Die USA erwärmen sich für einen weltweiten Konsens über den Klimawandel

Artikel veröffentlicht am 19. Januar 2009
Artikel veröffentlicht am 19. Januar 2009
Während Barack Obama am 20. Januar feierlich als Präsident vereidigt wurde, bereiteten Umweltwissenschaftler ihre Leitlinien für einen grüneren Ansatz in der Energieproduktion und -nutzung vor. Ist Amerika bereit, dieselben Veränderungen vorzunehmen? Ansichten vom Bauernmarkt am Union Square und von Klimaforscher Dr. Stephen H. Schneider.

Es gibt im Staat von New York Bauern, die zum Markt am Union Square in Manhattan fahren, um ihre organischen Produkte zu verkaufen, und die nur $1 [75 Cent] pro Gallone Benzin ausgeben. Ihre Tanks sind voller Pflanzenöl, das sie umsonst als Abfall von Restaurant-Friteusen bekommen und das dann in Biodiesel umgewandelt wird. Während des ganzen Prozesses ist die Abhängigkeit von ausländischem Öl gleich Null. Auch wenn sie nicht gerade den traditionellen amerikanischen Traum leben, so leben sie sicherlich seine umweltfreundliche Variante.

©GP

Amerika wird grüner

Als Antwort sowohl auf Amerikas Abhängigkeit von ausländischem Öl als auch zur Erderwärmung plant Präsident Barack Obama, durch eine gesteigerte Produktion alternativer Energien die Energieeffizienz des Landes zu steigern und die Abhängigkeit von importiertem Öl zu verringern. Diese Maßnahmen beinhalten eine gesteigerte Produktion grüner Energien, Verbesserungen im Transportsystem für Energien und eine Verringerung von CO2-Emissionen. Ziel ist es, die Überhitzung des Planeten und die nationale Sicherheit gleichzeitig anzugehen. Sobald Steven Chu, Physik-Nobelpreisträger und neuer Energieminister, präzise Leitlinien entwickelt, steht die neue Administration vor der Frage, wie sie politischen und öffentlichen Konsens herstellen kann.

© privat Dr. SchneiderDie Menge der in Amerika produzierten alternativen Energien innerhalb von drei Jahren zu verdoppeln ist nicht so schwierig, wie es sich vielleicht anhört - alternative Quellen machen zurzeit nur 7% der landesweit verbrauchten Energie aus. Eine größere Herausforderung wird die angestrebte Reduktion der CO2-Ausstöße um ungefähr 30% innerhalb der nächsten zwanzig bis dreißig Jahre sein, sagt Dr. Stephen H. Schneider. Der Klimatologe ist Professor für Biologie und Umweltstudien an der Stanford University und koordinierender Chefgutachter des Weltklimarats, der 2007 den Friedensnobelpreis mit Al Gore teilte.

Obamas schlauer Plan

Um grüne Energie zu produzieren, müssen die USA nicht nur mehr Wind- und Solarparks bauen. Existierende Kraftwerke werden durch umweltfreundlichere Technologien ersetzt werden müssen. Die produzierte Energie muss im ganzen Land verteilt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, stellt sich Obama ein „smart grid“ [zu deutsch etwa „schlaues Netz“, A.d.Red.] vor. Das flexible System wird Windenergie in Kalifornien und Solarenergie in Arizona produzieren können. Durch integrierte Drähte und Gitternetze wird es in Regionen transportiert, in denen umweltfreundliche Energie nicht hergestellt werden kann. Ein Back-up-System wird dafür sorgen, dass Energieknappheiten im Falle von Stromausfällen oder Betriebsstörungen jeglicher Art vermieden werden. Die endgültigen Zielorte der Energie - so wie staatliche Gebäude und Privathäuser - sind ebenfalls Teil von Obamas Plan. Über die nächsten paar Jahre sollen eine Million Gebäude jährlich energieeffizienter gemacht werden.

©666666666/flickr„Das tragende Prinzip ist dabei ein Augenmerk auf die Gesamtheit des Systems. Dies bedeutet, dass bei der Planung des „smart grids“ eine gesamtstaatliche Sicht darauf angewandt wird, wo und wie Energie produziert, transportiert und benutzt wird“, sagt Schneider. Dem von Obama vorgeschlagenen Emissionsrechtehandel würde dasselbe Prinzip zugrunde liegen. Der CO2- Ausstoß würde von der Produktion der Energie über ihren Transport bis hin zum Gebrauch am Firmenstandort gemessen werden. Sobald Firmen eine gewisse Quote zugeteilt bekämen, könnten sie ihre Zertifikate an der Börse kaufen und verkaufen. Diese Politik wird nicht nur die Abhängigkeit von ausländischem Öl reduzieren - welches in absehbarer Zeit sowieso nicht billiger werden soll - sondern auch grüne Arbeitsplätze kreieren und so die Wirtschaft unterstützen. „Obama ist vernünftig, indem er drei Schlüsselfragen miteinander verbindet: die Wirtschaft, nationale Sicherheit und die Umwelt“, so Schneider.

