Die ungarische Yuppiekirche

Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2005
Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2005

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Rund 40000 Gläubige der HIT Gyülekezete-Kirche zelebrieren Woche für Woche ekstatische religiöse Treffen, die live im Fernsehen und im Internet übertragen werden. Der wachsende Einfluss der Glaubensgemeinschaft macht dem Establishment Angst.

Sonntag, 10h00. Es ist kalt, deshalb findet Vidám Vasárnap („der fröhliche Sonntag“) nicht im Stadion, sondern im Kongresssaal statt. Ein langer Menschenstrom schiebt sich zum HIT-Park in Budapest, Gläubige aus den weiter entfernten Vierteln werden mit dem HIT-Bus gebracht. Hinten im Hof füllt sich schon der Parkplatz mit Hunderten von Autos. Vor dem riesigen Gebäude, Produkt einfallsloser postkommunistischen Baukultur, wehen Fahnen.

An jeder Tür und Ecke stehen Wachleute, kontrollieren die Taschen der Besucher und suchen mit Metalldetektor nach Waffen. Eine Gruppe junger Kirchenfunktionäre in dunklen Anzügen und mit eingegelten Haaren unterhält sich im Foyer. An mehreren Ständen werden CDs, Bücher und Jesus-T-Shirts verkauft. An großen Imbissständen, wo es nach frischem Kaffee und Brötchen duftet, tummeln sich hungrige Gläubige. Auch in der Frauentoilette hat sich eine lange Schlange gebildet. Vor den Spiegeln im Flur schminken sich Dutzende junger Frauen. Viele sind festlich gekleidet. Die Stimmung ist ein bisschen wie auf einem Hochzeitsfest auf dem Lande.

Die Yuppies sitzen vorne

Im Saal mit rund 5.000 Sitzplätzen hängen überall riesige Poster mit der Aufforderung, ein Prozent des Einkommens – das in Ungarn an eine frei wählbare gemeinnützige Organisation abgegeben werden muss – an die Gemeinde zu leiten. Nirgendwo wird aber der „HIT-Zehner“ erwähnt, die obligatorischen zusätzlichen zehn Prozent des Einkommens, die jedes Mitglied an die HIT-Gemeinde überweist.

In den ersten Reihen sitzen die „Yuppies“: schwerreiche Geschäftsleute, Börsenhaie und junge Politiker. Ganz hinten sitzen Familien und Roma. Unter der Tribüne spielen viele Kleinkinder, die Leute haben Picknickkörbe mit Broten, Keksen und Malbüchern mitgebracht. Der „Fröhliche Sonntag“ dauert von 10h30 bis 16h00 - die Kinder müssen bei Laune gehalten werden.

Live im ungarischen Fernsehen

Mehrere Kameras übertragen die Veranstaltung im Fernsehen. Die Bühne ist mit frischen Blumen geschmückt und himmelblauen Stoffe drapiert. Ein Chor steht links und rechts Spalier. Plötzlich kommt Ruhe ins Getümmel. Sándor Németh, der Gründer der Glaubensgemeinde, eröffnet den Gottesdienst. Er ist um die Sechzig und von kräftiger Statur. Sein Ton wäre in einer westeuropäischen Kirche undenkbar: Geradezu angriffslustig erfüllt seine Rhetorik die Halle.

Pastor Néméth ist „das Herz“ der Glaubensgemeinde, wie der Theologe Dr. András Máté-Tóth von der Universität Szeged erzählt. Néméth sei ein einfacher Mann, der durch seine außergewöhnliche Ausstrahlung die Massen gewinnen kann. Durch sein Charisma ist die Glaubensgemeinde von einer christlichen Zelle zu einer einflussreichen Kirche mit rund 40000 Anhängern gewachsen. In den 80er Jahren war die Glaubensgemeinde in Ungarn verboten, die Mitglieder trafen sich heimlich. Ihre damalige Untergrundzeitschrift griff die Enttäuschung über den Kommunismus auf und rief zum Widerstand – was der Gemeinschaft wachsende Sympathie in der ungarischen Bevölkerung bescherte.

Heute ist Pastor Németh der Star der „fröhlichen Sonntage“, schreibt Bücher und führt mit seiner Ehefrau die Sankt-Paul-Bibelschule und das HIT-Gymnasium. Die Organisation besitzt den HIT-Park in Budapest samt Kongressgebäude, hat Anteile des ungarischen Fernsehsenders ATV eingekauft, einen eigenen Radiosender, mehrere Schulen und ist in rund 250 Ortschaften in Ungarn präsent. Den etablierten Kirchen und den Politikern in Ungarn bereitet diese Macht Angst. Die HIT-Gemeinde wurde in den letzten Jahren mehrmals vom Finanzamt überprüft und ist unter ständiger Beobachtung des ungarischen Geheimdienstes.

Jesus Christ – Superstar

Sándór Néméth steht auf der Bühne und liest aus der Bibel. Dann fordert er das Publikum auf, mitzusingen und mitzutanzen. Zu den Klängen eines Mini-Orchesters mit Geigen, Trompeten, E-Gitarren, Harfe, Schlagzeug und Gesang erhebt sich der Saal. Balladen und temporeiche Schlager, alle sehr einfach und melodisch, erfüllen in der nächsten Stunde die Halle. Mehrere tausend Leute singen und tanzen gemeinsam: zwei Schritte links, zwei Schritte rechts und einmal klatschen. Junge und Alte springen, stöhnen, pfeifen, lachen hysterisch, schreien fast orgastisch, manche fallen um. Mauerblümchen tanzen selbstvergessen wie Rockstars. Mehrere Minuten lang drehen sich die Lichter im Saal, als ob Sterne auf dem Stoffhimmel über der Bühne erscheinen, die Musik wird leiser. Die Leute drücken die Hände ihrer Nachbarn im Publikum und umarmen sich gegenseitig. Mehrere Männer gehen mit tiefen Körben durch die Reihen und sammeln unter Lobpreisungen die Kollekte ein. Es ist der „fröhliche Sonntag“.