Die parallele (und mysteriöse) Welt des russischen Films

Artikel veröffentlicht am 3. November 2010
Artikel veröffentlicht am 3. November 2010
Russland und sein Kino entwickelten sich unbemerkt hinter dem Rücken der Europäischen Union. Filme, die in Russland triumphieren, scheitern in Europa - und umgekehrt. Welche Faktoren bestimmen den Erfolg? Von Paris aus versucht ein Runder Tisch dem rätselhaften Geschmack des Publikums auf beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs auf den Grund zu gehen.

Die Filmothek Forum des Images im coolen Retro-Stil in Paris spiegelt eine Zukunftsvision der 1960er Jahre wieder: ovale Formen, rote Lichter, verchromte Oberflächen und Angestellte mit Hornbrillen. Am heutigen Samstag findet hier ein Runder Tisch über die Präsenz des russischen Films in Europa statt. Fünf geladene Gäste und ein Film: Erdgeschoss (Pervyj étaž) von Igor Minaev. Im Publikum sitzen ältere Pärchen um die 70 und vereinzelt junge Zuschauer. Was hat sie alle an einem Samstagnachmittag hierher geführt? Der russischen Kultur haftet der geheimnisvolle Hauch Dostojewskis an: knochige Gesichtszüge, hervortretende Stirn, spärlicher Bart, ein kahler Kopf. Wie der Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin (Sergei M. Eisenstein, 1925) ist die russiche Kultur eine realistische, intensive und durchdringende Erfahrung.

Wie sieht es heute auf dem russischen Markt aus?

Während Russland im Vergleich zu Frankreich mehr als doppelt so viele Einwohner zählt und die Fläche des Landes fünfundzwanzig Mal größer ist, gibt es dort nur halb so viele Kinosäle. Dabei war dies Joël Chapron (Festivalkurator beim Filmvertreiber uniFrance für Mittel- und Osteuropa) zufolge nicht immer so: “ In der Sowjetunion gab es 300 000 Kinos verteilt auf fünfzehn Republiken. In jedem kleineren Dorf, jeder Schule und jedem landwirtschaftlichen Kollektiv gab es eine Leinwand zur Vorführung der neuesten kommunistischen Propaganda. Aber mit dem Kapitalismus veränderte sich alles. Angesichts der Weite Russlands ist die Verbreitung der Filme so teuer, dass es sich für viele Filmproduzenten nicht lohnt das ganze Land erreichen zu wollen. Daher werden die Filme meist nur in Moskau oder Sankt Petersburg vorgeführt.“

Der Film räumte satte 4 Preise beim Festival in Cannes abWie alles in Russland stand auch das Wachstum des Kinos in engem Zusammenhang mit der staatlichen Supermacht. Unter Stalin war man wie besessen von der Produktion gigantischer Filmprojekte mit unbegrenztem Budget. Nach seinem Tode wurden die Filmstudios dezentralisiert und alles wurde ein wenig lockerer. Wenig später taten sich Filmregisseure wie Michail Kalatosow oder Andrej Tarkowskij hervor, dessen Film Opfer (Žertvoprinošenie) bei den Filmfestspielen von Cannes 1986 den Preis der Jury erhielt.

Momentan verbuchen die russischen Filmemacher im kommerziellen Kino große Erfolge wie z.B. mit Wächter der Nacht (Noçnoj Dozor, 2004, ein Film von Timur Bekmambetow) oder Piter FM (Oksana Bychkova, 2006). Trotz der lokalen Erfolge gelingt es ihnen jedoch nicht Europa zu erobern. „Es sind eben unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Geschmäcker“, sagt Joël Chapron. „Es ist als lebten wir in zwei Parallelwelten: Filme, die in Russland triumphieren, scheitern in Europa - und umgekehrt.“

Christel Vergeade, Kulturattaché der französischen Botschaft in Russland fügt hinzu: „ Die russischen Filme können sich in der Europäischen Union nicht behaupten, weil man hier die üblichen Klischees erwartet: KGB, Mafia, … Es gibt bestimmte Muster, die schwer zu durchbrechen sind: Viele sehen keine russischen, argentinischen oder deutschen Filme, weil sie es nicht gewohnt sind eine andere Sprache zu hören. Aus diesem Grund verbreiten viele Produzenten Trailer, bei denen nicht ein einziges Wort zu hören ist“. Hier ein Beispiel:

Mit dem Mikrofon in der Hand erzählt Igor Minaev von seinen Erfahrungen als Regisseur gegen Ende der Sowjetära. Schmunzelnd erinnert er sich an einige gute Anekdoten: „Ich arbeitete in einem kleinen Studio und in einer fast familiären Atmosphäre, trotz Kontrolle. Es war schwierig gute Drehbücher zu schreiben, aber wir versuchten es. Glücklicherweise gelang es uns von Zeit zu Zeit an ausländische Filme heranzukommen. Ich kann mich noch daran erinnern, als wir uns heimlich trafen, um einen französischen Film anzusehen. Wir schlichen uns unbemerkt in einen Saal und legten mit zitternden Händen die Filmrolle ein. Wir sahen Emmanuelle.“

Der Runde Tisch geht zu Ende wie er begann - in Verwirrung; zu viele Filme, zu viele Zahlen, zu viele verschiedene Geschmäcker… Stille. Es beginnt die Vorführung von Erdgeschoss, eine kleine Shakespeare’sche Tragödie inmitten eines unheimlich verschlagenen, grauen und verfallenen Russland - ganz wie das Antlitz Dostojewskis.

Fotos: Piter FM (2006) (cc) Robert Lesiak/flickr; Opfer Plakat (Andrei Tarkovski, 1986)