Die Wirtschaftskrise könnte die Veränderungen, die Amerika im Rahmen seiner Energieproduktion machen muss, vereinfachen, da Menschen bereit sind, neue Fähigkeiten zu entwickeln, um einen Job zu bekommen. Gleichzeitig steht der von der Finanzkrise produzierte Kapitalmangel aber Investitionen in jenen Bereichen, die noch nicht als hochprofitabel gesehen werden, im Weg. Amerika brauche ernsthafte Investitionen sowie ernsthaftes politisches Engagement, sagt ein optimistischer, aber auch realistischer Schneider. „Wir brauchen einen vernünftigen Satz von Regeln zwischen allen politischen Parteien und dann auf internationaler Ebene.“ Die Aufgabe des Kongress‘ sei es, eine Koalition ohne Widerstand von Partikularinteressen herzustellen und umweltfreundliche Gesetze zu verabschieden. Die USA hätten jetzt die Chance ein System zum Emissionsrechtehandel zu entwickeln, welches die Fehler der europäischen Experimente vermeidet, die Vorreiter auf dem Gebiet des Umweltschutzes waren, sagt Schneider.

Der Unterschied zu Europa

©GPAber Amerika stehe größeren politischen Herausforderungen als Europa gegenüber, da die allgemeine Öffentlichkeit der Umweltpolitik gleichgültig, nervös oder misstrauisch gegenüber stehe, so Schneider weiter. In Europa sprechen sich 85% der Bevölkerung für diese Politiken aus, während sich das Niveau in den USA bei ungefähr 60% hält. Dies macht es für gewählte Regierungsvertreter schwierig, Reformen im Umweltbereich zu unterstützen. Nichtsdestotrotz: Nach aktiveren Hurrikansaisons und einem großen politischen Wandel zeigen sich Amerikaner besorgter und für solche Themen, möglicherweise auch empfänglicher als 1993, als der Umweltplan von Clinton und Gore wegen mangelnder politischer Unterstützung scheiterte.

Am wichtigsten ist jedoch die Tatsache, dass junge Leute sich deutlich stärker an Umweltfragen beteiligen. „Es ist sehr befriedigend, wenn man den Enthusiasmus junger Menschen sieht“, sagt Schneider. Vor zehn Jahren lehrte er in seiner Klasse über die Steuerung des Klimawandels vor einem Publikum von zwanzig Studenten. Heute hat er 150 Zuhörer. „Sowohl Europa als auch junge Leute spielen eine unglaublich wichtige Rolle bei der dringlichen Aufgabe, katastrophalen Klimawandel zu vermeiden“, sagt Robert Engelman, Programmgeneraldirektor am Worldwatch Institute und Projektkoordinator für das kürzlich veröffentliche Buch State of the World 2009. Das Buch verdeutlicht einen weltweiten politischen Willen für eine Verschiebung hin zu erneuerbaren Energien sowie breite öffentliche Unterstützung für wichtige klimarettende Maßnahmen. Sobald sich die Politiker auf diese Maßnahmen geeinigt haben, müssen die Menschen sie verstehen und sich anschließend für neue Lebensweisen entscheiden.

Junge Kunden über Umweltpolitik

„Ich bin mir eigentlich nicht wirklich darüber im Klaren, was [Obamas] Politiken sind”, gibt Jacob Lehman, ein 28-jähriger Herausgeber, zu. Die meisten jungen Menschen, die am Union Square Markt einkaufen, sagen, dass der neue Plan für umweltfreundlichere Energien nicht einfach zu verstehen sei. Ihre Aufmerksamkeit grünen Themen gegenüber liegt eher an persönlichen Interessen als an der Tatsache, dass Obamas Regierung sich von allen Regierungen der amerikanischen Geschichte am stärksten für eine auf erneuerbare Energie basierte Wirtschaft einsetzt. Andere glauben, dass Obamas charismatische Persönlichkeit mehr Aufmerksamkeit auf Klimafragen lenken wird, so wie ihm dieses Charisma hohe politische Unterstützung, vor allem unter jungen Wählern, eingebracht hat. Nach einer Gallup-Umfrage liegt das Vertrauen der Amerikaner in Obama immer noch bei 65%.

Nach Ansicht vieler Menschen wird Obama als starker Führer agieren, indem er die Bemühungen nach Veränderung leiten können wird. Aber bei seinen umweltpolitischen Ideen geht es nicht darum, Charisma zu zeigen, sondern auf politischen Konsens und gesunden Menschenverstand zu bauen - gesunder Menschenverstand, von dem viele meinen, dass er in Amerika und in anderen Regionen der Welt schon viel zu lange gefehlt habe. „Letzte Woche waren es in New York 65 Grad [ca. 18° Celsius]“, sagt Allison Lardner, 29, eine regelmäßige Besucherin des Markts am Union Square. „Wenn Sie immer noch nicht an die Erderwärmung glauben, sollten Sie langsam mal aufwachen.“