Die versteckten Gärten Bratislavas

Artikel veröffentlicht am 7. August 2014
Artikel veröffentlicht am 7. August 2014

Urbane Räume brauchen Gärten, aber das Konzept geteilter Flächen, muss den post-kommunistischen Ländern erst noch ankommen. Sandra und Michal wollen ein verlorenes Paradies für die Bewohner von Bratislava beleben. Sie wollen beweisen, dass die Bewohner der Stadt nicht alle eintönige Menschen sind, die vor ihren Mattscheiben resignieren. 

17 Millionen kleine Universen zwischen der Polizeistation und dem Friedhof

Nach einem heißen Tag atmen Bratislava und ich erstmal gemeinsam tief ein. Ich komme an der Sasinkova Straße Nummer 21 an, wo ich Sandra und Michal treffe. Sie sind die Gründer von Vnútro­blo­ka (Innenhof, AdR.). Eine Initiative, die den ungenutzten Raum der slowakischen Hauptstadt endlich nutzen möchte. „Die Idee für Vnutroblok ist aus einer starken Überzeugung heraus entstanden. Aber nicht aus romantischen Ideen oder Altruismus, eher aus einer kritischen Analyse unser näheren Umgebung“, erklären mir meine Gastgeber. Das organisierte Chaos an Petersilie, Tomaten, Salat und der Mikrokosmos der Insekten an den Pflanzenstängeln, scheinen dem zuzustimmen. Wir befinden uns einem mobilen Garten, eine der Initiativen des Projekts. Zu meiner Rechten kann ich den Stein des Friedhofs nebenan riechen. Auf der Linken ist der Himmel von der Fassade der Polizeistation, die an einen kommunistischen Block erinnert, geteilt. Sandra und Michal sind beide 25 Jahre alt und sind seit vier Jahren verheiratet. Im Garten haben sie 50 Kisten voller Pflanzen. Jeder kann eine Kiste umsonst bekommen, für zwei zahlt man 25 Euro, für drei 50. Für die Anzahl der Interessenten bräuchten die Beiden doppelt so viel Platz, wie ihnen zur Verfügung steht.

Rückkehr nach Bratislava

Kurz nach ihrer Heirat hatten Sandra und Michal, ein Stadtplaner und Graphikdesigner, beschlossen nach Amsterdam zu ziehen. Nach ihrer Rückkehr, regte sich auf der anderen Seite des Zauns, der den Hof von den Nachbarn trennt, etwas. Aus anfänglicher Neugier der Nachbarn, entstand eine enge Freundschaft zwischen Natasha, einer niederländischen Künstlern und den beiden. Sie startete daraufhin ein ähnliches Projekt in einer anderen Stadt. 

„Wir haben bemerkt, dass ein dummer Garten unsere Perspektive auf die gesamte Stadt verändern kann“, erinnert sich Sandra. Nach ihrer Rückkehr nach Bratislava, musste der Michal ein ernsthaftes  Projekt angehen: er musste seine Masterarbeit schreiben. „Die Uni hat Themen vorgegeben und eines hat mich wirklich angesprochen“, erinnert sie sich. „Und dann hatte ich die Idee das Potential verlassener urbaner Räume“, sagt sie. Am Anfang war es nicht einfach, den strengen Professor von so einem originellen Thema für meine Arbeit zu überzeugen." Schließlich wurde Vnútroblok aber doch sein Abschlussprojekt. Heute arbeiten Sandra und Michal Vollzeit an ihrem Projekt und verbringen hier sogar ihre Abende und Wochenenden. Obwohl das Projekt ihr manchmal über den Kopf wächst, sagt Sandra, dass das vergangene Jahr das beste ihres Lebens war. 

Obwohl die Stalin-Ära lange hinter der Slowakei liegt, hat Sandra bemerkt, dass: „In den post-kommunistischen Städten ist das Teilen von Lebensraum immer noch sehr komisch für viele Menschen. Hier ist Niemandsland und nach 40 Jahren Kommunismus, haben die Menschen kein Gefühl für Gemeinschaftsbesitz und sie wollen nichts teilen, wenn sie nicht dazu gezwungen werden.“ Aber anders als die Jahreszeiten auf dem Nordpol, ändern sich manche Gewohnheiten. Sandra und Michal wollen zur Veränderung beitragen. Urbane Gärten passen perfekt in das Bild des „kleinen Bratislava“. „In der Slowakei gleichen Städte eher Dörfern, als großen Metropolen“, sagen  sie. Mit Nachbarn Zeit im Garten zu verbringen, ist keine Weltneuheit, aber eine Idee, die in der Slowakei vor einigen Jahrzehnten sehr verbreitet war. Seit dem 2. Weltkrieg ist die slowakische Gesellschaft ein bisschen autistisch geworden.

