Die türkische Kurdenfrage

Artikel veröffentlicht am 2. September 2005
Artikel veröffentlicht am 2. September 2005

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Der türkische Staatschef Erdogan hat eine politische Lösung des „kurdischen Problems“ gefordert - eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Beitrittsverhandlungen mit der EU. Beobachtungen am türkischen Nationalfeiertag in Kurdistan.

Der Offizier brüllt ein Kommando, die Soldaten marschieren die Strasse entlang, die Kapelle spielt einen schwermütigen Marsch: Auch in Diyarbakir, Kurdenhochburg im Südosten der Türkei, feiert die türkische Republik am 30. August ihren Sieg im Unabhängigkeitskrieg 1922. Auf der Tribüne, wo die Familien der Offiziere und lokalen Würdenträger sitzen, rutschen die Kinder unruhig auf dem Sitz herum. Ein paar hundert Menschen am Straßenrand klatschen und schwenken Fahnen, wenn eine neue Einheit vorbeimarschiert, doch hinter den mächtigen schwarzen Mauern der Altstadt geht das Leben weiter.

"Die Kurden scheren sich nicht um den türkischen Nationalfeiertag"

‚Es ist zwar unser Nationalfeiertag, doch bis auf Banken und Regierungsgebäude bleibt alles geöffnet. Jedes Jahr ist es dasselbe und die Leute interessieren sich nicht dafür’, meint Mehmet, der auf der Schwelle eines Ladens sitzt und Tee trinkt. ‚Die Armee feiert ihren Sieg im Unabhängigkeitskrieg und die Schaffung der türkischen Republik, doch für uns Kurden bedeutete dies vor allem das Ende des Traums eines eigenen Staates.’

Um diesen Traum zu verwirklichen, griff die Kurdische Arbeiterpartei PKK 1978 zu den Waffen. Der Konflikt nahm Anfang der neunziger Jahre kriegsartige Zustände an, als die türkische Armee in Reaktion auf die Angriffe der Guerilla eine Strategie der verbrannten Erde praktizierte. Sie hatte einen gewissen Erfolg, führte aber vor allem zur Zerstörung zahlreicher Dörfer, deren Bewohner in Diyarbakir Zuflucht suchten. Heute zählt die Stadt über eine Millionen Einwohner.

Erdogan spricht über das "kurdische Problem"

‚Früher hat die PKK auch hier in der Stadt gekämpft, doch die Leute wollten nicht mehr und heute hat sie sich in die Berge zurückgezogen’, sagt Hassan, der im Hof einer alten Karavanserai einen Teppichladen betreibt. ‚Jetzt ist es ruhiger geworden, doch das Geschäft läuft weiterhin schlecht, es kommen zu wenig Touristen her. Letzte Woche hat die PKK einen einmonatigen Waffenstillstand ausgerufen, ich hoffe, dass er hält...’

Die PKK kehrte nach einer Rede des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zum Waffenstillstand zurück, den sie im Juni 2004 aufgekündigt hatte. Während eines Besuchs in Diyarbakir hatte der Staatschef erklärt, dass das kurdische Problem nur mit politischen Mitteln zu lösen sei. Er erteilte damit den Militärs eine Absage, die ein härteres Durchgreifen im Kampf gegen den Terrorismus gefordert hatten, und gestand erstmals die Existenz ‚eines kurdischen Problems’ ein. Bisher hatte die Regierung es immer nur als militärische oder wirtschaftliche Frage betrachtet.

Telefon der dritten Generation

Obwohl Erdogan mit seinen Äußerungen Protest und Widerspruch der Nationalisten erregte, die direkte Verhandlungen mit der PKK fürchten, hat die Armee bisher nur verhalten reagiert. Ihre Zurückhaltung erklärt sich wohl aus der Einsicht, dass eine Remilitarisierung des Konflikts einen Monat vor Aufnahme der Beitrittsverhandlungen mit der EU das falsche Zeichen wäre und vielleicht auch aus dem Kalkül, dass die Verschärfung des Kampfes letztlich nur der PKK zugute kommen würde. Denn diese kann sich nur im militärischen Kampf als Vertreter und Verteidiger der Kurden aufspielen, eine Erkenntnis, die sie im Juni 2004 zur Wiederaufnahme der Waffen geführt hatte, ohne dass die Bewegung jedoch ihre frühere Bedeutung zurückerobern konnte. Die erneute Waffenruhe nun ist vor allem ein Ausdruck ihrer Ratlosigkeit.

Die meisten Kurden sind nicht mehr bereit, die Gewaltstrategie der PKK zu unterstützen, nicht zuletzt, da die Entwicklungsbemühungen der Regierung ihre ersten Früchte tragen und die Region sich seit Beginn des Konflikts stark verändert hat. ‚Vor fünfzehn Jahren sind die Menschen nur in den Laden gegangen, um Tee und Zucker zu kaufen, heute gibt es in allen Städten Supermärkte. Mein erstes Photo stammt von der Einschulung und damals war mein Vater der einzige in der ganzen Gegend, eine Kamera zu besitzen. Heute haben alle so was’, meint Mehmet und deutet auf sein Handy der dritten Generation.

Viele haben zudem erkannt, dass der Frieden die Voraussetzung jeder weiteren Entwicklung ist. ‚Nur wenn es auch in Zukunft ruhig bleibt, kann sich der Tourismus entwickeln’, meint Hassan, ‚dann kommen mehr Leute her, kaufen schöne kurdische Kelims und das Geschäft läuft.’