Die neue Generation der Opi-Boomers

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

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Die Baby-Boomer von einst sind kurz davor, in den Ruhestand zu gehen und haben diesbezüglich ihre ganz eigenen Wünsche. Das Portrait einer Generation in der Blütezeit ihrer Jahre.

“Im Ruhestand, nicht ihm Ruhestand”, mit diesem Motto bringt Gérard Mermet die Besonderheit der neuen ex-Jugendlichen auf den Punkt*. Sie sind von den elterlichen Verantwortungen befreit, zum grössten Teil in guter körperlicher Verfassung und werden noch dazu von ihren Ersparnissen und Investitionen in Sicherheit gewogen, denn ihr Leben wurde von 30 glorreichen Jahren begleitet. Senioren dieser Art sind überall und fordern ihren Platz in der Gesellschaft. In Europa sowie in allen Industrieländern kommen neue soziale und kulturelle Verhaltensweisen auf, und diese neuen Abhängigkeiten schaffen neue soziale Verbindungen.

Lange Zeit als Konsumgeneration angesehen, erscheint sie, gemäss der Analyse von Ronald Ingelhart, als “post-materalistische”-Generation. Die post-materialistischen Werte, gekennzeichnet durch ihre grosse Abneigung gegenüber Geld und sozialem Wettkampf, stellen sich den materialistischen Werten der Konsumgesellschaft. Für die Post-Materialisten hat nicht Wohlstand Priorität im Leben, sondern die Selbstverwirklichung ist der übergeordnete Zweck allen Strebens, aller individuellen und gemeinsamen Tätigkeiten.

“Es lebe der Opi-Boom”

Neben Ersparnissen und Immobilien wollen die Senioren frei und fröhlich sein und gleichzeitig “mitten im Leben bleiben”. Auch wenn Armut einige unter ihnen trifft (fast ein Drittel im Jahr 1970 gegenüber 5 % 1997), ihr Ansporn bleibt die Aufwertung sowie die Verwirklichung ihrer eigenen Persönlichkeit. Und das Gesicht dieses letzten Lebensdrittels zeichnet sich nur verschwommen ab: sie sind die neuen Grosseltern, die politischen Lobbyisten, die sozialen Mittelsmänner sowie eine einflußreiche Wählerschaft.

Die Kunst, Grosseltern zu sein, wird für sie alle Wirklichkeit. Dies macht Robert Rochefort in seinem Buch “Es lebe der Opi-Boom” deutlich: die Opi-Boomers engagieren sich in der Familie indem sie die vertikalen Verbindungen neu beleben, durch finazielle und emotionale Unterstützung, durch das Hüten der Enkel und die Unterstützung des Studiums, manchmal sogar über vier Generationen hinweg…

Immer mehr werden Mitglieder in Vereinen. Schon heute sind es 33 %, im Vergleich zu 20 % vor 20 Jahren. Die Vereinswelt explodiert durch ihre Anträge: 30% der 60 bis 75-jährigen sind aktive Mitglieder eines Vereins, d.h. dreimal mehr als noch vor 40 Jahren. Und erst mit 80 Jahren aufwärts nimmt diese Zahl ab. Bevorzugt werden Vereine mit altruistischem Zielen oder Freizeitvereine.

Diese Wahl entspricht nicht den Werten, die sie sonst vertreten. Denn mehr als die Hälfte der Opi-Boomers in Frankreich bekennen sich als regelmäßig oder gelegentlich praktizierende Gläubige. Ihr religiöses Engagement ist doppelt so stark wie das der Jüngeren. Diese im Untergrund stattfindende Wiederbelebung des sozialen Vertrags, die die administrative Seite außer Acht lässt, führt zu einem Konflikt mit dem Staat. In dem sie, was die Verinsmitgliedschaft angeht, sich immer mehr der angelsächsischen Welt annähert, könnte diese Generation das sein, was de Tocqueville einst die Suche nach Demokratie mit Hilfe der sogenannten Zivilgesellschaft nannte. Die Anti-Globalisierung nähert sich hier der „Archi-Globalisierung“ an!

