Die Ukraine und die Sprache der Geopolitik

Artikel veröffentlicht am 18. März 2015
Artikel veröffentlicht am 18. März 2015

Risiko ist ein Brettspiel, das dabei helfen kann, die Grenzen dieser Welt besser kennenzulernen. Auf dem Risiko-Brett bedeckt die heutige Ukraine aber ironischerweise komplett den europäischen Teil von Russland. Die Spieler sprechen von 'the Ukraine' - warum das wichtig ist und wir Deutschen auch anfangen sollten, über den Artikel nachzudenken.

Was auf dem Spielbrett eher harmlos ist, kann in einer Dikussion zum geopolitischen Kontext der Ukraine ganz andere Dimensionen annehmen. Dann nämlich, wenn mit dem Artikel 'the Ukraine' die Souveränität des Landes infrage gestellt wird.

Mit den Friedensgesprächen in Minsk haben es die Staatsoberhäupter von Russland, Ukraine, Deutschland und Frankreich am 12. Februar in einem ersten ernsthaften Versuch anscheinend geschafft, den Bürgerkrieg im Donbass zu beenden. Es wäre ein Wunder, sollte der Waffenstillstand halten. Die Kämpfe um Debalzewe und die Explosion in Charkiw, die zwei Menschen, darunter einen Polizisten, das Leben kostete, zeigten jedoch kurz darauf, wie brüchig die Vereinbarung von Minsk ist.

Seit Beginn der Maidan-Revolution im November 2013 ist die Lage in der Ukraine eskaliert und bleibt unvorhersehbar. Was als Protest gegen die korrupte Janukowitsch-Regierung und für eine Annäherung an Europa begann, endete mit der Annektierung der Krim durch Russland und einem Bürgerkrieg im Osten. Was auch immer das Ergebnis der jüngsten Runde der Friedensgespräche sein wird, Putins Missbrauch der verzweifelten Situation seines Nachbarn verdeutlicht, dass er die Ukraine nicht als souveräne Nation respektiert. 

Unter den aktuellen Umständen mag der englische Artikel „the“ vor „Ukraine“ ein unbedeutendes Problem sein. Betrachtet man die Sache allerdings etwas eingehender, so bekommt sie einen ungeheuren symbolischen Wert. Sie steht für die größte Herausforderung der Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit 1991: die Anerkennung als unabhängiger Nationalstaat.

Grenzgebiet

Die meisten Sprachforscher sind der Ansicht, dass der Name „Ukraine“ von der russischen Präposition „u“, die soviel bedeutet wie „an“, und dem russischen Wort „krai“ (für „Kante“ oder „Grenze“) stammt. Übersetzt hieße es also „Grenzland“ oder „an der Grenze“. Damit wurde früher das Gebiet an der südlichen Grenze von Polen und Russland bezeichnet. Vor 1991, als es als Ukrainische Sowjetische Sozialistische Republik Teil der Sowjetunion war, wurde es meist als „the Ukraine“ bezeichnet.

Gleiches galt im Englischen übrigens für frühere Kolonien, wie zum Beispiel für „the Libanon“. Offiziell sollten nur zwei Länder in Verbindung mit einem Artikel genannt werden: „the Bahamas„ und „the Gambia“. Trotzdem gibt es einige, die einen Artikel führen können, ohne damit semantischen Kämpfe um Souveränität zu provozieren. Darunter zum Beispiel Inselgruppen wie die Philippinen oder Plural-Ländernamen wie die Vereinigten Staaten oder die Niederlande (obwohl die Holländer für ihr Land den Singular „Nederland“ verwenden). 

Wenn wir über Gebiete innerhalb eines Landes sprechen, wie beispielsweise den Nordosten, dann wird immer der Artikel verwendet. Die gleiche Logik galt im Englischen auch für die Ukraine, als das Land noch Teil der Sowjetunion war. Andere ehemalige sowjetische Satellitenstaaten wie Litauen hatten nie einen Artikel, da sie früher unabhängige Länder waren.

Nach der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung wurde die englische offizielle Bezeichnung jedoch in nur noch „Ukraine“ geändert und damit die Souveränität des Landes anerkannt. Trotzdem verwendet die internationale Gemeinschaft noch oft den Artikel. Sogar der amerikanische Präsident Obama hat sich bis vor einem Jahr des Gebrauchs dieser Formel schuldig gemacht. [Auch im Deutschen wird der Artikel stetig mitgeführt; A.d.R.]

Der Gebrauch des bestimmten Artikels ist nicht völlig falsch, er sollte aber nur im Zusammenhang mit dem historischen Gebiet, das noch keine Grenzen hatte, verwendet werden. Betrachtet man die ukrainische Nation, dann untergräbt die Verwendung des bestimmten Artikels ihre Eigenstaatlichkeit. Die Bedeutung dieses linguistischen Details scheint jedoch wichtiger zu werden. Die meisten Zeitungen und Staatsmänner halten sich heute im Englischen an die artikellose Form „Ukraine“.

