Die Universität als neue Agora

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

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Welche Universität wollen wir für unsere im Werden begriffene Europäische Gesellschaft? Eigentlich gehört genau diese Frage ins Zentrum des Bologna-Prozesses.

Wie bei nicht wenigen europäischen Projekte stand auch am Anfang des Bologna-Prozesse eine gute Absicht: Es ging um die Harmonisierung der europäischen Hochschulsysteme (in der Europäischen Union und darüber hinaus), die das Entstehen eines wirklichen europäischen Hochschulraumes ermöglichen sollten.

Dieser Grundgedanke hat nichts besonders schlechtes an sich. Das ist auch der Grund, aus dem die nationalen Bildungsminister von der Rechten wie der Linken von 29 Europäischen Staaten im Jahre 1999 die Erklärung von Bologna mit Überzeugung unterzeichnet haben.

Harmonisierung und Vielfalt : Ein schwieriges Spiel

Die Herolde und erbitterten Gegner dieses Dokuments haben sich seither heftige Gefechte geliefert. Die einen lehnen es ab, dass die Hochschulausbildung zur Ware wird, wie es die Bologna-Dokumente mit sich brächten, die anderen sehen in diesem Prozess die einzige Möglichkeit, die es erlaubt, die Universität zu retten, oder sogar ein wirklich geeintes Europa zu errichten. Indem sie argumentieren, dass man keine echte europäische Einigung erreichen könnte, solange die Bildung nationale Kompetenz bleibt.

Der Streit wird auch mit handfesten Zahlen ausgetragen : In den Vereinigten Staaten, wo die Studiengebühren sehr hoch sind, haben mehr als 60 Prozent der 24- bis 34-jährigen einen Hochschulabschluss, während der Anteil in Frankreich (wo die Studiengebühren viel geringer sind) gerade mal 40 Prozent erreicht. Die gesteigerte Selbstverwaltung und die Privatisierung der Bildungseinrichtungen führt also nicht zwangsläufig zu schlechteren Zugangsmöglichkeiten zum Studium.

Gleichzeitig kann man nicht umhin festzustellen, dass die Forschung an den öffentlich-rechtlich organisierten Universitäten Europas weiterhin leistungsstark und wettbewerbsfähig ist und mit der amerikanischen Forschung Schritt halten kann. Ein schlagender Beweis, dass öffentlicher Sektor und Wettbewerbfähigkeit sich nicht ausschließen müssen. Aber was soll man aus all dem schließen? Brauchen wir ein Hochschulsystem, das fifty-fifty, halb öffentlich, halb privat organisiert ist?

Das sind gewiss essentielle Fragen, doch wird dadurch oft eine noch grundsätzlichere Fragestellung verdeckt: Es ist die Frage nach dem Gesamtprojekt. Die Universität erscheint uns so vertraut, dass nicht mehr darüber nachgedacht wird, was sie ist und was sie nach unseren Vorstellungen sein sollte. Welche Universität wollen wir für unsere im Werden begriffene Europäische Gesellschaft ? Welche gesellschaftlichen Funktionen soll sie unseren Erwartungen nach erfüllen?

Studenten oder Bürger?

Die Studie « EuroStudent 2000 » hat sehr deutlich aufgezeigt, dass die Lebensumstände der Studenten in Europa stark variieren. Und deswegen bedeutet „jugendlich sein“ und vor allem „Student sein“ in unterschiedlichen europäischen Ländern nicht dasselbe. In Südeuropa ist das Studium vor allem eine einführende Ausbildung, die mit großem Einsatz, aber ohne parallele berufliche Aktivitäten betrieben wird, während im Norden viele junge Menschen erst mit dem Studium beginnen, wenn sie bereits berufliche Erfahrung haben und neben dem Studium weiterarbeiten. Hinter derselben Vokabel verbergen sich so viele Situationen wie Länder. Man hat es nicht mit dem selben Publikum zu tun, die Hochschulausbildung läuft nicht nach dem selben Muster ab und die Universitäten haben – in der Tat – nicht immer die gleiche gesellschaftliche Zielvorstellung.

Es ist also unser aller gemeinsame Aufgabe, eine neue und wirklich europäische Universität aufzubauen, passend zu der neuen europäischen Gesellschaft, die wir gemeinsam errichten. Eine Universität, die ein Ort der Forschung, der Wissensvermittlung und ausgezeichneter akademischer Leistungen sein sollte (wie von der Bologna-Erklärung gewünscht), aber auch ein Ort, aus dem mündige Staatsbürger hervorgehen.

