'Die Medien hätten mit einer Stimme sprechen sollen'

Artikel veröffentlicht am 20. März 2007
Artikel veröffentlicht am 20. März 2007

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Vor einem Jahr eskalierte der Streit um die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands Posten. Ein Gespräch mit Flemming Rose, der die Zeichnungen in Auftrag gegeben hatte.

Flemming Rose, 50, ist Leiter der Kulturredaktion der dänischen Tageszeitung Jyllands Posten. Im September 2005 forderte er mehrere Cartoonisten auf, Bilder des Propheten Mohammed anzufertigen. Die Zeitung veröffentlichte daraufhin einige der zwölf Karikaturen und zog dadurch den Zorn der muslimischen Gemeinde Dänemarks auf sich. Die Zeichnungen seien „verhöhnend und verspottend“ und stellten Islam und Terrorismus gleich, so die Kritik.

Im Februar 2006 eskalierte der Streit, als mehrere ausländische Zeitungen mit dem Argument der Meinungsfreiheit die Karikaturen veröffentlichten. Daraufhin wurden im Mittleren Osten dänische Unternehmen boykottiert und westliche Botschaften gestürmt.

Herr Rose, in einem Interview in Newsweek vom Februar 2006 bestätigen Sie, dass Sie die „Selbstzensur der dänischen Künstler gegenüber dem Islams testen wollten“. War dies nicht eine Provokation?

Überhaupt nicht. Meine Kollegen und ich wollten die Debatte über die künstlerische Selbstzensur anstoßen und die Tatsache unterstreichen, dass einige religiöse Führer manchmal der Gesellschaft ihre Regeln auferlegen. Natürlich haben wir so eine Reaktion der islamischen Welt nicht erwartet. Bernard Liwis, einer der großen Kenner der muslimischen Welt, bezeichnete den Karikaturen-Streit als einmalig in den Beziehungen zwischen Abendland und Islam. In der Regel haben Muslime wenig Interesse an dem gezeigt, was außerhalb ihres Kulturraums vor sich ging. In diesem Fall versuchten nun zum ersten Mal Muslime ihre Glaubenssätze den Nichtmuslimen aufzuzwingen.

Manche Zeitungen, insbesondere in Norwegen und Frankreich, haben die Karikaturen abgedruckt, um dadurch ihre Unterstützung zu bekunden. Gab es damals eine Solidarität unter den Journalisten?

Ich war sehr glücklich, dass andere große Zeitungen die Zeichnungen veröffentlichten. Aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass wir nicht mit so einem Strohfeuer der Gewalt konfrontiert worden wären, wenn sich die Gesamtheit der europäischen Presse der Bewegung angeschlossen hätte. Ich glaube aber auch, dass wir das Erwachen einer europäischen öffentlichen Meinung miterlebt haben, und das, obwohl sich die verschiedenen Redaktionen nicht abgesprochen haben, sondern spontan beschlossen haben, die Zeichnungen zu veröffentlichen. Dieses kollektive Bewusstwerden ist eher ermutigend, selbst wenn ich es gern gesehen hätte, dass die Medien mit einer Stimme gesprochen hätten.

Glauben Sie, dass es in den europäischen Medien eine Diktatur des politisch Korrekten gibt?

Nein. Ich glaube die Selbstzensur ist eine gute Sache, ob sie nun zu den Richtlinien einer Zeitung zählt oder nicht. Es gibt jedoch einen Unterschied, ob man etwas aus freien Dingen heraus tut oder ob man eingeschüchtert ist. Im Karikaturen-Streit ging es meiner Meinung nach um die Pressefreiheit und um die Fähigkeit einer modernen und säkularisierten Gesellschaft, zu akzeptieren, dass Menschen anderer Konfessionen sich in diese Gesellschaft integrieren.

Viele haben sich darauf beschränkt, eine große Zeitung anzuprangern, weil diese eine Minderheit beleidigt habe. Ich gebe zu, dass dies eine Meinung ist, die öffentlich diskutiert werden kann. Wenn jedoch Zeitungen schließen müssen, Chefredakteure ins Gefängnis kommen, weil sie Karikaturen veröffentlichen oder Journalisten mit dem Tod bedroht werden, dann kann man unmöglich behaupten, dass diese Krise nicht mit der Meinungsfreiheit zu tun hat.

Wie beurteilen Sie die Haltung der europäischen Institutionen in dieser Angelegenheit?

Der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso war sehr deutlich, als er die Bedeutung der Meinungsfreiheit in Europa bestätigte. Der oberste Außenpolitiker der EU, Javier Solana, spielte jedoch eine eher fragwürdige Rolle: kurz nach der Krise hatte er sich während seines Aufenthaltes im Mittleren Osten bei der muslimischen Gemeinde im Namen Europas entschuldigt. Mit welchem Recht? Was einige Staatsoberhäupter angeht, hatten manche ebenfalls ein zweifelhaftes Verhalten. Jacques Chirac war zum Beispiel zwei Wochen nach dem Eklat in Saudi-Arabien, um dort Waffen zu verkaufen. Entweder haben die Politiker nicht über die Auswirkung ihres Handelns nachgedacht, oder sie verfolgten ganz andere Interessen.

Was ist ihre Meinung über den Prozess gegen die französische Satire-Zeitung Charlie Hebdo? Die Zeitung hatte die Karikaturen nachgedruckt und wurde daraufhin von den wichtigsten muslimischen Verbänden in Frankreich vor Gericht gebracht.

Auch in Dänemark haben sieben muslimische Vereine versucht, Jyllands Posten vor Gericht zu ziehen, jedoch ohne Erfolg. Sie haben danach den Chefredakteur und mich angegriffen, jedoch wurde die Klage zurückgewiesen. Ich hoffe dass es im Fall Charlie Hebdo nicht anders sein wird. Das wäre ein Skandal, wenn das Land Voltaires und der Aufklärung die Zeitung für schuldig erklären würde. Das Urteil des Prozesses könnte ernsthafte Folgen für die Zukunft der Meinungsfreiheit in Europa haben.