Im Russischen gibt es zwar keine Artikel, dafür aber zwei wichtige Präpositionen, um einen Ort oder eine Richtung zu bestimmen: „na“ und „v“. Die Präposition „na“ wird ganz allgemein verwendet, um die Lage in einem ausgedehnten Gebiet ohne klare Grenze zu erklären. „V“ wird dagegen benutzt, wenn man über geographische oder politische Gebiete mit einer offiziellen Grenze spricht, wie zum Beispiel über Länder oder Städte. So würde man „na Kavkaze" für „im Kaukasus“ und „v Rossii" für „in Russland“ sagen.

Mit dieser sprachlichen Unterscheidung lässt sich der Konflikt identifizieren. Müssen wir „v Ukraine" für einen Staat mit einer offiziellen Grenze sagen oder „na Ukraine" für das ausgedehnte Gebiet an der südwestlichen Grenze von Russland, das es mal war?

Linguistische Unabhängigkeit

Nachdem die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit erlangte, forderte sie Russland auf, den Ausdruck „na Ukraine“ fallen zu lassen und seine unabhängige Staatlichkeit durch den Gebrauch der Form „v“ anzuerkennen. Trotzdem verwenden alle russischen Medien, sowohl die beiden staatlichen Kanäle, der Kanal Rossija 1 als auch unabhängige Zeitungen wie Slon weiter die Formel „na Ukraine“. Dies entspricht der offiziellen russischen Sprachregelung, wobei hier argumentiert wird, dass dies dem sprachlichen und historischen Begriffsinhalt als Grenzland entspricht.

Für die meisten Russen ist dies keine bewusste, sondern eine natürliche Sprachentscheidung. „Meistens sage ich „na Ukraine“, dafür gibt es aber keine politische Begründung“, erklärt die junge Moskauerin Lyosha. „Ich verwende „na“, weil es eine Sprachnorm ist, die sich über die Jahre etabliert hat.“ Diese stilistische Entscheidung wird noch interessanter, wenn man sich die fraglichen Gebiete anschaut. Sollen wir „Krim“ (Crimea) oder „die Krim“ (the Crimea) sagen? Beide Formen werden verwendet. Auf Russisch sagt man „v Krimu“. Eine Halbinsel oder eine Insel hat üblicherweise die Präposition „na“. Die Krim ist allerdings durch eine Bergkette vom Festland getrennt und wird daher als ein Gebiet mit einer klaren Grenze betrachtet.

Innerhalb des Donezbeckens, das aus den aufständischen Oblasts (Bezirken) Donezk und Luhansk besteht, sind beide Formen gängig. In englischen Zeitungen finden wir „Donbass“ und „the Donbass“. Im Russischen muss nach offizieller Norm die Präposition „v“ verwendet werden, weil der Name ein Akronym für „Donetskiy bassein“ (das Donezbecken) ist und man würde „v basseine“ sagen. Trotzdem gibt es russische und ukrainische Zeitungen, die die Präposition „na“ verwenden.

„Wenn wir über ein Land wie die Ukraine sprechen, dann verwenden wir die Präposition „v““, erklärt ein Herausgeber einer der wichtigeren ukrainischen Zeitungen, des Korrespondent. „Sprechen wir aber über eine Region innerhalb eines Landes, wie das Kuban-Gebiet oder das Donezbecken, die keine eigenständigen Länder sind, dann benutzen wir die Präposition „na“.“ Für viele Ukrainer bedeutet „na Ukraine“, dass ihr Land nicht als unabhängiger Nationalstaat betrachtet wird. Das wäre so, als sagte man immer noch „the Sudan“, weil sich diese Bezeichnung ursprünglich auf eine Wüste bezieht, oder „the Kongo“, als wäre es immer noch nur das Land um den Fluss Kongo.

Ganz offensichtlich verwendet der russische Präsident Wladimir Putin die offizielle russische Form, die unvermeidlich eine zusätzliche, politische Bedeutung enthält. „In Russland wird die Präposition „na“ absichtlich verwendet, weil man Ukraine dort immer noch als eine Region und nicht als ein Land ansieht,“ sagt der gleiche Herausgeber des Korrespondent. Putin hat in der Tat bei verschiedenen Pressekonferenzen angedeutet, dass er die Ukraine nicht als souveränen Nationalstaat anerkennt. Für ihn ist immer noch das Verbrechen der Bolschewisten für die Entstehung der Sowjet-Republiken während des Bürgerkrieges von 1917-1922 verantwortlich. Und er ist willens, alles Notwendige zu tun, um dieses „Verbrechen“ wiedergutzumachen.

Mit der Annektierung der Krim und dem Aufstand im Osten hat Russland es ziemlich erfolgreich geschafft, die Ukraine auf das einfache Grenzland von ehedem zu reduzieren. Putins Politik seit der Maidan-Revolution war Inspiration für eine Menge neuer Witze über das russische Staatsoberhaupt. Einer von ihnen geht so: „Wladimir Wladimirowitsch, wird es wieder einen Eisernen Vorhang geben?“ - „Nein! Einfacher Stacheldraht reicht.“

Angesichts der europäischen Ohnmacht, die russische Angliederung der Krim zu verhindern und vor dem Hintergrund der aktuellen militärischen Unterstützung im Donezbecken, steht die Souveränität der Ukraine auf dem Spiel. Die englische Sprache hat den bestimmten Artikel endlich aufgegeben. Für Putin aber ist und bleibt es „die Ukraine“.