Digitale Demokratie: Was wir daraus machen!

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2012
Man kann die digitale Revolution weder verteufeln noch als einzigen Weg in die Zukunft lobpreisen. Vom interaktiven Journalismus bis hin zu den sozialen Netzwerken, die durch die „Bewegung der Empörten“ immer mehr Zuwachs finden – trotz aller Kritik ist die digitale Demokratie nun dabei aufzublühen.

Wie alle anderen Medien auch ist das Internet das, was wir daraus machen. Als das Radio, das Fernsehen und selbst das Telefon auf den Markt kamen, träumten viele von einer neuen Welt, in der Informationen und Bildung zu einer aufgeklärteren Gesellschaft führen würden. Erst die totalitäre Propaganda und später der Massenkonsum haben gezeigt, dass die Medien nichts anderes tun, als Inhalte zu übertragen. Wir Bürger sind selbst dafür verantwortlich, ihre Qualität zu erhalten. Die große Herausforderung der nächsten Jahre wird darin bestehen, den Menschen die Macht, den Wert und den Reiz der Information und der demokratischen Debatte zu vermitteln.

Weder Himmel noch Hölle

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Hat das Internet einen Einfluss auf die Demokratie? Selbstverständlich. Wir wollen uns hier nicht mit der Frage aufhalten, wie das Internet demokratische Vorgänge ändert, wohl aber mit der unleugbaren Tatsache, dass die Bürger das Netz nutzen, um sich mit der Demokratie auseinanderzusetzen (und natürlich auch mit vielen anderen Dingen). Das Internet ist die einzige Kommunikationsplattform, die sich immer weiter ausdehnt, die einzige, die in der Lage ist, die Vor- und Nachteile aller Medien, die ihr vorausgingen, in sich zu vereinen. Es verstärkt und beschleunigt alles, was wir zuvor gesehen haben, und ist gleichzeitig ein Ort, an dem experimentiert wird und neue Formen der Interaktion geschaffen werden. Das Netz ist weder Himmel noch Hölle, sondern einfach eine Technologie, die dabei ist, das Gesicht der Gesellschaft radikal zu verändern.

Eine andere Frage ist die, ob das Netz demokratisierend wirkt oder nicht. Auf den ersten Blick begrüßt die Demokratie eine pluralistische Kommunikation innerhalb der Gesellschaft. Durch sie können die Bürger alle Informationen finden, die sie benötigen, um Entscheidungen zu treffen und um sich eine Meinung zu bilden, mit der sie schlussendlich auch wählen gehen. Im Allgemeinen erhöht sich das Verantwortungsbewusstsein, da antidemokratisches Verhalten der Mächtigen sichtbarer und angreifbarer wird. Dennoch sind die Befürchtungen wegen der Gefahren eines zu mächtigen und außer Kontrolle geratenen Informationsflusses durchaus berechtigt.

Die Risiken

Daraus ergeben sich drei Risikofaktoren für die Gesellschaft. Der erste ist die Verbreitung von Nachrichten, die zu Gewalt aufrufen oder Falschinformationen liefern, um Hass zu schüren. Genau das war das Ziel, welches der rechtsradikale norwegische AttentäterAnders Breivik mit seinem Hassvideo erreichen wollte. Eine globale Tragweite haben solche Videos jedoch selten und Breivik selbst wäre ohne seine abscheuliche Bluttat niemals so bekannt geworden.

Der zweite Risikofaktor ist noch gefährlicher als der erste, da er diesen verstärkt. Dabei handelt sich um die Gruppenbildung im Netz, die es ermöglicht, dass mehrere Personen mit denselben Interessen oder Meinungen Online-Communities bilden und sich von der Außenwelt abschotten. Gilt das gemeinsame Interesse Star Trek, ist dies nicht weiter problematisch. Beunruhigend wird dieser Effekt jedoch, wenn es sich um rechtes Gedankengut handelt. Natürlich sind weder Star Trek-Treffen, noch Neonazi-Zellen eine Neuheit des Webs, doch wie bereits erwähnt, erhöht das Netz die Reichweite verschiedenster Nachrichten und ermöglicht zugleich den Zusammenschluss von Einzelpersonen, die andernfalls nicht miteinander in Kontakt gekommen wären. In diesem Zusammenhang wurde die Rolle des Internets bei der Vernetzung von Islamisten wie al-Qaida bereits wiederholt diskutiert.

Der dritte Risikofaktor ist die extreme Mobilisierungsfähigkeit des Internets, die sowohl positive als auch negative Aspekte mit sich bringt. Diese steht im Mittelpunkt der heutigen Diskussion über die Wechselwirkung zwischen Internet und Politik. Immer und immer wieder wurde betont, wie groß die Rolle des Webs beim Arabischen Frühling, bei Obamas Wahlkampf oder auch bei der Bewegung der Empörten war. Dass das Netz die politische Mobilisierung verstärken kann, ist eine unbestreitbare Tatsache. Doch das Beispiel der Unruhen von London zeigt, dass solche Aufstände eskalieren und völlig ohne politische Motivation ausbrechen können. Was auch immer die Gründe für die Krawalle gewesen sein mögen, die Proteste gegen polizeiliche Gewalt und der Tod eines Mannes während langer Ausschreitungen mit Brandstiftung und Massenplünderungen machen deutlich, dass etwas außer Kontrolle geraten ist: sowohl in der Gesellschaft als auch in den Entwicklungen, die zu solch einer Mobilisierung führten.

Die Krise der westlichen Welt, der Wunsch nach Veränderung sowie das Demokratiedefizit – entstanden durch die jahrzehntelange Vernachlässigung liberaler Prinzipien – treiben derzeit hunderttausende Bürger auf die Straße. Man muss den Kritikern Recht geben: es fehlt ein gemeinsames Konzept, ein glaubhafter Alternativvorschlag. Doch vielleicht ist dies erst der Anfang, der Funke der Veränderung, der Dank des Internets und der sozialen Netzwerke globale Ausmaße angenommen hat. Könnte der nächste Schritt nicht vielleicht die Diskussion, die politische Debatte, die gemeinschaftliche Gestaltung einer neuen Demokratie sein?

Die Möglichkeiten der digitalen Demokratie

Es gibt unendlich viele Beispiele dafür, wie das Netz für eine bewusste Mobilisierung genutzt werden kann (z.B. Avaaz), um interaktive politische Bewegungen zu schaffen (z.B. American Elect), Formen des Bürgerjournalismus (die Seite, die ihr gerade lest, Agoravox oder die wohl bekanntere Huffington Post) sowie demokratische Debatten (The Economist hat z.B. eine virtuelle Plattform für Diskussionen im Oxford-Stil geschaffen). Das sind die Möglichkeiten der digitalen Demokratie: lasst sie uns suchen, analysieren, verwenden und verbreiten und wir werden gemeinsam zu einer neuen und gesunden Demokratie beitragen.

Lorenzo Marini ist Doktorand der sozialen Kommunikation an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona.

Illustrationen: Homepage (cc) charamelody/flickr; Im Text (cc) Pantomas/flickr