Die politische Dimension des Fussballsports

Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2004
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Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2004

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Fußball war und ist stets ein reicher Acker für die Politik, von Nationalismus bis Völkerverständigung. Euro2004 ist, was Europa werden sollte.

Das Fußballfestival, das seit ein paar Wochen stattfindet, fällt zeitgleich mit einer Periode intensiver politischer Tätigkeit in der EU. Aber was haben internationaler Fußball und Politik miteinander zu tun? Werden Patriotismus und Fahnenschwenken zugleich weitere unheilvolle Formen von Nationalismus und Anti-Europa-Gefühl schüren?

Die Europameisterschaften gehen auf 1960 und Henri Delauneys "Cup der Nationen" zurück. Es war ein unglücklicher Beginn für das Turnier, da nur vier Länder um die erste Trophäe kämpften und mehrere der großen Fußballnationen, so wie Westdeutschland, die Einladung zur Teilnahme ablehnten. Das Turnier von 1960 war ebenso ein Thema politischer Frustration, da der spanische Diktator General Franco die Mannschaft seines Landes vorzeitig vor dem Halbfinalspiel gegen die UdSSR ausscheiden ließ. Das war aber nicht der erste Fall politischer Eimischung im Fußball, die Geschichte dieses schönen Spiels ist in der Tat voll von solchen Zwischenfällen, denn sowohl der Anreiz für die Massen als auch der offenkundige Symbolismus des Weltspiels bieten ein mächtiges Vehikel für die Förderung politischer Ideologie.

Faschisten-Fußball

Der ausdrücklichste und weitreichrendste Missbrauch von Fußball war der als Propagandawerkzeug der faschistischen Diktatoren der 1930er Jahre, die Sport und vor allem Fußball als Weg zur Unterstützung des Sinns für nationale Überlegenheit und der Dominanz ansahen. Mussolini gebrauchte Fußball - und insbesondere Italiens Funktion als Gastgeber der Weltmeisterschaft von 1934 - zur Vergrößerung seines politischen Vorteils, und die Anschuldigungen, er habe beim Finale gegen die Tschechoslowakei den Schiedsrichter bestochen, gehören weiterhin zum Vermächtnis des Turniers. Der Gewinn des Weltcups stachelte den nationalen Eifer an und verstärkte die Macht des Regimes. So sah Hitler Fußball als unglaublich wichtig an für die Wahrnehmung des Regimes und gebrauchte das Spiel zu seinem Vorteil, indem er seine Nationalmannschaft 1938 in London gegen England spielen ließ. Ihre vornehme Art zu spielen brachte ihnen im Vereinigten Königreich viele Freunde ein und half indirekt bei der Ausweitung der englisch-französischen appeasement-Politik. Obwohl dies zwei berühmte Beispiele sind, handelt es sich nicht um Einzelfälle, da die Verbindung zwischen Fußball und Politik tief verwurzelt ist und von Persönlichkeiten von Perón bis Gadaffi verwendet wurde.

Heutzutage versucht sogar die Durchschnittspolitik, sich bei jeder Gelegenheit mit dem Fußball zu verbinden. Auch wenn Tony Blairs Bemerkung über David Beckhams rechten Fuß oder Jacques Chiracs Ausrufung eines Feiertags zur Anerkennung französischer Fußballerfolge vielleicht subtiler sind als die zuvor erwähnten Beispiele, so sind sie doch eine lebendige Zutat im Rezept für politischen Erfolg. Eine häufige Kritik an heutigen Politikern ist ihre Unerreichbarkeit für die Stimmung des Volkes, doch Sport und vor allem Fußball gibt ihnen die Möglichkeit, Affinität mit dem gewöhnlichen Bürger zu demonstrieren.

Der Aufstieg der Euroskeptiker

Solche Verbindungen zwischen Durchschnittspolitik und Sport mögen opportunistisch sein, sind aber meistens harmlos. Die politische Debatte über Europas Zukunft in den Monaten vor und während Europameisterschaft 2004 brachte allerdings einige anti-europäische Parteien dazu, sich auf den patriotischen Eifer zu stützen, den das Turnier umgibt, um mit einer unheilvolleren Rhetorik von Nationalismus Sympathien zu gewinnen. Die Nationalisten versuchen vom Stolz auf die Nationalteams zu profitieren, die als Symbol für das Vorrecht der Nationen vor Europa verwendet werden. Im Vereinigten Königreich, bereits von Natur aus eine euroskeptische Nation, konnte man das bei dem mehr oder weniger kometenhaften Anstieg der United Kingdom Independence Party (UKIP) sehen und in geringerem Ausmaß bei der British National Party (BNP), die beide nationalistische politische Programme verfolgen. Während einige argumentieren, dass der politische Rechtsruck in Europa auf weitreichendere Probleme wie das Asylrecht und eine 11. September-bedingte Angst vor Terrorosmus zurückgeht, so muss man doch sagen, dass der Stolz für eine bestimmte Nation auf dem Fußballfeld von politischen Fraktionen und antieuropäischer Presse gut nutzbar gemacht werden könnte, um einen tieferen Sinn für Nationalismus und Ambivalenz gegenüber anderen europäischen Nationen herzustellen. Die Regierungen, immer bedacht auf die öffentliche Meinung, könnten mit Zurückhaltung auf weiterer Integrationsbemühungen reagierten, da sie um die nationale Stimmung besorgt sind.

Ein Euphemismus für Europa

Falls irgendein politisches Argument dieser Europameisterschaften Nachhall finden soll, dann sollte es jedoch eher pro- als antieuropäisch sein. Wie die EU, so haben sich auch die Europmeisterschaften erweitert und sich von den zaghaften Anfängen zu der Feier des Fussballs entwickelt, die wir innerhalb der letzten Wochen gesehen haben. Wir haben alle unsere Lieblingsmannschaft, erkennen jedoch auch die Verdienste der anderen an. Verschiedene Teams haben verschiedene Stile und doch ist das Turnier die Feier einer gemeinsamen Kultur. Die Engländer werden von einem schwedischen Trainer geleitet, die Griechen von einem deutschen, und viele der Prestige-Spieler üben ihren Beruf außerhalb ihres eigenen Landes aus.

Euro2004 ist mehr als nur ein Fußballturnier: Es ist der Euphemismus dessen, was Europa werden sollte.