Die (un)menschlichen Fehler hinter der Zugkatastrophe in Apulien 

Artikel veröffentlicht am 14. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 14. Juli 2016

Die Zugkatastrophe in Apulien spiegelt den Zustand eines Italiens der zwei Geschwindigkeiten wider: Man reist mit 300 Kilometern pro Stunde von Rom Richtung Norden, während der Zugverkehr Richtung Süden über telefonische Absprachen koordiniert wird. Der Fehler, der zur Katastrophe führte, ist menschlich. Das System, das ihn zuließ, jedoch völlig unmenschlich.

Dienstag, 12. Juli, 11.38 Uhr am Bahnhof von Andria, einer Stadt im Süden Italiens: Der Bahnhofsleiter gibt dem Zugführer das Signal zur Abfahrt. Der Zug fährt los: Ziel ist Corato, nördlich von Bari. Auch dort steht ein Zug, der auf grünes Licht wartet - in Richtung Andria. Grünes Licht kommt, die Strecke ist frei. Das Problem: Sie ist es eigentlich nicht.

Die beiden Züge fahren aufeinander zu, auf demselben Gleis, auf dem einzigen, das existiert. Die Route zwischen Corato und Andria ist seit Jahren Ziel eines Schienen-Ausbauprozesses, 2013 wurden weitere Besitzer enteignet, um neue Gleise legen zu können. Doch dann: die gähnende Leere der Bürokratie. Die Ausschreibung für den Ausbau der Linie wurde bis zum 19. Juli 2016 verlängert. Zu spät, ganz offensichtlich. 

Einige Minuten nach dem Verlassen der jeweiligen Station passiert das Unvermeidliche. Mit voller Geschwindigkeit prallen die Züge aufeinander, direkt nach einer Kurve. Die beiden Zugführer haben nicht einmal Zeit, die Bremse zu ziehen, um die Wucht des Aufpralls zu vermindern, oder sie verstehen einfach, dass es sinnlos ist. Vielleicht haben sie sich angesehen, Luciano und Pasquale, haben sich ihre Blicke vor dem Zusammenstoß für den Bruchteil einer Sekunde durch die Fenster gekreuzt. Dann das Inferno. 

Die Rede ist von zwei Lokalzügen voller Menschen, die auf dem Weg zur Schule, zur Uni, zur Arbeit sind, aber auch Touristen, deren eigentliches Ziel der Flughafen Bari Palese war. 23 von ihnen sterben. Die Bilder des Aufpralls lassen wenig Raum für Spekulationen. Die vorderen Zugteile gibt es nicht mehr, es scheint als wären sie verdampft und hätten dabei zerrissene Stahlteile Hunderte von Metern über den Unglücksort verteilt. Die hinteren Zugteile explodieren nicht, aber sie fügen sich surreal zu einem einzigen sterbenden Organismus zusammen, einem Gewirr aus Stahl, Blut und menschlichen Körpern. 

(Un)menschliche Fehler 

Es liegt in der menschlichen Natur, einen Schuldigen zu suchen, einen Verantwortlichen, auf den sich alle Wut, Verzweiflung und Ungläubigkeit derjenigen richten kann, die die Katastrophe überlebt oder Angehörige darin verloren haben. Und es ist ein menschlicher Fehler, von dem die Rede ist, wenn es um das System geht, in dem man sich auf den sogenannten "blocco telefonico" ("die telefonische Sperre") verlässt, eine telefonische Vereinbarung zwischen zwei Bahnhofsleitern, die festlegen, welcher Zug passieren und welcher im Bahnhof stehen bleiben muss. Eine mündliche Übereinkunft, die aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammt. Sie erscheint völlig surreal in einem Eisenbahnsystem, in dem es automatische Sperren gibt, die auf anderen Routen längst verwendet werden und nicht von Willen und Aufmerksamkeit eines Menschen abhängen. Eine Übereinkunft, die schon per Definition trügerisch ist. Ein menschlicher Fehler in einem Italien, in dem organische und systemische Fehler heutzutage sehr unmenschlich sind. 

4.859 Millionen Euro sind laut dem decreto Sblocco Italia (ein Finanzierungsdekret) und dem Stabilitätsgesetz für die Modernisierung des italienischen Eisenbahnsystems bestimmt: 4.799 Millionen davon für den Raum nördlich von Florenz und "gute" 60 Millionen für den Rest der Halbinsel. In Prozenten sind das 1,2%  für den Süden, den sogennanten "Mezzogiorno", und der Rest für den Norden. Davon sind 50% für den Ausbau der effektiven Hochgeschwindigkeitslinien bestimmt, der Rest wird auf dem gesamten nördlichen Territorium verteilt, zwischen Regionalzügen und Intercitys.

Hier stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, das System des "blocco telefonico" im gesamten italienischen Eisenbahnnetz abzuschaffen. Vielleicht würden dadurch die Reisenden in Hochgeschwindigkeitszügen fünf Minuten später ans Ziel kommen, jedoch könnte man sichergehen, dass alle anderen auch sicher an ihren Bahnhof gelangen. In Corato starben einfache Leute, nicht Manager erster Klasse.

Das Krebsgeschwür nährt sich selbst 

Zwei Beispiele, die gut die krankhafte Situation im Inneren beschreiben: Die schlechte Führung der öffentlichen Verwaltung im Süden ist ein Auswuchs ungebremster wirtschaftlicher Fehlentscheidungen aufgrund von Vetternwirtschaft, überflüssigen Staatsdienern und völlig zwecklosen Ministerien. Diese Führung verursacht weiterhin die Rückständigkeit und Ineffiziens des Südens, der nicht mehr imstande ist, den Hebel umzulegen geschweige denn die Hilfen und Ressourcen zu nutzen, die das vielfach beschimpfte Europa schickt. Das ist der Spiegel eines Staates, der aus zwei Nationen zu bestehen scheint, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit vorankommen. Ein Krebsgeschwür, das sich selbst nährt. 

Die vorgesehenen Gelder aus Brüssel für das zweite Gleis zwischen Corato und Andria waren bereits angekommen, und zwar mit der Entscheidung C (2012) 2740 der Europäischen Kommission vom 27. April 2012. Alles hätte schon am 30. Juni 2015 fertig sein sollen. Die Verspätung des Ausbaus hätte nicht dramatischer sein können.

Schuld sind die unüberblickbaren, schizophrenen Prozesse der Bürokratie. Das Problem scheint weniger die Anpassung der Regeln als vielmehr der fehlende Abbau derselben. Und wenn diese Regeln - eigentlich erdacht, um die Regelmäßigkeit des Ausbaus zu versichern und Missbrauch vorzubeugen - zu einem Monster aus Papier und Unterschriften wird, welches im Stande ist jedes Projekt und jede Initiative zu verschlucken, dann würde sich jeder gut organisierte Verwalter wohl im Grabe umdrehen. 

Die Jagd nach den Verantworlichen ist nun eröffnet. Es ist faszinierend, dass wir heute Technologien anwenden, die es uns ermöglichen zu erkennen, ob ein Ball die Linie des Tores auch nur um 1 Milimeter überquert hat. Aber wenn zwei Züge aufeinander zurasen, mitten auf dem Land, dann bemerken wir das erst nach dem Zusammenprall.