Die Paradiesverkäufer vom 16. Bezirk

Artikel veröffentlicht am 3. März 2007
Artikel veröffentlicht am 3. März 2007

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Die Zeugen Jehovas beginnen in Osteuropa nach neuen Mitgliedern zu suchen. In Budapest haben sie bereits ein eigenes Gemeindehaus eingerichtet – finanziert von der wohlhabenden Zentrale in New York.

Im 16. Bezirk ähnelt Budapest einem Armendorf im tiefsten Osteuropa. Unermüdliches Hundegebell durchdringt die Höfe, kräftige Mischlinge fletschen ihre Zähne, wenn ein Fremder vorbei geht. Hier liegt das „Bethel“, wie die Jehovas Zeugen (JZ) ihre Unterkunft nennen. „Haus Gottes“ bedeutet Bethel im Hebräischen. Die großzügige, streng bewachte Anlage befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen russischen Kaserne. Sie umfasst ein Verwaltungsgebäude, Wohnungen für 75 Mitglieder, Küche, Speisesaal und eine Wäscherei. Ein Garten mit kleinem Teich, saftig grünen Sträuchern und jungen Birken schließt sich an das Gebäude an. Es ist nicht schwer, sich hier wie im Paradies zu fühlen.

Von oben ernannt

Im Foyer findet sich eine Rezeption, wo die Bewohner im Wechsel den Portier- und Telefondienst leisten. Man fühlt sich an Bilder aus deutschen Versandkatalogen der 80er Jahre erinnert: Weiße Wände, helle Bodenfliesen, königsblaue Ledergarnitur, ein ovaler Glastisch, Zimmerpflanzen. Früher gingen hier russische Soldaten ein- und aus, heute zieren Bilder mit Bibelmotiven den Raum. Alles ist ordentlich, sauber und adrett.

Wir sind mit zwei Vertretern des sechsköpfigen Zweigkomitees der ungarischen JZ verabredet: Dem Deutschen Karlheinz Hartkopf und dem Österreicher Bernhard Dorfner, Pressesprecher der ungarischen Gemeinschaft. Zu Vorstandsmitgliedern wurden sie laut Hartkopf von „oben“ ernannt, von den „Aposteln der Brooklyner Zentrale“ der JZ in New York, der "Watchtower Society". Die beiden sind im Umgang mit Journalisten geübt. 687 Zeugen seien 2005 in Ungarn getauft worden, doch weit mehr als 40.000 Menschen seien „interessiert“. Laut der Webseite der Watchtower Society gibt es 22,085 getaufte Zeugen in Ungarn. Schnell lenken sie das Gespräch auf das Thema „Märtyrertum der JZ in der Nazizeit“. Damals wurden viele Mitglieder in Konzentrationslager gesteckt, da sie den Militärdienst verweigert hatten.

Eine treue und verständige Sklavin

Zsuzsa Tóth ist 29 Jahre als und stammt aus Frau aus Szómbáthely, einer kleinen Stadt in Westungarn, nahe der österreichischen Grenze. Zsuzsa wohnt seit fünf Jahren im Bethel. Vor 13 Jahren habe sie „nach dem Sinn des Lebens gesucht“ und verschiedene Jugendreligionen kennengelernt, unter anderem auch Hara Krishna. „Zum Glück“ habe sie ein JZ angesprochen und ihr das Wort Gottes verkündet. Ihre Stimme klingt hell, Zsuzsa Tóth wirkt zufrieden, wenn sie spricht. Heute sei sie „in der Wahrheit“, eine „treue und verständige Sklavin“ – beides zentrale Begriffe der spezifischen JZ-Sprache.

Kost und Logis, Wäschedienst und Friseur für lau und 17.000 Forint (rund 70 Euro) Taschengeld im Monat bekommt jeder Bewohner des Bethels. Dafür arbeiten alle von 8 bis 17 Uhr an der Übersetzung der Schriften aus Brooklyn und der hauseigenen Zeitschriften. Zsuzsa hat ein selbständiges Arbeitszimmer. Nach der Arbeit besucht sie die Zusammenkünfte der JZ, dreimal in der Woche je anderthalb Stunden. Zusätzlich geht sie zum „Felddienst“ in die Muzeum körút, die Museumsmeile in Budapest. Dort spricht sie Touristen an und will ihnen das Wort Gottes und die Bibel näher bringen. Ab und zu muss sie samstags in der Gemeinschaftsküche Geschirr spülen.

Spenden aus Amerika

Die JZ sind übezeugt, dass ihr Dienst an der Gemeinde sie an Harmagedon, dem nahen apokalyptischen Gerichtstag Gottes, rettet. Sie hoffen nach dem Weltuntergang auf tausend Jahre im Paradies. Dafür müssen sie alles, was als nicht bibelkonform gilt, aus ihrem Leben streichen: JZ nehmen am politischen Leben nicht teil: Sie wählen nicht, gehen nicht zum Militär, sie treten keiner sozialen Organisationen bei. Jede Regierung und Kirche wird strikt abgelehnt, da sie glauben, dass diese „vom Teufel kontrolliert“ werden, wie Raymond Franz, ehemaliges Mitglied der leitenden Körperschaft der JZ, in seinem Buch „Der Gewissenskonflikt“ schreibt. JZ dürfen keine Geburtstage feiern, auch Weihnachten, Ostern oder Pfingsten nicht. Im Budapester Bethel dürfen keine Kinder wohnen, Schwangere müssen das Haus verlassen.

Immer wieder geraten die Methoden der JZ in die Kritik. In den letzten Jahren gab es unzählige Medienberichte über Kindesmisshandlungen, die Arbeitsmethoden und die hierarchische Organisation der Religionsgemeinschaft Auch die Finanzpolitik der JZ gerät immer wieder in die Kritik. Zwar betont Karlheinz Hartkopf, dass „der Bau der Budapester Anlage durch Spenden aus dem Ausland und die freiwillige Arbeit der JZ ermöglicht“ wurde. Doch die Wachtturmgesellschaft in Ungarn veröffentlicht keine Bilanzen.

Ein Blick auf die Webseiten amerikanischer Wachtturmgesellschaften lässt erahnen, was Hartkopf mit „Spenden aus dem Ausland“ meint. Im Rechnungsjahr 1997/98 besaß allein die „Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania“ 705 Millionen US-Dollar Reinvermögen, wie sich auf ihrer Webseite nachlesen lässt. Faksimiles auf der Website des Amerikanischen Ausschusses für Sicherheit (U.S. Securities and Exchange Commission „SEC“) belegen, dass die Wachtturmgesellschaft, die ansonsten Wehrdienstverweigerung und Politikabstinenz predigt, Anteile an dem „J.P. Morgan Mutual Fund Trust“ und 50 Prozent an einem Unternehmensbund besitzt, der die unbemannte Aufklärungsdrohne „Silver Fox“ baute. Die Drohne wurde im zweiten Irak-Krieg getestet. Die Immobilien-Datenbank des Staates New York USPDR bewertet 2005 das Immobilienvermögen der dortigen Wachtturmgesellschaft auf mindestens 204 Millionen US-Dollar.

Genug Geld also, in Osteuropa zu investieren. Denn noch sind für die Paradiesverkäufer nicht alle Märkte erschlossen.