Digitale Revolution im EU-Wahlkampf?

Artikel veröffentlicht am 31. März 2014
Artikel veröffentlicht am 31. März 2014

Mit digitalen Medien kann die Demokratie wieder sexy gemacht werden, sagt der Politikberater und Blogger Martin Fuchs. Kommt die digitale Revolution bei den europäischen Wahlen? Welche Online-Strategien verfolgen die Kandidaten vor den Wahlen zum Europäischen Parlament? Wie kommt man auf die Schnelle noch ins Parlament?

Café Babel: Neh­men wir an, ich würde noch schnell ins Eu­ro­pa-Par­la­ment ein­zie­hen wol­len, was für eine So­ci­al Media Kam­pa­gne müss­te ich dafür ma­chen?

Mar­tin Fuchs: Acht Wo­chen vor der Wahl, wird keine Kam­pa­gne mehr funk­tio­nie­ren. Im Wahl­kampf funk­tio­nie­ren So­zia­le Me­di­en nur, wenn man sich Jahre davor kon­ti­nu­ier­lich eine Com­mu­ni­ty auf­ge­baut hat, auf die man dann zu­rück­grei­fen kann. Wenn du jetzt sagst: Ich werde Po­li­ti­ker und mache mir einen Twit­ter-Ac­count, dann kannst du es ver­ges­sen. Du brauchst nicht 10.000 Fol­lo­wer, son­dern nur die 500 bis 1000 rich­ti­gen Fol­lo­wer. Die Fol­lo­wer, die deine Ideen in Zei­tun­gen, in Blogs, in Off­line-Dis­kus­sio­nen wei­ter­tra­gen. Aber diese Fol­lo­wer wirst du nicht in­ner­halb von kur­zer Zeit bin­den kön­nen.

#Hap­py­vo­ting Wahl­auf­ruf zu den Eu­ro­pa-Wah­len

CB: Aber ich könn­te ja Likes kau­fen und eine Kam­pa­gne mit viel nack­ter Haut ma­chen, dann wäre mir die Auf­merk­sam­keit si­cher.

MF: Vom Likes kau­fen würde ich dir auf jeden Fall ab­ra­ten. Es gibt Ana­ly­se­por­ta­le, auf denen man sehr gut nach­voll­zie­hen kann, wenn je­mand Likes ge­kauft hat. Das bringt einer Par­tei nur einen Skan­dal ein. Man kann schon ver­su­chen, mit pro­vo­kan­ten The­men die ganze Stadt zu pla­ka­tie­ren. In we­ni­gen Wo­chen wirst du aber keine me­dia­le Auf­merk­sam­keit er­rei­chen.

CB: Wer So­ci­al Media als Po­li­ti­ker igno­riert, kann also trotz­dem ge­wählt wer­den?

MF: Es gibt Po­li­ti­ker, die sind seit zwan­zig Jah­ren fest auf der schwä­bi­schen Alb oder in der Pro­vence ver­an­kert; da gibt es kein Breit­band und kein W-Lan. Des­halb sind sie dort eher im Ke­gel- oder Ge­sangs­ver­ein. Die ken­nen ihre Wäh­ler­schaft per­sön­lich und die brau­chen kein So­ci­al Media, da sie ihre Mo­bi­li­sie­rungs­stra­te­gi­en über Jahre ver­fes­tigt haben.

CB: Sind on­line In­for­ma­ti­ons­ka­nä­le nicht ober­fläch­lich?

MF: Das Pro­blem ist, dass sich heute kei­ner mehr mit alten Män­nern in Hin­ter­zim­mern un­ter­hal­ten will. Mit Tweets und einer kon­ti­nu­ier­li­chen Face­book-Kom­mu­ni­ka­ti­on kann man junge Men­schen wie­der be­geis­tern. Es ist gut, dass po­li­ti­sche In­for­ma­tio­nen auf ihre Ti­me­li­nes ge­spült wer­den, auch wenn sie nicht auf De­mons­tra­tio­nen gehen.

