Digital Detox: Wo lässt es sich diesen Sommer in Europa abschalten?

Artikel veröffentlicht am 24. August 2015
Artikel veröffentlicht am 24. August 2015

Der „digital detox“ Trend aus den USA antwortet auf das neue Übel unserer Zeit – die Abhängigkeit, stets „online zu sein“. Dieser neue Trend hat jetzt auch Europa erreicht, wo es in einigen Ländern schon jetzt Angebote und Urlaube gibt, um besser „abschalten“ zu können. Mitten in der Natur, voller Schwärmerei oder auch mit ein bisschen Selbstbetrug.

Schweden: Die Insel der „Nicht“-Versuchung

„I needed a break“. So beginnt der Bericht der New York Times Redakteurin Ingrid K. Williams (http://www.ingridwilliams.com/). Letzten Juli wollte die junge Frau ihre Existenzangst überwinden und entschied sich dafür, „offline“ zu gehen. Also fand Ingrid sich auf einer einsamen Insel namens Furillen wieder. Furillen ist eine schwedische Insel vor der Küste Gotlands im baltischen Meer. Die Insel ist für ihre Kalksteinbrüche und militärischen Übungsplätze bekannt. Mittlerweile hat man aber auf Furillen die Kasernen durch Einsiedlerhütten ersetzt. Mitten in der Natur gelegen können Leute wie Ingrid mit Hilfe von Fabriken Furillen vollkommen abschalten. Die Journalistin, die mit ihrem Freund auf der Insel ist, beschreibt „dass man am Anfang von zwei Mitarbeitern irgendwo ins Nichts gefahren wird“. Dann muss man ohne Wasser und Strom, doch mit immerhin etwas Essen, zurechtkommen. Dafür hat man das Glück „das Meer und die Geräusche der Natur hören zu können“. Es klingt ein wenig klischeehaft – aber diese Art von Klischee bekommt nicht viele „Likes“.

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Fabriken Furillen, Rute Furillen, Larbro. Fünf Nächte in der Einöde zum Preis von 600 Euro

Großbritannien:  Ab auf’s Land – das haben Sie sich verdient!

Martin Talks ist jemand, der gerne neue Wege geht. Nachdem er die Online-Strategie eines Londoner Unternehmens zum Laufen gebracht hat, lässt die ehemalige Netzgröße alles stehen und liegen, um sich in einem Haus ohne Strom irgendwo in Norfolk (im äußersten Westen Englands) niederzulassen. Dort schreibt er sein neues Buch A-Z of Digital Detoxing: A Practical Family Guide und macht sich Gedanken zu seiner neuen Idee, ganze Wochenenden zum Thema „Digital Detoxing“ zu organisieren. „Ich möchte die Leute aus ihren Komfortzonen herausholen“, erklärt er gegenüber dem Business Traveller. Jetzt trägt Martin einen großmaschigen Wollpulli, empfängt junge Menschen in einer Jurte und erklärt ihnen die Tugenden der digitalen Enthaltsamkeit. Auf dem Programm stehen: Yoga, Holzbildhauerei, Kochen in der Natur...kurz: die Freuden des Landlebens für 280 Euro pro Tag, laut Sky News. Martin Talks hat die unternehmerische Welt verlassen – aber ein paar Gewohnheiten pflegt er immer noch.

Das Interview mit Martin Talks auf Sky News im Februar 2015.

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Digital detoxing: irgendwo in Großbritannien. Ein Tagesaufenthalt "rehab" kostet 280 Euro.