Geld ist ein Trampolin

Ihre post-materialistische Selbstverwirklichung ist in gutem Einklang mit ihrer Wahlbeteiligung, ein Einsatz der wichtig ist, denn es ist die gemeinsame Erkenntniss ihres politischen Gewichts, das aus ihnen eine wahlentscheidende Kraft macht. Diese Generation ist in Ruinen geboren, sie hat ihre Jugend zwischen Pfarrer und Bürgermeister verbracht. Diese Generation ist es, die Massenuniversität für sich entdeckte und mit 20 die ’68-er Revolution mitmachte. Sie wurde reich und sparte, um dann schliesslich die Politik wiederzuentdecken, zu einer Zeit, in der der Wohlfahrtsstaat zu Gunsten der Grenzöffnungen geopfert werden musste.

So gilt in Amerika, wo Extreme über Mäßigung siegen – was pädagogische Einflüsse auf Europa haben könnte –, die Generation der 50-jährigen als die am weitestgehend wohlhabendste. Und die Zahlen bestätigen dies: der Wert des Dow Jones ist seit 1945 auf das Vierzigfache seines damaligen Wertes gestiegen, die Immobilienaktien auf das Fünfhudertfache. Sie besitzen 77 % des Vermögens und machen 66 % der Aktionäre sowie 80 % der Luxuskundschaft aus...

Die amerikanische Rentnervereinigung ist somit eine der einflußreichsten Lobbys Amerikas geworden. Mit mehr als 35 Millionen Mitgliedern und 2000 Angestellten, von denen 20 permanente Lobbyisten in Washington sind, setzt sie sich für Veröffentlichungen, die Verkürzung im Pflegebereich und Rentenfonds ein. Geld ist somit einTrampolin, doch ihr Leben setzt sich aus sozialen, politischen, religiösen und familiären Faktoren zusammen.

Weit entfernt davon entfernt, sich von der Gesellschaft abzuwenden, entwickeln die Rentner so auf einem gesellschaftlichen Kompost Verhaltensweisen von Solidarität. Post-materialismus reimt sich somit auf Individualismus. So weist zum Beispiel der Soziologe Jean-Didier Urbain darauf hin, dass „diese Personen (60 Jahre oder älter) Reisen ins Ausland immer noch einen Luxus nennen, wobei die Baby-Boomers die Renten als ihr gutes Recht ansehen“. Autonomie im Bereich des Wohnens war ein weiterer Wunsch. Nach dem Ende des Wohlfahrsststaats hat sich die familiäre Solidarität verstärkt: die Unterstützung der Kinder ist besonders durch eine gesicherte Rente möglich.

„An Alter zu sterben ist ein seltener Tod“

Die Senioren werden in ganz Europa ein entscheidender Faktor. Sie können den sozialen Vertrag erneuern und mehr Freiheit anstreben könnte, in dem sie diese weiterreicht. Das muss nicht unbedingt negativ sein. Ingelhart fasst die post-materialistische Wendung wie folgt zusammen: „Noch vor weniger als einer Generation herrschte eine materialistische Übereinstimmung. Linke und Rechte, Marxisten und Kapitalisten, alle stimmten überein, dass Wirtschaftswachstum eine gute Sache war. Nur über die Art und Weise, wie die Früchte des Wachstums verteilt werden sollten, waren sie sich nicht einig. Heute, in Anbetracht des plötzlichen Aufkommens des post-materialistischen Gedankenguts, wird der wirtschaftliche Wachstum als Wert an sich in Frage gestellt; und damit auch die traditionnelle Ansichten über Arbeit, Autorität, Religion sowie sexuelle und soziale Normen. Selbstverwirklichung ist ein Wert an sich geworden.“

Aber der Individualismus und die neuen Abhängigkeiten, die aus dieser Situation entstehen werden, dürfen uns nicht vergessen lassen, dass uns Senioren auch viel beibringen können. So wie es in den Zeilen von de Montaigne heisst: „47 Jahre ist ein Alter, das wenige Menschen erreichen“ und „an Alter zu sterben ist ein seltener Tod, besonders und außergewöhnlich“. Das sollte uns daran erinnern, an den Tod mit Bescheidenheit zu denken und uns daran hindern, der Suche nach einem vertieften Individualismus zu erliegen, einem Ventil für den baldigen Tod.