Die spanische Protestbewegung – eine Facebook-Revolution?

Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2012
Von Sarah Detournay Übersetzt von Maike Wohlfarth Foto: afp.com/Dominique Faget Zu Beginn waren es nur einige Hundert, aber dann nahm die Bewegung der jungen, spanischen „Empörten“ eine unerwartete Entwicklung an. Zunächst waren vor allem sie selbst von den Ausmaßen der Proteste überrascht.
Sie hatten nicht im Traum daran gedacht, dass das Internet und besonders die sozialen Netzwerke so eine Macht haben, Menschen zusammenzubringen. Heute sind es mehrere Tausend weltweit und die „Empörten“ erheben weiterhin ihre Stimme und wollen ihren Kampf gegen die politischen Machthaber und die Finanzbosse mit Hilfe der Internetmedien fortsetzen.

Galten die sozialen Medien wie Facebook oder Twitter bis vor Kurzem noch als harmlose Unterhaltungsmedien fernab der realen Welt, so haben uns die arabischen Revolutionen vergangenes Frühjahr eine andere Seite – vielleicht sogar eine neue Bestimmung? - dieser Netzwerke gezeigt: die Macht Menschen zu versammeln.

Cyber-Aktivismus auf dem Vormarsch

Wie auch im Fall der tunesischen und ägyptischen Aufstände bieten die sozialen Netzwerke den jungen „Empörten“ eine Art virtuellen Versammlungsort, wo Forderungen gestellt werden, wo zur gemeinsamen Mobilisierung aufgerufen wird und wo das vernachlässigte Volk das Wort ergreift, um Handlungen folgen zu lassen.

Neben der Fähigkeit, Menschen zu vereinen und Verbindungen zwischen jenen zu schaffen, die sich noch nie vorher gesehen haben, bieten die Internetmedien noch einen anderen maßgeblichen Vorteil: die sofortige Verfügbarkeit von Informationen. Mit einem einzigen Klick hat man Zugang zu allen Forderungen, Veranstaltungen und Aufrufen in den Facebook-Gruppen, die eigentliche Resonanz der Bewegung. Für die Initiatoren des Protests ist der Kampf im Netz im Vorhinein essentiell, damit er sich dann in der Realität, auf der Straße fortsetzt.

Facebook ist nur ein Hilfsmittel

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Revolution 2.0 durch die sozialen Netzwerke im Gange ist. Aber kann man wirklich von einer „Facebook-Revolution“ sprechen, in dem Sinne, dass die Internet-Netzwerke dieses kollektive Aufbegehren einfach so geschaffen haben? Auf diese Frage antwortet François Thoreau, Forscher am Zentrum SPIRAL der Universität Lüttich, mit einem klaren Nein: „Diese Hilfsmittel haben die Bewegung der ,Empörtenʻ nicht ,geschaffenʻ, so als sei sie aus dem Nichts entstanden. Ich sehe die Netzwerke als eine Art Werkzeug, die es erlauben Informationen entsprechend schnell zu verbreiten, wie durch einen Boom (durch die Mechanismen des Hypes) und dies gibt ihnen eine breite und mächtige Resonanz. Es sind Kanäle die Informationen fließen lassen, die den Prozess beschleunigen, aber sie ersetzen nicht die soziale Bewegung. Ganz im Gegenteil, meiner Meinung nach ist es falsch, ihnen eine bestimmende Rolle in der Entstehung der Bewegung zuzuschreiben.“

Ursprung der Bewegung der „Empörten“ sind existentielle und grundlegende Fragen, wie die ökonomischen und politischen Reformen, Lohnsenkungen, die Beschäftigungsunsicherheit, der erschwerte Zugang zu Wohnraum etc.

Eine leibhaftige Bewegung

Aus Erfahrung wissen wir, dass virtuelle nicht unbedingt auch mit realer Mobilisierung einhergeht. Im Fall der „Empörten“ führte der Internetaufruf zu einem konkreten, körperlichen Einsatz der Internetnutzer. Sie gingen auf die Straße, organisierten Protestmärsche und Camps, zahlreiche symbolische und friedliche Aktionen um ihrem generellen Frust Ausdruck zu verleihen.

„Im Allgemeinen sind die Gruppen auf Facebook sehr kurzlebig. Sie verpflichten einen zu nichts. Im Gegensatz dazu ist die Bewegung der ,Empörtenʻ in Realität verkörpert worden, sie hat etwas leibhaftiges. Das beste Beispiel dafür ist der Marsch, einer Gruppe militanter Spanier von Barcelona nach Brüssel.“

Heute stellt sich die Frage nach der Zukunft der Protestbewegung, besonders im Hinblick auf den Mangel an Klarheit ihrer Forderungen und das Fehlen einer konkreten politischen Agenda. François Thoreau seinerseits ist optimistisch: „Die Bewegung ist gerade erst dabei zu entstehen. Ich gehöre nicht zu denjenigen die sagen, dass sie ein festgelegtes Ziel und eine genaue politische Agenda haben müssen. So bleibt sie offen für Meinungsvielfalt.“

Thoreau kommt außerdem zu dem Schluss, dass die weltweite Protestbewegung noch nicht soweit ist, dass sie außer Atem kommt. Im Zusammenhang mit der in den kommenden Jahren wohl noch tief greifenderen Krise ist es wahrscheinlich, dass die reale Mobilisierung die virtuelle in den Hintergrund drängt.

Foto: Hunderte junge spanische „Empörte“ werden während eines offiziellen Protestmarschs gegen den neuen konservativen Bürgermeister Madrids im Juni letzten Jahres von Polizeikräften zurückgedrängt.