Diego Cañamero: 'Unsere Nahrungssouveränität liegt in unseren Händen!'

Artikel veröffentlicht am 20. November 2007
Artikel veröffentlicht am 20. November 2007

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Der 51-jährige Cañamero ist das Sprachrohr einer ländlichen Gewerkschaftsbewegung in Spanien, die sich für Arbeiter aus dem städtischen Milieu einsetzt.

Sevilla: Im achten Stock des etwas unheimlich anmutenden Gebäudes, inmitten labyrinthischer Gänge, befindet sich der Sitz der Andalusischen Arbeiter-Gewerkschaft (SAT - Sindicato Andaluz de Trabajadores). Die SAT wurde am 23. September 2007 durch die Vereinigung verschiedener Mikrogewerkschaften und der ländlichen Arbeitergewerkschaft (SOC – Sindicato de Obreros del Campo) ins Leben gerufen.

Emanuelle Palliot erwartet uns. Sie ist eine junge Französin, die an einer Studie zu Saisonkräften aus Osteuropa arbeitet, die in Andalusien auf den Erdbeerplantagen tätig sind. "Zehntausende Saisonarbeiter kommen aus dem Osten, um auf den Feldern Andalusiens zu arbeiten. Aber nur wenige von ihnen melden sich auch bei der Gewerkschaft an. Ein Großteil von ihnen hält sich ohne Genehmigung in Spanien auf. Sie wollen Probleme vermeiden - hier verdienen sie das Dreifache von dem, was sie in ihren Ländern bekommen würden. Daher haben sie nicht das Gefühl, sich für mehr einsetzen zu müssen."

Diego Cañamero, Gründer der SOC und Sprecher der SAT, hat bereits mit 16 Jahren als Gewerkschaftler begonnen. Das war 1974, als die ländlichen Regionen bettelarm waren und Arbeiterversammlungen oft mit dem Eingreifen der Polizei endeten. Arbeitern drohten in Einzelfällen sogar Gefängnisstrafen.

Hat die Gewerkschaftsbewegung einen positiven Enfluss auf ländliche Gegenden genommen?

Ja, vor allem nach den ersten Besetzungen von öffentlichen und privaten Grundstücken. Im Jahr 1978 konnten wir bewirken, dass 20.000 Hektar Land an die Bauern verteilt wurden. Später, in den Neunzigern, wurde ich Bürgermeister meines Dorfes. Das habe ich auch der Gewerkschaft zu verdanken.

Glauben Sie, dass Gewerkschaften in Europa an Brisanz verlieren?

Die Gewerkschaften und Parteien haben sich dem kapitalistischen Konsens angepasst. Ihre grundsätzlich noblen Ideen sind mittlerweile verwahrlost. Einige Gewerkschaften operieren als eine Art Mafia, andere wiederum sind derart vom Geld des Staates abhängig, dass sie die Anliegen ihrer Arbeiter nicht bis zur letzten Instanz durchschlagen können. Es gibt einfach zu viele Arbeitgeber, die nur ihren persönlichen Interessen nachgehen. Die Leute haben die Hoffnung aufgegeben.

Warum die SAT gründen, wenn es bereits die SOC gibt?

Weil die Menschen vom Land nicht mehr nur in der Landwirtschaf tätig sind und das Image der SOC zu stark auf den Saisonarbeiter ausgerichtet war. Viele Arbeiter sind aber in andere Sektoren wie das Baugewerbe, die erneuerbaren Energien oder ländlichen Tourismus abgewandert. Mit dem Ausbau dieser Sektoren ist in Andalusien die Rate der Arbeitsunfälle auf 90.000 Fälle jährlich angestiegen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 12 Prozent im Vergleich zu 8 Prozent europaweit. Die Löhne sind rund 10 Prozent geringer als der Durchschnittslohn in Spanien, und 44 Prozent der Ländereien befinden sich noch immer in den Händen von lediglich 4 Prozent der Bevölkerung. Außerdem könnte der Anstieg des Biodieselpreises dazu führen, dass die Reichen noch reicher werden.

Um dagegen anzukämpfen, haben wir eine Gewerkschaft gegründet, die unabhängig vom Staat ist und sich auf die Mitarbeit der Arbeiter stützt. Wir wollen eine Gewerkschaft ohne Bürokratie und setzen auf direkte Aktion [die darin besteht, am Arbeitsplatz direkt für die Rechte der Arbeiter einzutreten, auch ohne im Betriebsrat vertreten zu sein, Anm.Red].

Glauben Sie, dass die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) den spanischen Landwirten unter die Arme greift?

In Anbetracht der Verkaufspreise würde es sich ohne die Subventionen nicht einmal lohnen auszusäen. Aber das eigentliche Ziel nach dem Zweiten Weltkrieg – die Landwirtschaft wieder anzukurbeln – hat sich nun in einen gewissen Protektionismus verwandelt. Importprodukte können durch diese Art des Protektionismus nicht mehr mit den geförderten Produkten konkurrieren. Außerdem wird das Geld der Europäer dazu verwendet, einige wenige reiche Familien wie die Herzogsfamilie von Alba, die Mora Figueroa oder die des Ex- Bankers und Ex-Sträflings Mario Conde noch reicher werden zu lassen. Diese gehen dann nach Madrid und leben wie "Paschas" auf 500 Kilometer subventioniertem Land.

Deshalb sollte man damit aufhören, Subventionen nach Anbaufläche zu bewilligen. Man sollte aber mehrere Faktoren berücksichtigen: die Fläche (aber mit weniger Fördergeldern für die Großproduzenten), die Anzahl der Angestellten, der Respekt der Umwelt und ländlichen Umgebung, die Niederlassung von verarbeitenden Industrien, usw.

Sind Sie für eine Gemeinschaftspräferenz, wie sie der französische Präsident Nicolas Sarkozy verteidigt?

Wir verteidigen die Nahrungssouveränität. Wir können den Argentiniern keinen Weizen und kein Fleisch verkaufen, da sie selbst genügend Fleisch produzieren. Dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt: warum sollten sie uns Produkte anbieten, die es auch bei uns gibt?

Welche Stellung bezieht die SAT zur Produktion und Kommerzialisierung genmanipulierter Nahrungsmittel?

Wir sind dagegen. Die Landwirtschaft ist eine über Jahrhunderte weitervererbte Tradition, die nicht in die Hände weltweit agierender Konzerne fallen sollte. Überhaupt sollte über die menschliche Ernährung nicht nur von Einzelnen bestimmt werden. Die Saat ist lebensnotwendig, wie Wasser oder Luft. Sie ist ein Geschenk der Natur für den Menschen

Welche konkreten Maßnahmen sollte die EU für die Entwicklung der Landwirtschaft umsetzen?

Wir benötigen bessere Infrastrukturen, bessere Landstraßen, Pläne zur Beforstung, um Bodenerosionen zu verhindern, die Modernisierung von Bewässerungsanlagen, um Wasser einsparen zu können, etc…