Deutschland: die „Sucht“ im Off blockieren

In erster Linie ist OFFTIME eine App die von einem Berliner Startup ins Leben gerufen wurde. Insbesondere dient sie dazu, die nervigsten Nachrichten und Zeitfresser wie bestimmte Anrufe, SMS und sämtliche Apps von vornherein zu blockieren. Im Moment bietet das Unternehmen sogar einen Wettbewerb an, bei dem man von seiner besten Erfahrung beim „Digital Detox“ berichten kann. OFFTIME organisiert außerdem noch Workshops und sogenannten Retreats in Deutschland und in der Schweiz. Das Ziel des Ganzen? Sein eigenes Bewusstsein schärfen und Erfahrungen hinsichtlich der Entfremdung vom Smartphone machen. Erfahrene „Coachs“ begleiten die Teilnehmer und informieren über Themen, die von „nachhaltiger Kommunikation“ bis hin zu „Technik-Konsum“ reichen. Die Homepage empfiehlt dabei einen Umsetzungsplan von 7 Schritten, ohne dabei allerdings konkret zu werden. Man muss wohl selbst so einen Workshop besuchen, um an die Wirkung glauben zu können.

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Die OFFLINE - Wochenenden im September 2015. Für drei Tage Detox in der Nähe Berlin werden 159 Euro fällig. Drei Tage in der Nähe von Zürich kosten ab 265 Euro.

Italien: den Techno-Stress besiegen

In Italien geht man die Sache dagegen groß an und ist den anderen schon etwas voraus. Der ehemalige Journalist und Schriftsteller Enzo di Frenna und seine Organisation Netdipendenza Onlus beschäftigen sich schon seit 2002 mit der „Online-Abhängigkeit“. Nachdem Di Frenna die Italiener bereits auf die Gefahren häufigen Konsums von Videos, sozialen Netzwerken oder Emails hingewiesen hat, nutzt er jetzt auch diese Nische. Heute bietet er „Offline“-Sportevents an, bei denen die Teilnehmer sich sowohl um den Geist als auch um den Körper kümmern können. Seit kurzem hat Netdipendenza Onlus sogar eine eigene Schule gegründet, die sich PND (für Prevenzione Net Dipendenza) nennt und deren Inhalte darauf abzielen, dem entgegenzutreten, was Enzo Di Frenna als „Techno-Stress“ bezeichnet.

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Netdipendenza Onlus: Der Großteil der Angebote richtet sich an Unternehmen ohne Angabe der Preise.

Wenn Luxushotels die Kabel durchtrennen

„Digital Detox“ ist natürlich auch ein Problem der Reichen. Um offline zu gehen, muss man vorher erstmal online gewesen sein. Auch die Luxushotels kümmern sich um die Plagen der wohlsituierten Gäste. Wie beispielsweise ein Fünf Sterne-Etablissment in Hampshire, das „Detox-Tage“ anbietet. Nachdem ihr eure Geräte an der Rezeption abgeben habt, könnt ihr euch in einem Spa entspannen, einen „Detox-Smoothie“ genießen, euch mit lauwarmen Kristallen massieren lassen und die Batterien mit einer Yoga-Stunde wieder aufladen. Was unterscheidet dies von einem klassischen Aufenthalt? Nichts. Abgesehen von dem Versprechen der „Unplugged“-Philosophie der Buchautorin Orianna Fielding zu folgen. Die Autorin dürfte sich über ihre Lizengebühren freuen.

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Four Seasons Hotel Hampshire: Chalky Lane, Dogmersfield, Hampshire RG27 8TD, UK. Ein Tagesaufenthalt „Detox“ für 300 Euro.

In Frankreich liegt das erste Hotel, welches sich der digitalen Enthaltsamkeit verschrieben hat, in der Auvergne.

Doch auch weitere Etablissements wittern das Geschäft. Unter ihnen befindet sich das Westin Paris-Vendôme, das seine Leistungen an die bösen Verlockungen der Zeit angepasst hat. Dort könnt ihr eure schmerzenden Daumen massieren lassen und die Grünflachen der Stadt neu entdecken und zwar - aufgepasst - mit einem Stadtplan.

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Westin Paris-Vendôme 3 rue de Castiglione, 75001 Paris. Das “package digital detox” ist für 455 Euro pro Person zu haben.