Der Sasinkowa Garten ist eine versteckte Lagune in Bratislava. In Wirklichkeit ist er inzwischen allerdings sogar viel öfter besucht, als die öffentlichen Parks. Obwohl an der Tür ein Schloss angebracht ist, kennt jeder hier den Zugangscode (der ist auf der Webseite des Projekts zu finden). Sandra und Michal erklären, dass sie keinen Platz von der Stadt wegnehmen, sondern die leeren Fläche bewirtschaften, die im Untergang begriffen sind. Im Bezirk Old Town gibt es 140 Flächen, in die 70 Fußballfelder passen würden. Die jungen Aktivisten erklären, dass die Verhandlungen mit der Stadtverwaltung wahrscheinlich Jahre dauern würde, also benutzen sie die Flächen, die Privatpersonen zur Verfügung stellen und präsentieren sie der Verwaltung als Modell. Der Besitzer des Areals, auf dem sich Sasinkowa befindet, hat es bereits vor 15 Jahren zum Kauf angeboten. Sandra und Michal haben einen Monat um das Gelände zu verlassen, sobald sich ein Käufer findet. So ist es mit dem Eigentümer vereinbart. Das ist auch der Grund dafür, dass hier alles auf hölzernen Palletten steht, alles mobil eben! „Wir wollen uns nicht zu sehr an einen einzigen Ort gewöhnen“, sagt Michal. „In einem solchen Fall würde sich das Projekt nicht entwickeln und die Leute würden Vnútroblok lediglich mit diesem einen Garten assoziieren.“

Die Gesellschaft ist mein Freund

Der ruhige slowakische Himmel verdunkelt sich mit der Zeit. 100 Meter weiter wird der Himmel von Oberleitungen für Busse durchschnitten. Fledermäuse umschwirren die Häuserblocks, in denen sich die Bewohner nun ihren Fernsehgeräten zuwenden. Sie transformieren jetzt in statische Gemälde von Edward Hopper. Sandra und Michal glauben, dass es keine Gründe mehr für sie gibt, aus der Realität auszubrechen. Ihrer Meinung nach ist die Stadt nicht voller passiver Bewohner, sondern voller Aktiver, die die Stadt gestalten möchten, wenn sie eine gute Idee in der Hand halten. Trotzdem muss es vielen Menschen hier noch gezeigt werden, wie man seine Umgebung gestaltet. Viele anfänglich skeptische Nachbarn, wurden zu aktiven Teilnehmern des Projekts. 

No risk, no fun!

Das junge Paar kann gar nicht darauf warten, dass der nächste Schritt gemacht wird. „In einem Jahr wollen wir eine Sommeruniversität organisieren, um Leute darin zu schulen, freie Flächen zu nutzen, vorübergehende Nachbarschaftsprojekte zu managen und ein paar Flächen zu bearbeiten“, erzählt uns Michal mit leuchtenden Augen. Was die beiden allerdings am meisten befriedigt, ist die Idee andere Leute dazu zu inspiriert, dasselbe zu machen. In ein paar Monaten werden zwei mobile Gärten von Nachahmern geöffnet.

Bevor ich gehe, frage ich warum es Vnútroblok  eigentlich nicht schon vorher gab. „Die Menschen haben Angst Initiative zu ergreifen und dabei vielleicht zu scheitern. Die Gesellschaft bestraft diejenigen, die scheitern“, erzählt Sandra, die gerade den Dill bewässert. Ist es vielleicht auch ein bisschen Faulheit? „Du machst wohl Witze“, sagt sie, während sie mich ungläubig anschaut. „Schau dir einmal den Aufwand an, den Menschen betreiben, die in Shopping Malls gehen. Dort rennen sie stundenlang herum. Trotzdem gibt es in Shopping Malls keine Verlierer, denn der ganze Sinn besteht nur darin zu konsumieren.“

Ein Film illustriert das Konzept der mobilen Gärten  

DIESER ARTIKEL IST TEIL EINER BRATISLAVA GEWIDMETEN SPEZIALREIHE. „EU-TOPIA: TIME TO VOTE" IST EIN PROJEKT, DAS VON CAFÉBABEL IN PARTNERSCHAFT MIT DER HIPPOCRÈNE-STIFTUNG, DER EUROPÄISCHEN KOMMISSION, DEM FRANZÖSISCHEN AUSSENMINISTERIUM UND DER EVENS-STIFTUNG DURCHGEFÜHRT WURDE.