CB: Kann ich auch als lang­wei­li­ger Kan­di­dat mit iro­ni­schen oder pro­vo­kan­ten Posts und Tweets mein Image auf­bes­sern?

MF: Also genau wie ich auf der Stra­ße oder auf dem Markt­platz rede, so muss ich auch in den neuen Me­di­en auf­tre­ten. Es bringt nichts sich an­zu­bie­dern. Wenn ich ein Ak­ten­fres­ser bin, dann bin ich das bitte auch bei Twit­ter und bei Face­book.

CB: Mar­tin Schulz hat die meis­ten Fol­lo­wer auf Twit­ter und Face­book. Heißt das, dass er der beste oder in­ter­es­san­tes­te Po­li­ti­ker ist?

CB: Das ist schon aus­sa­ge­kräf­tig. Aber nur die  reine Fol­lo­wer­zahl zu ver­glei­chen, ist wie ein Pe­nis­ver­gleich. Mar­tin Schulz ist pro­mi­nent, des­halb hat er viele Fol­lo­wer. Aber die Frage ist, ob er die Fol­lo­wer wirk­lich braucht. Er kann ja nur in Deutsch­land ge­wählt wer­den, da fällt die Hälf­te der Fol­lo­wer wahr­schein­lich schon mal weg.

CB: Wo ist die Zu­kunft von So­ci­al Media in der Po­li­tik?

MF: Das Fern­se­hen ist für Men­schen in Deutsch­land immer noch das In­for­ma­ti­ons­me­di­um Num­mer eins, aber immer mehr Leute be­nut­zen das In­ter­net, um sich In­for­ma­tio­nen zu holen. Aber die klas­si­schen Me­di­en er­rei­chen ein­fach nicht mehr so viele Leute. Vie­le haben einen stres­si­gen Job, haben wenig Zeit sich unter der Woche mit Po­li­tik aus­ein­an­der zu set­zen und sind viel un­ter­wegs. Heute kon­su­miert man eher häpp­chen­wei­se: es wird immer nur we­ni­ge Men­schen geben, die sich aktiv mit Po­li­tik aus­ein­an­der­set­zen. Ich finde es schon ganz gut, dass es Tools gibt wie Li­quid Feed­back gibt.

CB: Siehst du im Eu­ro­pa­wahl­kampf eine pan-eu­ro­päi­sche Kam­pa­gne, die gut läuft?

MF: Ge­gen­fra­ge: gibt es über­haupt eine Kam­pa­gne, die gut läuft? Letzt­end­lich habe ich das Ge­fühl, dass den Par­tei­en die eu­ro­päi­schen Wah­len ziem­lich egal sind. Ich war ziem­lich be­geis­tert, als die Grü­nen es mit den Green Pri­ma­ries ver­sucht haben. Im­mer­hin haben sich da 20.000 Leute damit aus­ein­an­der­ge­setzt, wer der grüne Spit­zen­kan­di­dat wer­den soll.

CB: Was könn­te bes­ser wer­den?

MF: Die pan-eu­ro­päi­sche Ge­dan­ke schei­tert daran, dass man über na­tio­na­le Lis­ten seine Kan­di­da­ten wählt. Die Idee Schulz gegen Juncker im TV-Du­ell ge­gen­ein­an­der an­tre­ten zu las­sen, ist nett, aber ich glau­be nicht, dass sich ein Grie­che oder ein Spa­ni­er dafür be­son­ders in­ter­es­siert. Man kann die bei­den Kan­di­da­ten au­ßer­halb von Deutsch­land und Lu­xem­burg nicht wäh­len, also wird es die meis­ten Men­schen nicht in­ter­es­sie­ren. Alles was bis­her an Kom­mu­ni­ka­ti­on aus Eu­ro­päi­scher Kom­mis­si­on und den Par­tei­en kommt, ist schon recht lang­wei­lig. 

Mar­tin Fuchs be­treibt den Ham­bur­ger Wahl­be­ob­ach­ter, wo er sich mit Wahl­kampf­stra­te­gi­en aus­ein­an­der­setzt und ei­ge­ne Ana­ly­sen lie­fert.