Die Nostalgie der Anderen

Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2014
Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2014

Augen zu und durch: Das Jahr 2014 fühlte sich nostalgisch an. Europa schaute lieber zurück als nach vorn. Durch einen Vintage-Filter sieht der Alltag ja auch irgendwie gleich besser aus. Wonach Babelianer nostalgisch sind und welche Verklärung der Vergangenheit sie gar nicht verstehen? Ein Stimmungsbild.

Lilian, lebt in Berlin (cafébabel Berlin)

DU - Im Berliner Winter: Die Zeiten, als ich noch in einem Holzhaus an der australischen Ostküste gelebt habe. Am einzigen superheißen Berliner Sommertag: Die Wanderung, als mir im Vorgebirge des Himalayas fast die Zehen abgefroren wären. Zwischen Berliner Sommer und Berliner Winter: Eigentlich nichts. Und der Rest ist geheim. 

DIE ANDEREN - Wenn Leute meinen, früher sei in Berlin doch alles besser gewesen. "Früher" bezieht sich auf die Zeit, als es noch keine Hipster in Neukölln gab und ein Sterni nicht 80 sondern 50 Cent kostete. Seltsamerweise hört man diese Pregentrification-Nostalgie fast nur aus dem Munde eindeutiger Gentrifier. Die meisten waren "damals" noch nicht mal dabei. Und natürlich sind sie alle Stammgäste in den australischen Coffeeshops in Neukölln. (Bin ich nicht, zu den Gentrifiern zähle ich aber natürlich trotzdem.)

Cady – Libanon, lebt in Stuttgart

DU - Die Lieder der libanesischen Diva und Sängerin Fairuz machen mich immer nostalgisch nach meinem Land, manchmal aber auch nach alten Liebesgeschichten. 

DIE ANDEREN - Was mich wirklich nervt, ist die Nostalgie einiger Bekannter (oder auch Familienmitglieder), die sich an kriegerischen Auseinandersetzungen im Libanon erfreuen. Unvorstellbar, aber sie sind nostalgisch nach dem Tod, Militäreinsätzen und dem Krieg - das macht mich fertig. 

Elina, Athen (cafébabel Athen)

DU - Meistens bin ich nach persönlichen Momenten nostalgisch, Momenten mit guten Freunden oder Ex-Freunden. Das Leben macht in der Vergangenheit immer Sinn. Komischerweise habe ich aber noch nie sehnsüchtig an ehemalige Jobs, an die Schule oder Uni zurückgedacht. Die waren wirklich eine Tortur für mich.

DIE ANDEREN - Ich bin geschockt, wenn ich einige meiner Landsmänner und -frauen über die Jahre vor der Krise sprechen höre. Damals, als noch Geld in den Portemonnaies war und niemand auch nur einen Gedanken an die Zukunft unserer Gesellschaft verschwendete. Die letzten 5 Jahre - die KRISE - sind eine geniale Möglichkeit darüber nachzudenken, wo wir als Land und Gesellschaft eigentlich hin wollen. Doch die Leute in ihren Vierzigern sehen diese Chance leider nicht, sie sehnen sich nach den guten alten Zeiten. Autsch! Aber versteht mich jetzt nicht falsch, das kann jedem Land so ergehen. Diesmal war eben Griechenland an der Reihe.

Mila, aus Mazedonien, lebt in Kopenhagen (cafébabel Kopenhagen)

DU - Ich sehne mich nach dem Sommer, jedes Mal, wenn ich es mit dem skandinavischen Winter aufnehme, wünschte ich mir, ich könnte unter freiem Himmel schwimmen oder Fahrrad fahren, ohne dabei zu frösteln. 

DIE ANDEREN - Nerv! Alle mazedonischen Expats sind nostalgisch, weil auswärts essen und trinken in ihrer Wahlheimat zu teuer sei. In Mazedonien ist das ziemlich billig. Und ein Klassiker - wir alle verspüren eine gewisse Nostalgie nach dem Sozialismus. Das merkt man unterbewusst bei allen in meiner Generation.

Alexander, Deutsch-Italiener, lebt in Turin (cafébabel Turin)

DU - Du sitzt so in deiner Wohnung, es ist 15 Uhr und du denkst - womit könnte ich jetzt den Rest des Tages rumbringen? Gitarre spielen? Fußball? 

DIE ANDEREN - Mich nervt die Nostalgie der Journalisten nach den alten Zeiten und vornehmlich Print-Magazinen. Denkt um! Entwickelt neue Formate. Und bleibt dran! (Ich war übrigens lange einer von ihnen)

Ainhoa, aus Spanien, lebt in Paris (cafebabel.es)

DU - Ich erinnere mich gern an meine Kindheit. Denn ich musste mich um rein gar nichts kümmern, keinen Job finden, mich nicht allzu sehr anstrengen, und Eltern und Freunde waren nur einen Katzensprung entfernt. 

