Die Zukunft sieht alt aus

Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2006

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Europa zählt seine „Alten“ schon längst nicht mehr. Doch inzwischen hat das Problem der Überalterung auch China erreicht.

Wir schreiben den 1. Januar 2050, die neueste Ausgabe der europäische Tageszeitung Club 38 widmet ihre Titelseite dem bevorstehenden Aussterben der menschlichen Rasse, der letzten noch überlebenden Tierart. Durch Artikel mit provokativen Titeln wie „Ankündigung des Todes einer Zivilisation mit 9 865 124 456 Menschen“, „Ende der kurzen Wanderschaft eines durch die Natur verwöhnten Kindes“ oder „Arche Noah ähnelt immer mehr der Titanic“ hat die paneuropäische Zeitung das Todesurteil der Menschheit besiegelt…

Ganz gleich, ob man nun Alarm schlägt oder relativiert, die demographische Alterung sorgt heute mehr denn je für Debatten, und zwar weniger aufgrund der absoluten Zahlen als wegen ihrer Hintergründe und Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.

Alter Kontinent oder Kontinent der Alten?

Sollten sich die aktuellen Tendenzen fortsetzen, wird die Bevölkerung 2050 älter und weniger zahlreich sein als heute. Die Gründe dafür sind vielfältig: niedrige Geburtenraten in den meisten Mitgliedsstaaten, Erhöhung der Lebenserwartung, Baby-Boom und Migrationsströme. Zwischen heute und der Mitte des 21. Jahrhunderts dürfte sich die Zahl der 15 bis 64-jährigen um 48 Millionen verringern, während es 58 Millionen mehr Menschen geben wird, die 65 Jahre und älter sein werden. In Europa wird es dann 18 Millionen weniger Kinder geben als heute. Bis 2030 werden auf dem europäischen Arbeitsmarkt fast 21 Millionen weniger potentielle Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, das sind fast sieben Prozent der Bevölkerung. Eine gute Nachricht: die Lebenserwartung wird weiter steigen, und zwar von heute fast 77 Jahren auf 81 Jahre bei Männern und 86 Jahre bei Frauen.

Michel Loriaux, Professor für Demographie an der Université catholique du Louvain (UCL) beunruhigt weniger das Älterwerden der Bevölkerung als unsere Fähigkeit, unsere Institutionen und unsere Organisation an diesen Wandel anzupassen. Loriaux kritisiert die EU, weil sie ihre „alte und nie bewiesene Thesen, nach denen ein Zusammenhang zwischen demographischem und wirtschaftlichem Wachstum besteht“ bis zur Ermüdung wiederkäue.

Der Schlüssel zu einer „glücklichen“ Alterung der Gesellschaft? Die Bewahrung der Solidarität zwischen den Generationen.

Beispiel China?

In Bezug auf seine demographische Entwicklung scheint China Opfer seiner eigenen Geschichte zu sein. Von der Revolution 1959 bis zum Tod Maos 1976 konnte das Land aufgrund seiner Geburtenpolitik außergewöhnliche Geburtenraten aufweisen. Seit Beginn der 80er Jahre setzte sich jedoch die Ein-Kind-Politik durch, die Geburtenraten sanken innerhalb weniger Jahre von fünf auf eineinhalb Prozent. Ein Blick in die Zukunft verrät, dass China bald dasselbe Schicksal ereilen wird wie Europa. Die Zahl der 100 Millionen älteren Menschen wird laut Weltbank bis zum Jahr 2050 auf 300 Millionen ansteigen. Angesichts dieser Voraussagen hat die chinesische Führung 1997 damit begonnen, die noch aus Zeiten der Planwirtschaft stammenden Ruhestandsregelungen zu reformieren.

Auch zehn Jahre später bleibt diese Reform aufgrund der mangelnden Kapitalaustattung fragwürdig. Gefangen zwischen der Notwendigkeit, einer alternden Bevölkerung eine anständige Rente auszuzahlen und gleichzeitig international konkurrenzfähig bleiben zu müssen, riskiert China, ins Abseits gedrängt zu werden.

Ein Problem von weltweitem Ausmaß

Die demographische Herausforderung kennt keine Grenzen. Obwohl die Bevölkerung in den meisten Entwicklungsländern sehr jung ist, sehen Schätzungen eine beispiellose Alterungswelle voraus. Einige von ihnen gehen davon aus, dass sich die Zahl älterer Menschen in den am wenigsten entwickelten Ländern bis 2050 von 374 Millionen im Jahr 2000 auf eineinhalb Milliarden vervierfachen wird. In den Industrieländern wird jeder Dritte „alt“ sein, heute ist das nur jeder Fünfte. Das Durchschnittsalter wird von 37 auf 46 Jahre steigen.

Dennoch weisen die verschiedenen Regionen der Erde unterschiedliche Ausprägungen des Phänomens auf. In Asien und Lateinamerika vollzieht sich die gesellschaftliche Alterung am schnellsten, hier wird es 2050 zwischen 20 und 25 Prozent alte Leute geben, während das sub-saharische Afrika, das noch immer mit der AIDS-Epidemie sowie mit tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu kämpfen hat, lediglich halb so viele aufweisen dürfte.