Sicherlich brauchen wir eine Universität, die möglichst vielen zugänglich ist und in der Chancengleichheit herrscht. In vielen Hochschulen wird zu theoretisches Wissen vermittelt, das nur wenig Chancen auf einen Einstieg in den Arbeitsmarkt bietet. Es ist heute allgemein anerkannt, dass eine Ausbildung nötig ist, die Theorie und Praxis vereint.

In einer sich ständig wandelnden Lebensumwelt erlaubt nur eine lebenslange, kontinuierliche Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. Dieser Aspekt steht im Zentrum der Überlegung über den Bologna-Prozess und trägt den Keim einer Mentalitätsrevolution in sich: Die Idee einer lebenslangen Ausbildung bedeutet zugleich, dass es für den einzelnen immer Dinge dazuzulernen gibt; dass ein Staatsexamen oder ein Ph.D. nicht mehr unübertrefflich sind.

Der Student oder die Studentin ist nicht mehr nur ein junger Mann oder ein junge Frau in der Ausbildung, sie sind auch Staatsbürger wie alle anderen und gleichzeitig ist heute jeder Staatsbürger ein potentieller Student.

Zwei Vorschläge

Sorgen wir dafür, dass die europäische Universität von morgen philosophisch ist, im echten Sinne des Wortes. Sorgen wir dafür, dass sie die „Liebe zur Weisheit“ hervorbringt, die Neugierde und die Beteiligung der Bürger. Dafür könnten der Absichtserklärung der Länder noch zwei Punkte hinzugefügt werden.

Setzen wir Demokratie in der Universität um

Engagieren wir uns dafür, dass überall in Europa, in jeder höheren Bildungseinrichtung, die Studenten, die Lehrpersonen und das nicht in der Lehre tätige Personal wirklich eine Stimme in Hochschulfragen haben. Die Erklärung von Bologna formuliert den Wunsch, aus jeder Universität eine Schule der Demokratie zu machen; lernen wir es doch in der Praxis!

Machen wir dem closed-shop der Studentenvereinigungen in den angelsächsischen Ländern ein Ende, nutzen wir die Wahlphasen aus, indem wir die Wähler auf dem Laufenden halten über die kommenden Wahlen, indem wir ihnen sagen, worum es dabei geht und indem wir den Studentenorganisationen die Ausstattung und die rechtlichen Mittel geben, um echte Wahlkämpfe zu führen.

Schaffen wir einen Platz für studentisches Leben in jeder Universität

Lehrveranstaltungen schaffen das Wissen, Praktika vermitteln seine Anwendung, ehrenamtliches und politisches Engagement lehren die staatsbürgerliche Beteiligung.

Ein Projekt angehen, sich in einer Studentenvereinigung einbringen sind Aktivitäten, die viel zur Ausbildung beitragen und sie bereichern können. Deshalb ist es ganz entscheidend, ihnen einen Platz im Herzen jeder Universität zu schaffen, denn sie auch sie eine ganz entscheidende Funktion erfüllen/auch ihnen zukommt.

Geben wir den Studentenorganisationen das Recht auf eigene Räume, schaffen wir eine feste Regelung der Benutzung von Veranstaltungsräumen und Hörsälen.

Wenn man den Geschmack der Demokratie wieder schmecken möchte, wenn man möchte, dass die Studenten nicht mehr nur Wissenskonsumenten sind, dann muss man ihnen gestatten, sich den universitären Raum zu Eigen zu machen. Geben wir den Studentenvereinigungen die Mittel, die ihren Ambitionen entsprechen (und nicht mehr nur die ihren Mitteln entsprechenden Ambitionen), schaffen wir mehr Räume des Zusammentreffens auf dem Campus anstatt ihnen aus Angst vor Studentenbewegungen immer mehr Raum zu nehmen. Anstatt nur Bonuspunkte an die engagierten Studenten zu verteilen (wie dies die ECTS-Reform erlaubt), geben wir Ihnen lieber den Raum und die Mittel, die sie für ihr Engagement brauchen.

Setzen wir auf eine Universität der Beteiligung und Demokratie, machen wir eine neue Agora aus der europäischen Universität!