DIE ANDEREN - Wenn die Leute sagen, sie sehnen sich nach einem Leben mit weniger Hightech und gleichzeitig einen Laptop unterm Arm, ein Handy, Tablet, E-Reader oder sonstigen Tech-Kram dabei haben - das geht echt gar nicht. 

Rahel, Budapest (cafébabel Budapest)

DU - Es gab da so ein Album, das hieß "On the road with Ford" (auf Ungarisch ist der Titel ein echt komisches Wortspiel, das leider nicht zu übersetzen ist) - das war so eine Art Mixtape mit Musik aus den 80ern und 90ern. Und dann war da noch "Joyride" von Roxette, mein erstes Album. Ich war ungefähr 5, es war eine Kassette, noch nichtmal eine CD. Deshalb befällt mich immer eine Art Nostalgie, wenn ich Kassetten und Walkmans sehe.

DIE ANDEREN - Ganz ehrlich: Ungarn haben die leidige Tendenz, ihre Nostalgie besonders negativ auszuleben. Aus unergründlichen Gründen sprechen sie gern darüber, wie übel alles in Ungarn ist und schon immer war, wieviel wir zu leiden hatten und wie grausam alle in der Geschichte mit uns waren (die Türken, die Österreicher, die Deutschen, die Sowjets etc...).

Thomas, Baske, lebt in Tours (cafébabel Paris)

DU - Die roten und blauen Zelte in Hendaye erinnern mich an meine baskische Großmutter. Und Tomatensalat (die Tomaten müssen gepellt sein) stehen bis heute für meinen baskischen Opa. Die Kindheit ist immer eine Wiege der Nostalgie. Aber nicht nur: Mit meinen 28 Jahren macht mich jeder Kater nostalgisch nach dem Beginn meiner Zwanziger, als ich Besäufnisse noch einfach so wegstecken konnte.

DIE ANDEREN - Politische Nostalgie macht für mich keinen Sinn. Den Wandel zu verneinen und immer nur zu lamentieren, dass 'früher alles besser war', ist verständlich, aber steht auch für die Verweigerung, die Dinge global zu sehen. Das nervt mich tierisch.

Ceris, Edinburgh (cafébabel Edinburgh)

DU - Es gibt da diese bestimmte Sonnencreme, deren Geruch mich quasi direkt in die Sommerferien nach Frankreich beamt. Damals war ich 5 Jahre alt. Sie hat nicht sonderlich gut gerochen, aber die Erinnerungen daran stimmen mich immer freudig. Auch Musik lässt mich in der Vergangenheit schwelgen - das sind meistens die trashigsten Pop-Songs, die mich an meine Am-Dram (Amateur-Drama) Teenagertage erinnern.  'It's all about you, it's all about you baby!'

DIE ANDEREN - So viele Leute schauen gern auf ihre Schulzeit zurück, ich war einfach nur froh, als es endlich vorbei war! 

Joel, London

DU - Im Großen und Ganzen fühle ich mich nostalgisch in Bezug auf fast alle Phasen meines Lebens. Ich denke, man erinnert sich immer selektiv und löscht einfach alles Negative aus dem Gedächtnis, um nur die positiven und erfreulichen Momente herauszufiltern - die Vergangenheit scheint dadurch immer besser als die Gegenwart. Doch wenn man sich darüber im Klaren ist, kann man auch in der Gegenwart versuchen, wie sein Gedächntnis zu handeln und gezielt nur die gute Dinge betonen und die schlechten unter den Tisch fallen lassen. Allerdings keine leichte Sache...

Katha, aus Deutschland, lebt in Paris (cafebabel.de)

DU - Die uralte Morla aus der Unendlichen Geschichte von Michael Ende ist mir irgendwie immer wieder mal über den Weg gelaufen. Den Film habe ich mindestens 10 Mal im Kino gesehen. DAMALS in der DDR kostete das Kino 50 Pfennig oder so. Ob mit der spanischen Band Vetusta Morla oder mit meinem Sohn, der mit seinem Papa auf dem Rücken von Fuchur durch die Wohnung segelt - Neverending Story! 

DIE ANDEREN - Ich verstehe einfach nicht, wie sich junge Menschen in Frankreich den Franc zurückwünschen, obwohl sie ihr ganzes (mündiges) Leben lang schon mit dem Euro gezahlt haben.