ster­ben.“

Mul­ti­kul­ti ver­sus Wert­ex­port?

Kein Wun­der also, dass Eu­ro­pa so grau und zwei­felnd daher komme, fehle ihm doch das kämp­fe­ri­sche Blut frü­he­rer Jahr­hun­der­te. Das kann man von dem fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Ca­mil­le de To­le­do si­cher­lich nicht be­haup­ten. Wäh­rend seine Ge­sprächs­part­ne­rin Necla Kelek die eu­ro­päi­sche „Mei­nungs­frei­heit, Selbst­be­stim­mung und Selbst­stän­dig­keit“ preist, hat de To­le­do keine Lust auf eu­ro­päi­sche Selbst­zu­frie­den­heit: „In der Kon­struk­ti­on Eu­ro­pas geht es viel zu oft um die Ver­gan­gen­heit. Wie wäre es mit etwas Zu­kunft?“ Im Fol­gen­den flie­gen dann auch die Fet­zen, wenn Kelek dafür plä­diert, Mul­ti­kul­ti zu ver­wer­fen und die eu­ro­päi­sche Frei­heits­idee in an­de­re Län­der zu ex­por­tie­ren. De To­le­do spricht aber lie­ber von „Über­set­zung grund­le­gen­der Werte“ und hat kein Ver­ständ­nis für eu­ro­zen­tri­sche Wert­bom­bar­de­ments.

Wenn sich der Schrif­stel­ler H.​C.​Buch und der Pu­bli­zist Tho­mas Rietz­schel schließ­lich über Rous­seau, die Auf­klä­rung und den De­mo­kra­tie­ge­dan­ken er­ge­hen, dann ist die Eu­ropa­dis­kus­si­on end­gül­tig im in­tel­lek­tu­el­len El­fen­bein­turm an­ge­kom­men. Wäh­rend Rietz­schel die po­li­ti­sche Klas­se ver­teu­felt und die EU als „po­li­ti­sches Im­pe­ri­um vol­ler Ver­suchs­ka­nin­chen für eu­ro­päi­sche Po­li­ti­ker“ gei­ßelt, ver­wirft Buch jede Mög­lich­keit einer Rück­kehr zur Ba­sis­de­mo­kra­tie und er­in­nert die auf­merk­sa­me Zu­hö­rer­schaft daran, dass „un­se­re Pro­ble­me Pea­nuts sind im Ver­gleich mit denen an­de­rer Welt­re­gio­nen“. Post­de­mo­kra­ti­sche Ver­hält­nis­se und apo­li­ti­sche De­ka­denz al­lent­hal­ben? Wohin Eu­ro­pa steu­ert bzw. zu steu­ern ist, will auch nach lan­gen Stun­den der Durch­leuch­tung his­to­ri­scher, po­li­ti­scher und phi­lo­so­phi­scher Zu­sam­men­hän­ge nicht so recht klar wer­den.

"In der Ukrai­ne herrscht Krieg"

Als zu spä­te­rer Stun­de schließ­lich über den Aus­nah­me­zu­stand in der Ukrai­ne zu Rate ge­ses­sen wird, ist das Licht am Ende des eu­ro­päi­schen Tun­nels end­gül­tig er­lo­schen. Der ukrai­ni­sche Schrift­stel­ler und Über­set­zer Jurko Pro­chas­ko be­ginnt die Dis­kus­si­on mit einem Pau­ken­schlag, der an den gän­gi­gen Sprach­re­ge­lun­gen un­se­rer po­li­ti­schen De­bat­ten rüt­telt: „Wir müs­sen auf­hö­ren, von einer ‚Ukrai­ne­kri­se‘ zu spre­chen. Ma­chen wir uns nichts vor: In der Ukrai­ne herrscht Krieg.“ Wie das Land in der Zer­reiß­pro­be zwi­schen Ost und West ge­ret­tet wer­den könne? Jakob Augstein, Ver­le­ger und Ch­re­f­re­dak­teur des Frei­tag, hält der eu­ro­päi­schen De­bat­ten­kul­tur den Spie­gel vor: „Wir soll­ten auf­hö­ren zu den­ken, dass wir auf alles eine Ant­wort haben. In Fall der Ukrai­ne hat der Wes­ten ein­fach keine Ant­wort.“

Von der Ukrai­ne bis zu Ge­samt­eu­ro­pa ist es nur ein klei­ner Schritt. Zu­kunft ja, aber wel­che? His­to­risches, po­li­ti­sches, phi­lo­so­phi­sches und kul­tu­rel­les Hin­ter­grund­wis­sen ist bei der Be­ant­wor­tung die­ser Frage si­cher nütz­lich. Denn das „ge­dach­te Eu­ro­pa“ hat nicht um­sonst eine lange und ein­fluss­rei­che Tra­di­ti­on. Um es al­ler­dings zu einem zu­kunfts­fä­hi­gen Pro­jekt zu ma­chen, das alle Teile der Be­völ­ke­run­gen Eu­ro­pas ein­schließt und nicht nur im den­ke­ri­schen Raum hän­gen bleibt, darf das „ge­leb­te Eu­ro­pa“ auf kei­nen Fall ver­ges­sen wer­den - auch wenn es im Ver­gleich zu in­tel­lek­tu­el­len Dis­kus­sio­nen viel­leicht manch­mal etwas ein­fach da­her­kommt.   

CAFÉBABEL BER­LIN STREI­TET ÜBER EU­RO­PA

Cafébabel Ber­lin ist of­fi­zi­el­ler Me­di­en­part­ner von A Dis­pu­te over Eu­ro­pe. Ab dem 2. Mai 2014 könnt ihr hier In­ter­es­san­tes vom Kon­gress und In­ter­views mit den Pa­nel­teil­neh­mern lesen. Mehr Up­dates gibt es auf Face­book und Twit­ter