Die Sonntagslerner von Amsterdam Zuidoost

Artikel veröffentlicht am 10. September 2013
Artikel veröffentlicht am 10. September 2013

Es ist Sonntag in Amsterdam und Amin ist hochkonzentriert. Zusammen mit seinen Freunden John Paul und Guevero versucht er zwei 20 Zentimeter lange Holzplättchen zusammenzukleben, um eine Brücke zu bauen. Die drei zwölfjährigen Jungen aus dem Amsterdamer Migrantenviertel Zuidoost  besuchen die "IMC Weekendschool", die seit 15 Jahren Kindern ermöglicht, in Berufe hineinzuschnuppern. 

Amin Mimoun Bourass, John Paul Legarde und Guevero Nijhove besuchen gemeinsam mit 17 Klassenkameraden jeden Sonntag die Wochenendschule im Amsterdamer Problem-Stadtteil "Zuidoost". Statt aber Mathe, Englisch oder Physik zu pauken, lernen die  niederländischen Grundschüler hier verschiedene Berufe kennen. Zweieinhalb Jahre gehen sie sonntags auf Exkursion oder werden von Gastdozenten unterrichtet. Dabei werden die Kinder immer wieder selbst aktiv. Mal dürfen sie ein Kuh-Herz anfassen, das ein Mediziner anschließend vor ihren Augen seziert, mal nehmen sie in Richterrobe auf dem Podium eines Gerichtssaals Platz.

Heleen Terwijn hat das Projekt "Wochenendschule" vor 15 Jahren ins Leben gerufen. Die Psychologin erforschte in den 1990er Jahren die Motivation von Kindern im Amsterdamer Stadtteil Zuidoost, dem ersten großen Immigrantenviertel der Niederlande. Drei Jahre begleitete sie hunderte Schüler für ihre Studien. Dabei fand Terwijn heraus, dass der klassische Schulunterricht allein die meisten Kinder nicht ausreichend auf das Berufsleben vorbereiten kann; den Kindern fehlten Perspektiven für die Zukunft. Zusätzlicher Unterricht von Leuten, die ihren Beruf lieben - das wäre die Lösung. Bei Zehnjährigen müsste man mit dieser Zusatzausbildung beginnen, da Kinder in dem Alter besonders interessiert und lernfähig sind. Terwijn entwarf das Konzept einer Sonntagsschule und war so begeistert von ihrer Idee, dass sie beschloss, diese tatsächlich umzusetzen.

Motiviert, sonntags zur Schule zu gehen

In dem niederländischen Finanzunternehmen IMC fand sie den ersten Sponsor. 1998 besuchten 30 Kinder im Alter von zehn Jahren die erste „IMC Weekendschool“ in Amsterdam Zuidoost. Teilnehmen darf nur, wer wirklich motiviert ist und sich vorstellen kann, zweieinhalb Jahre lang jeden Sonntag zur Schule zu gehen. Heute, 15 Jahre später, besuchen 900 Jungen und Mädchen neun Wochenendschulen in den Niederlanden, 1248 Schüler haben sie bereits erfolgreich absolviert. Amin, John Paul, Guevero und auch die Deutsche Veda Stormfeltz drücken die Schulbank in Zuidoost.

"Meester", ruft Amin in den Klassenraum, was so viel heißt wie Herr Lehrer. Gemeint  ist Peter Schoonderbeek. "Kann man eine Fachwerkbrücke auch aus Holz bauen?", will Amin wissen. "Ja, das geht", sagt Meester Peter und ruft die Jung-Ingenieure zum Brückenbau-Wettbewerb auf. Drei bis vier Mädchen und Jungen arbeiten in Teams zusammen. Jedes Team bekommt die gleichen Materialien: Holzplättchen im Format eines 20 Zentimeter langen Lineals sowie Schnur und Klebeband. "Eure Brücke", sagt Schoonderbeek, "muss mindestens 50 Zentimeter lang sein. Wer die stabilste baut, bekommt einen Preis." "Was können wir denn gewinnen", fragt Amin. "Süßigkeiten?", will sein Team-Kollege John Paul wissen. Es bleibt eine Überraschung. Die Kinder beginnen Skizzen auf DinA3-Papierbögen anzufertigen. Nach einer Viertelstunde wird jedes Team darüber abstimmen, welcher Entwurf umgesetzt werden soll.

Nach einiger Zeit geht Amin, John Paul und Guevero das Klebeband aus. Glücklicherweise sind die jungen Brückenbauer erfinderisch, denn Nachschub gibt es nicht. Also benutzen die Jungs einfach ihre selbstklebenden Namensschilder, um die Holzdreiecke zu verstärken, die ihre Brücke stützen sollen. "Oh mein Gott", ruft Veda entsetzt beim Anblick der Brücke, die in der Mitte durchhängt." In den Wochenendschulen geht es aber weniger um perfekte Ingenieursarbeit, als darum, mit den Kindern im übertragenen Sinn Brücken zu bauen - in eine selbstbestimmte Zukunft und zu einem Beruf, der ihnen Freude macht.  

Niederlande, Hongkong, Brüssel und bald Berlin

In den Niederlanden gibt es neun Wochenendschulen, drei davon in Amsterdam. Partnerschulen entstanden 2009 in Hongkong und im April 2013 in Brüssel, Berlin-Neukölln könnte bald folgen. Finanziert werden die Schulen von mehr als 100 Sponsoren und Stiftungen, die einzelne Einrichtungen für drei bis fünf Jahre unterstützen.  So werden die Gehälter von 42 Vollzeit- und 34 Teilzeit-Beschäftigten sowie Lehrmaterialien für die Schüler bezahlt. Für sie ist die Sonntagsschule kostenlos. Etwa 2000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich.

Die IMC Weekendschool genießt hohes Ansehen in den Niederlanden. Noten gibt es keine, stattdessen aber Punkte für Anwesenheit und Engagement im Unterricht. Die  wohl prominenteste Unterstützerin ist Königin Máxima. Die gelernte Bankerin hat den Schülern schon mehrfach als Gastdozentin erklärt, was Mikrokredite sind.  Gastdozenten aus Sponsorfirmen unterrichten in den Bereichen Computer und Technik, Architektur, Jura oder auch Medizin, um den Kindern ein möglichst breites Spektrum von Berufen nahe zu bringen.

Zurück in der Wochenendschule Amsterdam Zuidoost: Die jungen Brückenbauer präsentieren ihre Werke. Jetzt testet Gastdozent Peter Schoonderbeek wie stabil die vier Mini-Brücken sind. Das Modell von Amin, Guevero und John Paul trägt bis zu 25 Kilogramm. Der Bestwert. Die drei Nachwuchs-Ingenieure haben es geschafft - und strahlen. Zwar gibt es als Preis keine Süßigkeiten, aber immerhin für jeden Gewinner einen USB-Stick. Und während Amin zum Abschluss noch ein Freudentänzchen aufführt, ruft er seinen beiden Team-Kollegen zu: "Ich werde später mal  Ingenieur." Er wäre nicht der erste Absolvent der IMC Weekendschool, der seinen Traum verwirklicht.