„Die Monarchen hören mehr aufs Volk als die Politiker“

Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2006

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Stéphane Bern, französischer Journalist und Experte für die „Royals“, im Gespräch mit cafebabel.com über die anhaltende Beliebtheit der europäischen Königshäuser.

Stellvertrender Chefredakteur bei der französischen Zeitschrift „Mme Figaro“, Kolumnist bei France Inter und Fernsehmoderator: Stéphane Bern, 43, beschreibt sich selbst als einen „aufrichtigen Hofreporter“.

Warum werden die gekrönten Häupter nicht mehr als altmodisch angesehen?

Grundsätzlich ist das Interesse an der Monarchie in den Ländern, die sie beibehalten haben, in den letzten Jahren ständig gewachsen. Diese Monarchien haben es geschafft, mit der Zeit zu gehen. Und das viel mehr als andere politische Institutionen wie etwa der französische Senat, der seiner Zeit hinterher hinkt. Tatsächlich haben sich die Höfe verjüngt und ihr Blut durch die Demokratisierung der jungen Generation einer Frischzellenkur unterzogen. Das beste Beispiel hierfür sind Eheschließungen zwischen Thronfolger und Angehörigen der bürgerlichen Highsociety. Es ist eine Neuauflage des „Aschenputtel“-Märchens. Romantik pur.

Auch die Werte haben sich geändert, wie das Beispiel Norwegen zeigt: Mette-Marit, eine ehemalige alleinerziehende junge Mutter, hat Prinz Haakon, den zukünftigen König von Norwegen geheiratet. So etwas zeigt mehr Wirkung als alle Gesetze, die ein Parlament zur Gleichstellung der Geschlechter verabschieden könnte.

Können derartige Ehen nicht die Monarchiern ihrer privilegierten Stellung berauben und zu ihrem Ende führen?

Man sagt das Ende der Monarchien seit 1000 Jahren voraus. Man hatte dabei aber stets ein unrealistisches und altmodisches Bild der Monarchie im Blick. Sie stürzen, wenn sie sich zu sehr vom Volk und von den Tendenzen im eigenen Land abheben.

Ist dieser Wertewandel der gleiche in England, wo Camilla Parker-Bowles, obwohl geschieden, letztendlich denjeigen geheiratet hat, dessen Geliebte sie 34 Jahre lang war?

Die Entwicklungen sind noch deutlicher in Großbritannien. Die Monarchie nimmt wesentlich stärker an der Entwicklung der Werte Teil als das der Regierungschef Tony Blair vermag. Die Queen hat etwa entschieden, fortan etwas kürzer zu treten, sie zieht sich aus Kensington Palace zurück und macht ein Museum daraus, sie zahlt ihre Steuern wie jeder andere auch, sie hat sogar die königliche Flotte verkleinert, das heißt die Zahl der Flugzeuge, die ihr zur Verfügung stehen. Die Regierung hingegen nutzt diese seither wie unsereins Taxi fährt. Die Rollen scheinen vertauscht: Die Monarchie ist demütiger und bescheidener geworden. Zur gleichen Zeit erscheinen zahlreiche Bücher, die den Lebensstil der Blairs und ihre Allüren aufdecken. Die Monarchen hören mehr auf das Volk als die Politiker.

Bedeutet das, die Europäer werden zu Royalisten?

Nein, das sind zwei paar Schuhe. Wenn es um die Königshäuser geht, hat man es mit Phantasie, dem Irrationalen und dem innersten der kollektiven Vorstellungskraft zu tun. In Belgien kritisiert ein Teil der Monarchiegegner den König, weil er der einzige Garant für ein vereinigtes Belgien ist. Die flämischen Separatisten wollen auf alle Fälle das Ende Belgiens. Das beweißt im Gegenzug, welche Bedeutung die Monarchie besitzt. Man kann nicht ständig behaupten, die königliche Familien nütze niemandem und sie zur gleichen Zeit ständig attackieren.

Das gleiche gilt für die Spanier, die sich gerne als ‚Juancarlisten’ und nicht als Royalisten bezeichnen. Während des Besuchs des spanischen Königs Juan Carlos in Frankreich hat man gesehen wie populär er ist. Welcher Politiker auf der ganzen Welt kann sich heutzutage nach einer 30-jährigen Amtszeit einer derartigen Popularität rühmen? Für die Franzosen heißt das: Sie haben einen Sinn für das Hofleben. Sofern es im Ausland stattfindet.

Was denken Sie vom sozialen Engagement der Königshäuser?

Es ist entscheidend. Es ist das Einzige, das die Monarchie wirklich rechtfertigt, abgesehen von ihrer politischen Bedeutung. Betrachtet man Königin Sophia von Spanien, die in Saudi Arabien war oder in Afrika bei den kranken Kindern auf jeden Fall immer auf der Seite der Leidenden. Sylvia von Schweden setzt sich pausenlos für die Rechte der Kinder in unseren Gesellschaften ein, sie tritt für eine UN-Charter für Kinderrechte ein.

Die Prinzessinnen verbringen ihre Zeit in Hospizen, Krankenhäusern, Kinderkrippen, Altersheimen. Sie haben Logenplätze, um die Not der Menschen zu sehen und vor allem, um zu verstehen, was ihnen fehlt. Die Politiker sehen diese Menschen nicht, es sei denn, wenn Wahlkampf ist. Es ist unglaublich, was Prinz Charles mit seinem Prince’s Trust bei der Wiedereingliederung junger Arbeitsloser ins Berufsleben alles gelingt.