Die Massen erziehen

Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2005
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Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2005

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Der deutsche Film “Die fetten Jahre sind vorbei” (engl. „The Edukators“) läuft derzeit in Europas Kinos an. Zwischen Politik und Dreierbeziehung scheint das deutsche Kino seinen goldenen Zeiten entgegenzusteuern.

“Die fetten Jahre sind vorbei” tritt als spitzfindige und nostalgische Sozialsatire in die Fußstapfen des internationalen Erfolges „Goodbye Lenin“. Gemeinsamkeiten finden sich auch in der Besetzung wieder: Daniel Brühl und Burghart Klaußner spielen in beiden Filmen Hauptrollen. Der in Österreich geborene Regisseur und Co-Autor Hans Weingartner nutzte seine eigene Erfahrung als politischer Aktivist für das Filmprojekt, das von einer Gruppe junger, politisch radikaler Möchtegerns handelt, die versucht, die Gesellschaft im Geiste von `68 positiv zu verändern. Der verschrobene Handlungsstrang und die absolut überzeugenden Charaktere verdeutlichen das Wesen idealistischer Rebellion und eines Non-Konformismus in unserer heutigen Gesellschaft.

Drogen, lange Haare und Idealismus

Der Film konzentriert sich auf drei in Berlin lebenden Radikal-Hippies, Jan (Brühl), Peter (Stipe Erceg) und Jule (Julia Jentsch), die in Häuser reicher Großbürger einbrechen, dort das Mobiliar umräumen und Nachrichten hinterlassen wie „Ihr habt zu viel Geld“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“. Dieser gewaltfreie Protest soll die Reichen zum Nachdenken über Ihren Wohlstand bringen und sie warnen, dass ihre „Tage im Überfluss“ gezählt sind. Als Jule und Jan vom Hardenberg (Klaußner) überrascht werden, in dessen Villa sie gerade eingedrungen sind, sind sie gezwungen, ihn kurzerhand zu kidnappen. Die drei Idealisten landen mit ihrer Geisel im Schlepptau schließlich in den österreichischen Alpen. Während sie sich dort verstecken, bahnen sich Konflikte durch Jules Zuneigung sowohl für Jan als auch für Peter an, wodurch eine Dreierbeziehung entsteht, die an François Truffauts Meisterwerk „Jules et Jim“ erinnert.

Kern des Films ist die Art und Weise, wie die jungen Rebellen mit den Werten des Establishments konfrontiert werden. Eine interessante Wendung nimmt der Handlungsverlauf, als sich herausstellt, dass Hardenberg Teil der Studentenbewegung in den 1960er Jahren war und behauptet, mit ihren Überzeugungen zu sympathisieren. Die politischen Streitgespräche sind zwar klischeebeladen und die Dialoge gehen nicht über die Standardkritik an Sozialismus und Konservatismus hinaus, doch jeder der dieses als Schwachstelle sieht, verfehlt den entscheidenden Punkt. Der Film soll kein politisches Manifest sein, sondern eine intelligente Darstellung von Moral, Vertrauen und Freundschaft. Die drei Aktivisten sind naiv, und gelegentlich können individualistische Launen ihre idealistische Einstellung beeinträchtigen. Trotzdem sind sie, ebenso wie der Geschäftsmann Hardenberg, liebenswürdige Charaktere. Weingartner stellt Enthusiasmus und Überzeugung der jungen Rebellen der ausgereiften Resignation von Hardenberg gegenüber. Dieser hängt den Zeiten nach, in der er selbst einmal dafür gekämpft hat, die Gesellschaft zu verbessern. Außerdem werden die Unterschiede zwischen den 1960ern und der heutigen Zeit herausgestellt, wofür Jans Bemerkung an Jule steht: „Heute ist die Rebellion schwierig. Früher war alles, was man dazu brauchte Drogen und lange Haare, dann war das Establishment automatisch gegen dich...“

Die Leistungen der Schauspieler sind allesamt sehr eindrucksvoll - Brühl, Erceg und Jentsch porträtieren den „wütenden jungen Rebellen“ (bzw. „die Rebellin“) alle hervorragend, indem sie jedem Charakter seine eigene subtile Identität verleihen. Klaußner spielt seine Rolle ebenfalls sehr erfolgreich, die umso überzeugender wirkt, je weiter die Geschichte voranschreitet. Die Kamera ist größtenteils handgeführt, was beim Zuschauer ein Gefühl von Intimität, ja fast schon Verzweiflung auslöst und ein besseres Hineinversetzen in die Protagonisten ermöglicht.

Internationaler Erfolg?

Nachdem „Die fetten Jahre sind vorbei“ in Deutschland und der Schweiz schon im November 2004 angelaufen, auf Filmfestspielen in Karlovy, Cinessonne, Warschau, London, Hamburg und Göteborg gezeigt und sogar für die Goldene Palme von Cannes 2004 nominiert wurde, lobten sowohl Kritiker als auch Publikum in ganz Europa den Film. Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass der er ebenso viel Erfolg wie „Goodbye Lenin“ (2003) haben wird, der den Bayrischen-, Deutschen- und Europäischen Filmpreis erhielt und in 30 Ländern weltweit gezeigt wurde. Für diejenigen, die diesem Glanzstück des Kinos noch nicht begegnet sind: „Goodbye Lenin“ ist eine bewegende Satire, die 1990 in Ostberlin spielt und davon handelt, wie ein junger Mann (Daniel Brühl) versucht, seine ans Bett gefesselte Mutter glauben zu lassen, dass die Berliner Mauer noch existiert und sie immer noch in der kommunistischen DDR leben (sein Vater, gespielt von Klaußner, floh in den Westen). “Die fetten Jahre sind vorbei” und „Goddbye Lenin“ sind beides clevere und originelle Filme, die vor einem politischen Hintergrund den Schwerpunkt auf den zwischenmenschlichen Beziehungen legen. Aber dennoch ist „Goodbye Lenin“ eingängiger und gerade die Tatsache, dass er die „Ostalgie“ anspricht, machte ihn besonders beliebt.Jedoch wird auch „Die fetten Jahre sind vorbei“ neben anderen deutschen Kinoerfolgen wie „Der Untergang“ und „Lola rennt“ als Beispiel für Deutschlands innovative und populäre Beiträge zur europäischen Kinolandschaft stehen. Der Film läuft im Februar und März in anderen europäischen Ländern an und verdient es, weiterhin große Erfolge zu ernten.