Die Union: Kurs Süd!

Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2006
Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2006

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Was, wenn die EU sich 20 Jahre nach dem Beitritt von Spanien und Portugal entschlossen nach Süden wendete? Eines ist sicher: Die iberische Halbinsel ist im Aufwind.

Olé! Ambiente à la Auberge Espagnole. Das kitschige Dekor einer Tapas-Bar mit einem Salsaliedchen als unvermeidlicher musikalischer Untermalung. Die nie still stehende Schwingtür, durch die Juan, der Kellner tritt. Heute abend ist der Laden berstend voll. Auf dem Menu stehen natürlich Tapas: patatas a la bravas, lomo de porco a la plancha, pan tomaca...Wo bin ich hier? In Paris, 1300 km von Madrid und seinem Paseo de la Castellana, wo es die besten Tapas der gesamten Halbinsel gibt.

Das neue Eldorado?

Die Iberer sind einfach überall. Im Kino heißen sie Alejandro Amenabar, Almodovar und Penelope Cruz, im Plattenladen Mecano, Julio Iglesias und Las Ketchup. Sie haben die Leinwand und das Radio erobert. Und bei näherem Hinsehen findet man sie sogar in unseren Kleiderschränken mit Marken wie Zara oder Mango. Mit über 500 Boutiquen in 36 Ländern geht es der 1975 gegründeten Zara ziemlich gut. Das Unternehmen ist der weltweit drittgrößte Hersteller von Prêt-à-Porter.

Diese Schwärmerei erklärt José Jiménez, der Direktor des Pariser „Instituto Cervantes“ mit der Fähigkeit der Spanier, informelle Beziehungen zu schaffen und sie mit Hilfe einer speziellen Mischung zu kultivieren. “Zusammen dinieren heißt nicht einfach essen, sondern auch und vor allem etwas mit anderen tun.“ Er fügt gleich hinzu, dass die Spanier zu arbeiten verstünden, aber eben auch wüssten, wie man ausgeht und sich amüsiert. Was die EU und den Beitritt Spaniens 1986 betrifft, spricht José Jiménez von einem „zweigleisigen Austausch“. Europa habe seinem Land eine demokratische Kultur gebracht. Im Gegenzug sei Spanien eine der Triebkräfte bei der Konstruktion eines kulturellen Europas gewesen, denn die Europäische Union „konnte doch nicht nur bürokratisch gedacht sein.“

So gibt es eine unleugbare, vor allem touristische Öffnung in Richtung Spanien. Mit über 53,6 Millionen ausländischen Touristen im Jahr 2004 und einer jährlichen Zuwachsrate von 3,4 % nach den Statistiken von Exceltur, der Vereinigung der wichtigsten Tourismusunternehmen des Landes, ist Spanien das am zweithäufigsten besuchte Land der Welt. Katalonien, die Kanaren und die Balearen bleiben die drei Traumreiseziele – vor allem für Nordeuropäer. Wird Mallorca von den Einheimischen nicht auch das ‚siebzehnte Bundesland’ genannt? Seit seiner Renaissance dank der Olympischen Spiele 1992 profitiert auch Barcelona von einer starken Attraktivität und einem gestiegenen Kosmopolitismus: seine Bevölkerung zählt über 10% Ausländer.

Kunst-Boom

Darüber hinaus, erlaubt sich der Direktor des Instituto Cervantes nicht ohne Lächeln hinzuzufügen, könne man die spanische Kultur wirklich nicht mehr schlicht auf Federico Garcia Lorca reduzieren. Jiménez zufolge führte der Sturz des Franco-Regimes zu einer kulturellen Explosion. Die Spanier wollten vor allem Meinungsfreiheit und Toleranz. Die Movida-Bewegung, die langsam in den 80ern in Madrid aufkam und sich über das ganze Land verbreitete, bleibt der Referenzpunkt in diese Hinsicht. Als Demokratisierungs- und Liberalisierungprozess am Ende der frankstischen Diktatur, bezieht sie ihre stärksten Einflüsse aus europäischen Strömungen wie der britischen New Wave oder dem Punk...und übernahm diese mit einer vorher nie gesehenen Quirligkeit. José Jiménez spricht sogar von einem veritablen « Rückeroberungsprozess »: Filme von Pedro Almodovar, Popmusik etc. Die Diners spät abends, der Flamenco, die mythische Siesta oder die Corrida... sind manche spanische Bräuche auch in andere Länder der EU exportierbar? Für Jiménez „bewegen wir uns auf eine immer globalere Gesellschaft zu. Ich für meinen Teil fühle mich als Nomade, als Weltbürger. Und da gibt es zwar Gewohnheiten, aber keine Unmöglichkeiten.“

Zwar überlässt man den schöneren Platz traditionellerweise Spanien. Aber auch Portugal schafft es, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Genau wie sein Nachbar hat Portugal großen Nutzen aus dem Sturz der Militärdiktatur Salazars gezogen. Und der Beitritt zu EU hat die Entdeckung der portugiesischen Kultur nur beschleunigt. Man nehme eine Fadomelodie und mische ein paar großartige Stimmen unter: Amalia Rodrigues, Madredeus oder Mariza. Man füge dann noch ein unleugbares Talent hinzu, von sich reden zu machen, sei es bei der Organisation von kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen wie der EXPO 1998 in Lissabon oder den Europameisterschaften von 2002; garniere mit anerkannten Politikern:José Manuel Barroso, der derzeitige Präsident der Kommission, ist Portugiese – und runde das ganze mit einem Hauch Literatur ab: Pessoa oder José Saramargo, der Literaturnobelpreisträger von 1998. Was nun noch bleibt, ist der reine Genuss. Sowohl Portugal als auch Spanien behaupten sich auf der kulturellen Bühne Europas. Ihre Botschafter haben sie schon gefunden.